Sexuelle Vielfalt - Aufklärung in Zeiten des Gender-Mainstreaming

Der Medienkoffer „Familie, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“ macht seit Kurzem in Berlin die Runde. Sein Anspurch: Grundschulkinder demokratisch zu erziehen. Ein Euphemismus? Über ein falsches Verständnis von Aufklärung in Zeiten des Gender-Mainstreaming.

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(picture alliance) Aufklärung über sexuelle Vielfalt an Berliner Grundschulen – ist das wirklich nötig?

Die Unbefangenheit, mit welcher Kinder durchs Leben gehen, ist wohl mit das letzte Gut, das in unserer Gesellschaft Gefahr läuft, einer neuen Idee von Aufklärung zum Opfer zu fallen. Ihre Unschuld und Naivität, der letzte wohlbehütete Schatz, der – so scheint es – alsbald im Zuge des Mainstreaming geborgen wird.

Denn was ist es, dass das Kind-Sein so wertvoll macht, es von dem Erwachsenenleben unterscheidet? Es ist die freie Unbekümmertheit, mit der Kinder die Welt wahrnehmen, wie sie sich ihnen bietet. Kinder beäugen die Welt und das Leben darin voller Ernst, aber niemals kritisch, mit keinem höheren Anspruch an sich selbst oder an ihr Umfeld. Sie erforschen ihren Mikrokosmos mit ihren Sinnen Stück für Stück, mit Herz und Hand, erfragen sich die Welt, aber immer nur soweit, wie es ihr Verstand, ihr Geist zulässt. Weil sie es nicht besser wissen.

Nun kursiert seit kurzem ein Koffer in Berlin. Kein Reisekoffer, wie ihn einst Marlene Dietrich besang, nein, ein Medienkoffer. In ihm enthalten: 25 Bücher und ein Familienspiel. Zusammengestellt wurde er von der Bildungsinitiative QUEERFORMAT, nachdem die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung 2009 beschlossen hatte, ein didaktisches Ensemble zum Thema „Familie, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“ herauszugeben. Wohlgemerkt: Für die Grundschule. Im Rahmen der Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ formte sich der Gedanke, Kinder sollten schon von klein auf eine „demokratische Ausbildung“ genießen, die sie über die „Vielfältigkeit der Gesellschaft“ aufklärt. Im Fokus der Handreichung steht dabei die dezidierte Auseinandersetzung mit den Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens, die beispielsweise anhand unterschiedlicher Familienmodelle statuiert werden sollen.

Dabei entfernt sich die für den Medienkoffer ausgewählte Lektüre zunehmend von dem klassischen „Role Model“ und zeichnet ein Bild, in dem sich die moderne Familie alternativ organisiert, jenseits der Norm oder dem, was sich über die Jahre hinweg in unserer westlich geprägten Soziokultur als Norm etabliert hat. Der archaische Kern, die Keimzelle einer jeden Gesellschaft nach dem Schema Vater, Mutter, Kind wird peu à peu verabschiedet, stereotype Rollenbilder werden aufgebrochen und an Stelle des einmal gängigen Bilderbuchszenarios treten einige neue, wie beispielsweise Patchwork-, Adoptiv- bzw. Pflegefamilien.

Grundsätzlich ist es durchaus sinnvoll, Kinder im alltäglichen Diskurs für unterschiedliche Lebensweisen zu sensibilisieren, Akzeptanz beispielsweise für Herkunft, Geschlecht, Nationalität, Religionszugehörigkeit, wirtschaftliche Verhältnisse oder auch Behinderung zu schaffen und soziale Kompetenzen zu fördern. Und das tut der Koffer auch: Ein Buch erzählt von „Prinzessin Rosamund“, der Starken, die nicht bereit ist „jeden Hanswurst zu heiraten“ und auf dem Weg zu ihrem Traumprinzen (den sie selbst wach küsst) alleine gegen böse Feen und Drachen kämpft. Ein anderes Buch erklärt, dass Lukas, ein Junge mit Down-Syndrom, anders ist als andere Kinder. Am Ende steht die Moral: „Lukas ist wie Lukas“. „Herr Seepferdchen“ räumt derweil mit dem Klischee des Mannes auf, der lieber der Karriere nachhängt, als sich um die Kindererziehung zu kümmern.

Doch neben all diesen Geschichten war der Koffer vermehrt in Kritik geraten, weil er mit einem Begriff wirbt, der in einer Grundschule partout nichts verloren hat: „sexuelle Vielfalt“. So wird die Geschichte von „König und König“ erzählt, in der der Kronprinz sein Liebesglück eben nicht mit einer Prinzessin findet, sondern mit „Prinz Herrlich“. „Jo im roten Kleid“ schneidet das Thema Transsexualität an und „Luzie Libero“ hat einen schwulen Onkel… Nicht ganz zu Unrecht empörte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Kommentar vom 20. Juli 2011, Kinder würden dadurch zu früh an das Thema (Erwachsenen-)Sexualität herangeführt. Der Artikel von Lydia Harder verfehlte jedoch den Kern der Sache, galt ihre Empörung doch viel mehr einer Handreichung für weiterführende Schulen, „Lesbische und schwule Lebensweisen“, die vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) frei verfügbar im Netz zugänglich ist und die sie irreführend in den Kontext des Medienkoffers einflocht. Diese Handreichung plädiert für eine Gleichstellung heterosexueller und homosexueller Menschen im Zuge des „Antidiskriminierungsgesetzes“ und empfiehlt daher eine fächerübergreifende Sexuallehre ab Sekundarstufe I, sprich, ab der 7. Klasse, die mit zum Teil absurden Lehrmethoden der Homophobie vorbeugen will.

Die Wahrung der sexuellen Identität ist eine Sache, das „konstruktive Auseinandersetzen“ mit derselben eine andere. Denn das, was hier aufklärerisch anmutet, erscheint bei näherer Betrachtung vielmehr als Versuch, Freiheit zu verstaatlichen. Unter dem Deckmantel eines staatlichen Liberalismus, wird hier die Freiheit derer beschnitten, denen sie eigentlich zukommen sollte: den Eltern. Denn der sogenannte „Bildungsauftrag“ der Schulen läuft Gefahr, sich über das elterliche Erziehungsrecht hinwegzusetzen und damit über die fähige Einschätzung der Erziehungsberechtigten, wann und auf welche Art und Weise die eigenen Kinder aufzuklären sind. Darüber hinaus wird völlig missachtet, dass sich die sexuelle Identität bei Kindern und Jugendlichen individuell entwickelt und dass sich manche von der Mehrinformation auf einem derart sensiblen Gebiet emotional überfordert fühlen könnten. Natürlich ist es legitim und notwendig, Kindern und Jugendlichen die Grundlagen der menschlichen Sexualität, vielleicht auch von Sexualmoral zu vermitteln, von der körperlichen Entwicklung, der Anatomie, über Fortpflanzung bis hin zu Verhütung und Risiken sexuell übertragbarer Krankheiten. Doch der Diskurs über sexuelle Präferenzen, wie sie in der oben genannten Handreichung vorgeschlagen werden, beispielsweise das spielerische Heranführen an den Sadomaso-Begriff oder an die Funktion und Bedeutung eines Darkrooms grenzt an Nötigung.

Soweit geht der Medienkoffer nicht. Man kommt allerdings nicht umhin, sich an seinem Fokus auf „verschiedene Sexualität und sexuelle Identitäten“ zu reiben. Dass sich die Identität von Kindern neben ihrer Persönlichkeit auch über ein gesundes Körpergefühl definiert, Unterschiede im Sinne des anatomischen Anders-Sein wahrgenommen werden und es dadurch zu einer individuellen Abgrenzung von seinem Gegenüber kommt, ist natürlich und sollte gefördert werden. Doch läuft man dabei Gefahr, Kinder, bei denen das sexuelle Bewusstsein latent im Verborgenen schlummert, zu früh mit Erwachsenensexualität zu konfrontieren, wodurch es zur Zerstörung der Scham kommen kann. Bereits Freud beschrieb den Verlust des Schamgefühls als „das erste Anzeichen von Schwachsinn“. Und auch wenn man Freud aus psychoanalytischer und pädagogischer Sicht heute kritisch und mit gesunder Distanz betrachten muss, so verweist er doch auf einen wichtigen Punkt: Der Verlust der Scham führt eine Form von Enthemmung herbei, die wiederum zur Missachten der persönlichen Hemmschwelle seiner Mitmenschen führen kann. Und dieses Missachten der Intimsphäre, das bewusste oder unbewusste Hinwegsetzen über die persönlichen gesteckten Grenzen Dritter ist der Geburtsfehler eines falschen Verständnisses von Aufklärung.

Kinder benötigen einen geschützten Raum, ein stabiles Umfeld und solides familiäres Gefüge (wie auch immer dieses aussehen mag), in dem sie wachsen können. Die pervertierte Kommerzialisierung von Sexualität hingegen, die kompromisslose Sexualisierung der Gesellschaft im Zuge des Mainstreaming, wie sie uns aus unserer mediatisierten Welt hämisch entgegenschreit, hat nichts mit sexueller Emanzipation zu tun im Sinne des aufgeklärten Denkens. Lasst die Kinder Kinder sein. Wie und wann sie sich die (sexuelle) Welt erfragen, sollte ihnen und nur ihnen vorbehalten bleiben. Mit Herz und Hand.

P.S.: Da Marie Amrhein, die Autorin der Sonntagskolumne "Mein Spzialstaat" derzeit im Urlaub ist, wird sie an diesem Sonntag von Sarah Deckert vertreten.

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