Corona-freie Cook Inseln - Insel der Glückseligen?

Um sich gegen Covid-19 zu schützen, haben die Cookinseln ihre Außengrenzen im März geschlossen. Bisher gibt es dort keinen einzigen registrierten Infizierten. Tim Meyer betreibt ein Hotel auf Rarotonga. Welchen Preis zahlt er für die Politik?

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Sonntagskaffee auf den Cookinseln: Familie Meyer verbringt Corona in der Südsee / Foto: Tim Meyer

Autoreninfo

Tim Meyer ist in Nordenham aufgewachsen. Er lebt heute mit seiner Familie auf Rarotonga, der Hauptsinsel der Cook-Inseln, wo er ein Hotel betreibt. Nebenbei arbeitet er als Tauchlehrer, Blogger und Autor. 

So erreichen Sie Tim Meyer:

Mit unserer Serie wagen wir einen „Blick in die Welt“, der vielen von uns verwehrt bleibt.  Hier erzählt der Hotel-Manager Tim Meyer, der mit seiner Familie auf den Cook-Inseln lebt, wie sich der Alltag in seiner neuen Heimat in der Corona-Pandemie gestaltet – ohne einen einzigen Touristen.  

Das Leben auf den Cook Inseln folgt einem anderen Rhythmus, als wir es vom Leben in europäischen Großstädten gewohnt sind. Hier haben die Menschen ein anderes Konzept von Zeit. Zeit nimmt man sich auf den Cook Inseln nicht, Zeit hat man.

Im Umkehrschluss kann man niemandem Zeit stehlen, was zur Folge hat, dass Projekte nie so laufen, wie geplant. Termine finden zwar statt, aber nicht zu der vereinbarten Zeit. Am Ende aber kommt immer alles irgendwie zusammen – ein Umweg kann auf Rarotonga, der Hauptinsel, die direkteste Verbindung sein.

Ein anderes Verständnis von Zeit  

Die Einheimischen nennen dieses Konzept von Zeit liebevoll: Island Time. Wer es als Ausländer schafft, seine verinnerlichte Strenge abzuschütteln und sich mit diesem dehnbaren Zeitbegriff zu arrangieren, der trifft hier auf warme, liebevolle und herzliche Menschen, für die die Gemeinschaft das höchste gesellschaftliche Gut ist.

Gerade jetzt zu Corona Zeiten wird der Gemeinschaftsgedanke gelebt, und alle profitieren von ihm. Seit Ende März sind die Grenzen zur Außenwelt geschlossen. Innerhalb eines Tages ist die wöchentliche Kapazität des Flughafens von 22 internationalen Flügen auf einen reduziert worden.

Nur jeden Freitag kommt ein Flugzeug 

Es kommen lediglich Cook Insulaner, die in Übersee leben, zurück nach Hause. Der Weg führt ausschließlich über Auckland, Neuseeland. Von hier aus kommt jeden Freitagnachmittag ein Flugzeug von Air New Zealand und bringt dringend benötigte Fracht, Medikamente und eben auch Rückkehrer. Die müssen dann in eine 14-tägige Quarantäne, bevor sie wieder am öffentlichen Leben teilhaben dürfen.

Die Cook Islands sind ein aus 15 Inseln bestehender Inselstaat, der sich auf  zwei Millionen Quadratkilometern Ozean erstreckt. 12 der 15 Inseln sind bewohnt. Insgesamt leben circa 15.000 Menschen auf den Inseln, weitere 60.000 Cook Insulaner in Auckland und 40.000 an der Gold Coast Australiens. Das Bruttoinlandsprodukt wird zu über 75 Prozent aus dem Tourismus generiert.

Es war, als habe jemand den Stecker gezogen

Als am 21. März 2020 die letzte Maschine Richtung LAX geflogen ist und eine Woche später die Grenzen komplett geschlossen wurden, war es, als habe jemand einen Stecker gezogen, und eine ganze Nation hatte über Nacht ihre Lebensgrundlage verloren. Eine Arbeitslosenhilfe gab es nicht, und wir saßen auf der Hauptinsel Rarotonga fest.

In nur zwei Wochen hat die hiesige Regierung ein erstes Hilfspaket geschnürt, das dem in Europa viel diskutierten bedingungslosem Grundeinkommen sehr nahe kommt. Zunächst für einen Zeitraum von drei Monaten bekam jeder Arbeitnehmer, der vor der Grenzschließung einen Arbeitsvertrag hatte, eine wöchentliche Zahlung von 260 Neuseeland-Dollar, unabhängig vom Einkommen. Das sind 148,20 Euro. 

Dieses Paket wurde dann bis zum Jahresende verlängert. Das Ergebnis: Ein Chefkoch hat jetzt genauso viel Geld zur Verfügung wie die Servicekraft. Der Mindeststundenlohn beträgt  8 Neuseeland-Dollar (4,56 Euro), ein Stück Butter kostet  7,50 Neuseeland-Dollar  (4,275 Euro), ein Liter Benzin 2,50 Neuseeland-Dollar (1,42 Euro). Auch wenn es nicht viel Geld ist, so ist es doch genug, um über die Runden zu kommen. Auch ich bekomme diese staatliche Corona-Hilfe. Der Besitzer meines Hotels zahlt die Differenz zu meinem üblichen Gehalt. Paradiesische Zustände – mit Blick aufs Meer. 

Traumhafte Aussicht aufs Meer 

Wir mussten am 22. März dieses Jahres aus unserem Haus in einem idyllischen Tal mit riesigem Garten, in dem wir Bananen, Grapefruit, Ananas, Kokosnuss, Papaya, Avocado und Maracuja angebaut haben, ausziehen. Wir sind amselben Tag ins Hotel eingezogen. Vom Tal an den Strand. Da wächst zwar nicht so viel, aber die Aussicht ist ein Traum.

Jetzt leben wir seit über sieben Monaten an einem der schönsten Südseestrände der Welt, und wenn wir die Nachrichten aus Europa lesen, können wir unser Glück manchmal kaum fassen. Es ist seltsam: Obwohl uns die Bilder aus Deutschland und Frankreich so vertraut sind, können wir die aktuelle Situation nicht mit unserem Leben zusammenbringen, denn wir leben auf einer corona-freien Insel. Das Virus hat es nie bis auf die Cook Inseln geschafft. 

Angstfreies Sozialleben ohne Maske 

Dies liegt hauptsächlich an dem politischen Status der Cook Inseln. Die Insulaner leben hier seit 1965 selbstregiert und in freier Assoziation mit Neuseeland. Die Konsequenz: Wenn Neuseeland seine Grenzen schließt, sind die Cook Inseln von der Außenwelt abgeschnitten.

Dies hat zwar zur Folge, dass wir keine Touristen mehr auf der Insel haben. Damit ist die wichtigste Einnahmequelle weggebrochen, aber wir genießen auf der anderen Seite die Freiheit, ohne Kontaktbeschränkungen zu leben, keine Masken tragen zu müssen und ein angstfreies Sozialleben zu haben. Die Schulen sind geöffnet, Sportveranstaltungen finden statt und wir können Freunde in Restaurants oder Bars treffen. Es gibt wirklich keinerlei Beschränkungen des alltäglichen Lebens. Dafür sind wir unendlich dankbar.

Glück im Unglück

Vor allem als Eltern eines 6-jährigen Sohnes und einer 3-jährigen Tochter, die selbstverständlich in die Schule gehen, Geburtstage mit Freunden feiern und ein Leben ohne Angst führen können. Wer weiß, welche langfristigen Auswirkungen die Pandemie für das Zusammenleben der Menschen in Europa hat?

Zum Glück ist es kein Problem, mit Freunden und Familie über Soziale Medien Kontakt zu halten. Was fehlt, ist jedoch der direkte Kontakt mit Menschen aus der Außenwelt. Mit anderen Worten Stimulation, der Austausch von neuen Ideen. In der Regel haben wir sehr bereichernde Gespräche mit unseren Gästen. Da bekommt man Einblicke in andere Länder, Kulturen und vor allem jede Menge Reisetipps für die Zukunft. 

Ein guter Ausblick für die Zukunft

Hoffnung gibt uns aber die Tatsache, dass Neuseeland das Virus in den vergangenen drei Monaten relativ gut unter Kontrolle bekommen hat. Die Quarantäne Beschränkungen zeigen Wirkung, und in der Community gibt es seit zwei Wochen keine Ansteckungen mehr.

Da über 70 Prozent unserer Touristen direkt aus Neuseeland kommen, bereiten wir uns auf eine Luftbrücke zwischen Auckland und Rarotonga vor. Die Regierung der Cook Inseln gibt sich optimistisch und zeichnet das Bild zwischen zwei Corona-freien Inseln hin- und herreisender Besucher.

Nicht die Geduld verlieren

Zumindest arbeiten beide Regierungen an den neuen Regelungen, die einen Reiseverkehr ohne Quarantäne erlauben könnten. Die Berichte, die wir bekommen, bezeugen den Mut und die Entschlossenheit beider Seiten, diesen Zustand in näherer Zukunft herstellen zu wollen. Bis diese Zukunft Realität wird, werden wir weiterhin dem Rhythmus der Cook Inseln genießen und ganz viel Zeit als Familie an einem der schönsten Strände der Südsee verbringen.  

Sabine Lehmann | Di, 10. November 2020 - 17:15

Nein, nicht wirklich. Oder nur ein wenig. Eine Oase des Glücks, man kann es kaum fassen, dass am Rande all dieser täglichen - meist negativen - Nachrichten aus aller Welt, am anderen Ende der Welt doch noch so etwas wie eine Insel der Glückseligkeit existiert. Sind gerade die Cook-Islands doch schon im "Betriebs-Modus" ein Paradies, wie mag es da sein, wenn man sich dort ein Jahr Auszeit nehmen kann? Herrlich für die Menschen und für Flora und Fauna sicher auch eine Erholung. Gerne mehr von solchen Berichten;-)

Gerhard Lenz | Mi, 11. November 2020 - 10:57

In reply to by Sabine Lehmann

Danke für diesen Bericht.

Mal was ganz anderes als die täglichen Berichte über Islamismus, Genderdiskussionen, Cancel Culture und Fff.

Ich schliesse mich gerne an: Bitte mehr davon.

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