Mario Draghi - Der Mann für den perfekten Sturm

Seit gut drei Monaten ist Mario Draghi Ministerpräsident von Italien und wird als Retter der Nation gefeiert – doch die Möglichkeiten des ehemaligen EZB-Chefs sind begrenzt.

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Mario Draghi will Italien im Alleingang umkrempeln / Hermann Bredehorst

Autoreninfo

Julius Müller-Meiningen arbeitet seit 2008 als freier Journalist in Rom. Er berichtet auf seiner Homepage 
www.italienreporter.de

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Neulich, bei einer Pressekonferenz in Rom, nahm Mario Draghi vor einer Abbildung des vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci Platz. Smartwatch am linken Handgelenk, perfekt sitzender dunkler Anzug, den rechten Mundwinkel nach oben gezogen, undurchschaubares Draghi-Lächeln. Der „uomo vitruviano“, benannt nach seinem Erfinder, dem römischen Ästhetiker Vitruv, bildet den Menschen in seinen idealen Proportionen ab. 

Mario Draghi kam also vor diesen Idealmaßen zu sitzen. Und wer Italiens Premier in den vergangenen Wochen beobachtete, konnte den Eindruck bekommen, der Ministerpräsident sei so etwas wie der perfekte Mann für das Land in der schwierigsten Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Vertrauen in den 73 Jahre alten Römer ist groß, die Hoffnungen, dass er Italien nach der Pandemie endlich auf den rechten Weg bringt, sind enorm – nicht nur in Rom. Sie sind so groß, dass Draghi sie kaum erfüllen kann.

Der Mann für schwierige Fälle

Der rechte Weg, so wie man ihn sich in Rom und Brüssel vorstellt, hat 266 Seiten und trägt den Namen „Piano nazionale di ripresa e resilienza“ (Nationaler Plan für Wiederaufbau und Resilienz). Draghi, seit drei Monaten als Ministerpräsident im Amt, hat ihn zusammen mit seinem Vertrauten, Wirtschaftsminister Daniele Franco, innerhalb von zwei Monaten verfasst. Das war schnell, aber auch notwendig angesichts der Brüsseler Abgabefristen. 

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Norbert Heyer | Mo, 14. Juni 2021 - 08:11

Italien, das Land der reichsten Kultur in Europa (mit Griechenland) hat sich immer aus allen noch so ausweglosen Situationen herausgewunden und stand am Schluss immer auf der richtigen Seite. Als sie sahen, wie das „Deutsche Reich“ den Bach runterging, entledigten sie sich Mussolini und gehörten zu den Siegermächten. In der EU immer am stärksten gefördert, haben sie eine respektable Wirtschaft entwickelt und jeder Italiener ist vermögender und geht eher mit höherer Rente in den Ruhestand als die
Deutschen. Jetzt haben sie erreicht, dass die Gemeinschaftsverschuldung durch ist, aus dem EU-Aufbauprogramm werden sie die meiste Kohle erhalten. Die erwarteten Gegenleistungen für Reformen, da wird die EU vergeblich warten. Schließlich hat man ja noch die reichen Deutschen in der Hinterhand, die gerne finanziell einspringen, wenn es eng wird. Italien muss nur aufpassen, dass die milchgebende Kuh nicht vorzeitig zu Tode gemolken wird, dann muss man neue Geldgeber finden. Italien ist listig.

Ein ausgezeichneter Kommentar von Herrn Heyer zum scheinbar immerwährenden glücklichen Händchen unserer italienischen Freunde. Ja, sie handelten (fast) immer klug, schafften am Ende die "Kurve". Nicht mit List und Tücke, sondern nur List, und dies stets freundlich-unauffällig.
Ich würde, falls gestattet, dazu noch ergänzen wollen: Am 23. Mai 1915 trat Italien trotz des Bündnisses mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn (Mittelmächte) auf Seiten der Entente in den 1. WK ein. Die Entente hatte einfach mehr zu bieten.
Möge Italiens Ministerpräsident und ehemaliger EZB-Chef Mario Draghi auch weiterhin mit vielen Tricks und List Italiens Wohlstand hochhalten, aber bitte nicht auf meine Kosten. Auch deshalb: Mein "Nein" zur EU-Schuldenunion.

Robert Müller | Mo, 14. Juni 2021 - 14:51

In reply to by Kurt Walther

Und wem verdanken wir diese "Freundschaft" mit den Euroländern im Süden? Helmut Kohl. Weil er in die Geschichtsbücher wollte, als Einiger Europas. Wenn ein/e Kanzler/in Visionen hat, wird es teuer.

Alexander Brand | Do, 17. Juni 2021 - 14:58

In reply to by Robert Müller

Es wird gerne vergessen zu erwähnen, denn die angebliche Freundschaft der Franzosen zu Deutschland ist heilig. Es waren aber die Franzosen, die Kohl vor der Wiedervereinigung erpreßten, indem sie ihre Zustimmung zur Vereinigung an die Zustimmung Deutschlands zum Euro knüpften! Kohl wußte, daß es für eine gemeinsame Währung deutlich zu früh ist und lehnte diese ab, die Franzosen sahen das anders. Natürlich konnte Kohl einer Wiedervereinigung nicht widerstehen und hat nachgegeben, schuld sind aber wie fast immer wenn Dinge in der EU schief gehen, alleine die Franzosen! Ich zitiere hier Herrn Hans-Olaf Henkel "es mag sein, daß in Europa deutsch gesprochen wird, gehandelt aber wird französisch" Da die Franzosen seit dem ersten Weltkrieg den Niedergang Deutschlands herbeisehnen, kommt ihnen die Transferunion sehr gelegen, denn so kann man eigene Reformen umgehen und gleichzeitig den Deutschen massiv schaden!

Wenn einer weiß, wie Italien seinen Lebensstandard und damit Schuldenberg geschickt kaschiert, ohne sich groß zu verbiegen, dann ist es Draghi. Ich mag die Italiener , nicht aber Draghi. Der Mann wird seine Kenntnisse als ehem. EZB-Chef nutzen, hauptsächlich uns die anderen Geberländer zu schröpfen, damit es seinen Italienern gut geht. Er wird nichts für eine Sanierung Italiens tun, da müsste er sich mit dem Volk anlegen, die würden ihn schnell abwählen. Braucht er ja auch nicht. Die blöden Deutschen zahlen doch eh alles.

- das römische Reich hat wie ein Parasit von der Arbeit und dem Reichtum seiner Provinzen gelebt
- in der Renaissance wurde in italienischen Städten das moderne Bankwesen erfunden und viel Geld floss nach Italien
- der Vatikan in Rom lebt seit vielen Jahrhunderten von Geld das von außen kam und kommt
- jahrhundertelang haben die Päpste Rom architektonisch verschönert (z.B. Fontana di Trevi) mit Einnahmen aus Peterspfennig und Ablassbriefen
- in Rom und Umgebung gibt es Dutzende grandioser Palastanlagen aus Renaissance und Barock (z.B. Villa d'Este in Tivoli)
- man könnte diese Aufzählung noch seitenlang fortsetzen

Romuald Veselic | Mo, 14. Juni 2021 - 08:34

der Euro-Zerstörer.
Wieso erinnert mich das Foto an Mephisto?

Christa Wallau | Mo, 14. Juni 2021 - 08:49

Selbst wenn er ein Superman w ä r e (also ein moderner Herkules), er könnte niemals das schaffen, was dem Held der Antike gelang:
den Augiasstall (Italien) ausmisten.
Denn im Gegensatz zu ihm darf Draghi nicht handeln wie er w i l l , sondern muß in der Demokratie das Volk mitnehmen, das ihn sonst wieder zum Teufel jagen wird. Das ist der Nachteil der Demokratie: Wenn der Karren im Dreck steckt,
funktioniert sie nicht mehr.
Draghi müßte erst die Italiener umerziehen, bevor er ihnen zumuten könnte, auf eingefleischte
Verhaltensweisen u. Privilegien zu verzichten.
Das aber ist utopisch. Nur tiefstes Elend,
nackte Not u. Verzweiflung sind in der Lage,
ganze Völker zur Besinnung zu bringen. Sonst nichts!
Deshalb ist es ja so wichtig, g u t e Zustände mit allen Mitteln zu bewahren, wenn man sie denn mal als Staat erreicht hat. D war 40 Jahre nach dem erzieherischen Krieg-Schock in einer stabilen Lage. Und was haben die Nachkommen inzwischen daraus gemacht?
Alles auf's Spiel gesetzt!!!

Gerhard Lenz | Mo, 14. Juni 2021 - 12:35

In reply to by Christa Wallau

Ach ja? Das da wäre? Steht Deutschland heute also politisch, wirtschaftlich und sozial am Abgund, oder ist bereits abgestürzt? Alles locker verzockt?

Glaubt man dem gebetsmühlenartig heruntergeleierten Urteil dieser Foristin, muss dem wohl so sein.

Nun weiss der aufgeklärte Leser natürlich, dass der Usus, dieses unser Land "schlechtzuschreiben", eine beinahe alltäglich Übung des rechten Randes ist. In dessen Schlepptau natürlich die AfD als "Deutschlandretter" fast schon wie Sauerbier angepriesen wird.

Es entbehrt durchaus nicht einer gewissen Komik, wenn die Stimmen, die Draghi zu seinen Zeiten als EZB-Chef noch in Bausch und Bogen verdammten, ihm jetzt plötzlich dikatorische Vollmachten wünschen, um den italienischen "Augiasstall" auszumisten.

Was natürlich wieder die Vorliebe bestimmter Foristen für autoritäre Persönlichkeiten unterstreicht, die FÜR das Volk an diesem VORBEI regiert.

Aber ein Draghi ist kein Putin, und Italien ist, anders als Russland, eine Demokratie.

Alexander Brand | Mo, 14. Juni 2021 - 11:03

und keinesfalls der Lösung! Menschen wie er gehören in kein politisches Amt, sie gehen über Leichen, haben keine Skrupel, keinen Anstand, keine Werte, sie sind nur sich selbst gegenüber loyal. Ich verstehe nicht warum ausgerechnet der Cicero Draghi in einem solch positiven Licht darstellt, er hat es nicht verdient. Auf seine Goldman-Sachs Zeit möchte ich nicht eingehen, aber die Entscheidungen die er als EZB Chef getroffen hat werden die deutschen Steuerzahler noch sehr belasten. Und die Aussage, er habe den Euro gerettet, zieht nicht, denn der Euro ist in der aktuellen Form nicht überlebensfähig! Weder Frankreich noch die anderen Südländer können sich den Euro „leisten“ da ihre Wirtschaften zu schwach sind, daran hat Draghi nichts geändert. Im Gegenteil, diese Länder leiden massiv unter dem Euro, von dem zwar unsere Exportwirtschaft profitiert, die Last dafür trägt aber der (deutsche) Steuerzahler. Draghi wird in Italien genau so wenig Probleme lösen, wie er es beim Euro getan hat!

helmut armbruster | Mo, 14. Juni 2021 - 12:38

denn niemand auf dem freien Kapitalmarkt würde diesem überschuldeten Land weiterhin fresh money geben.
Draghi's "what ever it takes" - gesagt vor beinahe 10 Jahren - hat mit dazu beigetragen, dass Italien die Schuldnerrolle weiterhin spielen konnte, und die Bankrotterklärung vermeiden konnte.
Daran muss man immer wieder erinnern, weil es leicht vergessen wird.
Während also die Schulden des ital. Staates so immer größer werden, werden die Italiener immer reicher und die Deutschen immer ärmer. (Sie sind inzwischen tatsächlich ärmer als die Italiener). Trotzdem bürgt ihr Land, also Deutschland, für die italienischen Schulden und verhindert so den ital. Kollaps, während der ital. Staat nicht in der Lage oder nicht willens ist seine Staatsbürger zur Begleichung der Schuldenlast heran zu ziehen.
Das ist ein wirkliches Paradoxum in der jüngsten europäischen Geschichte...und es geht zu Lasten der deutschen Staatsbürger.