Erlebnisse eines Nahost-Korrespondenten - Als Berichterstatter im Propaganda­krieg

Wer ist der Gute, wer der Böse? Wer hat recht und wer unrecht? Im Nahen Osten gibt es keine einfachen Antworten. Die Erlebnisse eines ZDF-Mannes

Graffiti auf einer Mauer in Gaza-Stadt: „Ich bin ein Palästinenser und ein ehrenwerter Nationalist. Ich kollaboriere nicht mit dem Feind.“
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Christian Sievers war von 2009 bis 2014 Leiter des ZDF-Studios in Tel Aviv. Seit September moderiert er die Nachrichtensendung „heute“

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Dieser Text ist eine kostenfreie Leseprobe aus der Januar-Ausgabe des Cicero. Wenn Sie das Monatsmagazin für politische Kultur kennerlernen wollen, empfehlen wir Ihnen unser Testabo.

 

 

„Welcome to the Middle East“ – willkommen im Nahen Osten, sagt Morris, unser Tonmann. Wir sind an einem Autobahn-Checkpoint der israelischen Armee und packen unser gesamtes Equipment aus, damit jedes Einzelteil durchleuchtet werden kann.

Es ist Oktober 2009, mein zweiter Tag als Nahostkorrespondent, und bereits die zweite Komplettuntersuchung von Auto und Insassen an diesem Tag. Jahre später werde ich das fast mechanisch mitmachen: Ausweis zeigen, aussteigen und vor allem – ruhig bleiben. Wer laut wird, wartet doppelt so lange. Nachfragen bringt nichts. Die Antwort ist immer dieselbe: „Sicherheitsgründe“.

[[{"fid":"65212","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":229,"width":345,"style":"height: 133px; width: 200px; margin: 3px 5px; float: left;","title":"Christian Sievers. Foto: picture alliance","class":"media-element file-copyright"}}]]Sicherheitsgründe bestimmen dieses Land, in dem es so viel Unsicherheit gibt. Die Methoden sind so verstörend wie effektiv. Gleiche Behandlung für alle? Da können Israels Sicherheitsbeamte nur müde lächeln. Beim Neujahrsempfang des Premiers für die Auslandspresse sind auch arabische Kolleginnen und Kollegen eingeladen, und gerade sie werden erst mal aufgefordert, sich in einem Vorraum des Veranstaltungssaals zur Kontrolle auszuziehen. Sicherheitsgründe.

Unzählige Male durchleuchtet und gefilzt


Vor einer Reise mit Premier Benjamin Netanjahu zur Uno frage ich einen der Bodyguards, wann die Akkreditierungsausweise ausgegeben werden. „So etwas brauchen wir nicht“, antwortet er und stellt mir 40 Minuten lang Fragen. Danach sagt er: „Jetzt kenne ich dich, das reicht.“ In der Tat: In den nächsten vier Tagen werden wir im Schlepptau des bestbewachten Politikers der Welt von den mitreisenden Herren mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr überall durchgewunken. Auf dem Rückweg wollen sie nicht mal mehr das Handgepäck sehen: „Wir suchen nicht die Bombe, wir suchen den Bombenleger.“

Keiner im ZDF-Team zählt noch mit, wie oft wir durchleuchtet und gefilzt werden. Wie oft wir die jungen Sicherheitsleute ein paar Schritte an die Seite begleiten müssen, um „weitere Fragen“ zu beantworten: „Warum sind Sie hier?“ „Warum haben Sie vorletztes Jahr Urlaub in Ägypten gemacht?“ „Wie viele Abgeordnete hat der Deutsche Bundestag?“

Für die Israelis soll das Sicherheit bringen. Für uns ist es ein mühsames Ritual. Für die Palästinenser ein entwürdigender Teil ihres täglichen Lebens.

Morris ist seit vielen Jahren dabei. Während der zweiten Intifada hat er mit kleinen Tricks versucht, nicht zwischen die Fronten zu geraten. In den Gebieten der Palästinenser hat er die Kufiya, das traditionelle Tuch, ins Auto gehängt und arabische Musik laut aufgedreht – bis zum Checkpoint der Israelis. „Dann weg mit dem Tuch, Armeeradio an und ‚Schalom‘ rufen.“

Morris ist arabischer Christ mit israelischem Pass. Außerdem in unserem TV-Team: ein jüdischer Israeli mit katholischer Ehefrau und ein palästinensischer Moslem mit Sehnsucht nach Österreich. Wir sind ein gutes Beispiel, dass es funktioniert: Man muss sich nicht hassen, nur weil man im Nahen Osten wohnt. Man kann miteinander arbeiten und sogar Spaß dabei haben.

Viele wollen ihre (Vor-)Urteile bestätigt haben


Als Auslandskorrespondent in Israel ist es einfach und schwer zugleich. Die Schwierigkeiten kommen meist von zu Hause und liegen als mehrseitiger Brief auf dem Schreibtisch, im E-Mail-Eingang oder bei Twitter. Wütende Kommentare, gerne mit Kraftausdrücken und Drohungen garniert. Es gibt manche, die sich wirklich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt auseinandersetzen, die vielleicht sogar mal selbst vor Ort waren. Die meisten, die schreiben, sehen die Region in Schwarz und Weiß. Sie wollen ihre (Vor-)Urteile bestätigt haben und – bitte schön – mehr nicht. Die, die sich selbst ganz und gar auf eine Seite geschlagen haben, donnern am lautesten über die vermeintliche Einseitigkeit der Berichterstattung. Die einen beklagen „furchtbare Palästinenserpropaganda“, die anderen „Hörigkeit gegenüber dem Judenstaat“. Oft geht es in beiden Fällen um ein und denselben Beitrag.

Nahost polarisiert wie kein zweites Berichtsgebiet. Das ist jedem Journalisten, der dort arbeitet, bewusst. Wenn beide Seiten ständig an einem ziehen, ist es leichter, in der Mitte zu bleiben. Es gibt palästinensische Familien, die eine Opferrolle derart verinnerlicht haben, dass selbst die Allerkleinsten auswendig Kampfparolen aufsagen. Wir lassen die Kamera aus. Und es gibt bezahlte Israellobbyisten, die während des vergangenen Gazakriegs plötzlich an der Live-Position der internationalen Fernsehsender auftauchen: „Schalom, ich bin Josh und kann erzählen, was die Leute hier so fühlen.“ Wir lassen die Kamera aus.

So sehr, wie die Politiker ihren Konflikt immer auch als Propaganda­krieg austragen und geradezu süchtig sind nach einem „Punktsieg“ in internationalen Medien, so sehr ist das Fernsehen für die Menschen selbstverständlicher Teil des Alltags – in Nablus und in Tel Aviv, in Aschdod wie in Ramallah.

Gastfreundschaft selbst in größter Not


Die Menschen schauen sehr viel fern. Ein deutscher TV-Koch konnte so zum Superstar werden. Und ein deutsches Fernsehteam muss nicht lange bitten, bis ein Interview klappt. Den Abend in der Privatwohnung eines ehemals gefürchteten Chefs des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad werde ich so schnell nicht vergessen. Er spricht über die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm. Ich kann meinen Blick nicht lassen von den Bildern an der Wand: Eines zeigt ein Chalet im Tiefschnee, daneben ein Kalender mit merkwürdigen Zeichen. Seine Agenten hätten ihm den zur Pensionierung geschenkt, sagt er grinsend. Zur Erinnerung an „geheime Operationen“. Fast jeder Tag hat einen Eintrag.

Nahostberichterstattung ist das Bewusstsein, dass ständig alles möglich ist. Der größte Fehler wäre es, sein Handy auszuschalten. Die beiden jüngsten Kriege begannen für uns im Studio, mit Sirenengeheul über Tel Aviv, während wir gerade einen Film geschnitten haben. Und dann versuchten, den Schlüssel für den Bunker zu finden.

Am überraschendsten aber sind die Begegnungen unterwegs. Die junge Lehrerin aus Syrien bleibt im Gedächtnis, die auf der Flucht den Großteil ihrer Familie verlor und auch sonst nichts mehr hat. Jetzt bietet sie uns Fernsehleuten in dem kargen Zelt in der Wüste als Erstes einen Kaffee an. Gastfreundschaft selbst in größter Not.

In Gaza gab es die furchtbarsten Nächte


Ich muss immer wieder an den Esel in Gaza denken, den sie mit Haarfärbemittel zum „Zebra“ machten, damit die Kinder etwas zum Staunen haben. Ohne die Improvisationsgabe und den Pragmatismus der Menschen dort wäre ihr Leid noch viel offensichtlicher. Der Chefin einer Eisfabrik in Gaza haben israelische Verbote alle Exportchancen genommen – und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie muss mit ansehen, wie sich die Radikalen Gehör verschaffen, während den Moderaten keine Stimme mehr bleibt.

In Gaza gab es die furchtbarsten Nächte. Mit F-16-Kampfjets am Himmel und dem Donnern ihrer Raketeneinschläge. Wenn selbst in den ordentlich gebauten Journalisten-Hotels die Wände so stark zittern, dass man für eine Sekunde sicher ist: Das ist es jetzt gewesen! Dann kommt der besorgte Anruf wohlmeinender deutscher Diplomaten: „Machen Sie, dass Sie da wegkommen.“

Es darf und es muss auch mal gelacht werden


Der Nahe Osten braucht die klassische Auslandsberichterstattung: Hinfahren. Selbst sehen. Mit den Leuten reden. Auf allen Seiten. Man darf nicht blind „für die einen“ oder „für die anderen“ sein. Aber neutrale Berichterstattung heißt eben auch nicht, Dinge, die objektiv ungleich sind, gleich zu machen.

„Die einen sagen so, die anderen so“ ist nicht das Ende der journalistischen Arbeit. Sondern der Anfang. Ein Ansporn, der Sache auf den Grund zu gehen.

Der scheinbar ewige Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist eben keine mechanische „Spirale der Gewalt“. Es gibt für jede Eskalation konkrete Gründe. Politische, wirtschaftliche, militärische. Das zu zeigen, ist Aufgabe des Journalismus. Ursachen benennen, Zusammenhänge erklären, Ungereimtheiten aufdecken.

Auch das Leben abbilden – jenseits von Konflikt und Krieg. Ja, es darf und es muss auch mal gelacht werden über Berichte aus dieser verrückt-verstörend-verzückenden Region.

Gerade in Nahost gilt der Spruch des amerikanischen Fernsehnachrichten-Pioniers Edward R. Murrow: „Anyone who isn’t confused, doesn’t really understand the situation“ – wer nicht verwirrt ist, versteht die Lage nicht. Welcome to the Middle East!

Christian Sievers war von 2009 bis 2014 Leiter des ZDF-Studios in Tel Aviv. Seit September moderiert er die Nachrichtensendung „heute“.

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