Pornografie - Mit Gewalt zur Herrlichkeit

Wie eine neue Übersetzung einen neuen Marquis de Sade erfindet.

Auch das hat der Marquis schließlich geschafft: Am Ende einer langen Verbotsgeschichte, die erst den Mann, dann sein Werk strafte, sie wegschloss und zur Gefahr für Staat, Gesellschaft und Humanität erklärte, nach zwei Jahrhunderten polizeilicher Herrschaft über diesen ästhetischen Ernstfall triumphiert schließlich der Feinschmecker. In der neuen Übersetzung seines zentralen Werks «Justine und Juliette» verfügt er nun über eine eigene Sprache der Kulinarik, baut eine Kathedrale der Theorien über dem Werk und umgibt das Direkteste, das in der Literatur geschrieben wurde, mit einem Sicherheitsabstand.

Ein Werk für Connaisseurs ist dies geworden, die in Geheimsprachen vom Riskantesten sprechen. Und so in sich geschlossen es scheint, so offen wird es interpretiert: Mal als Gegengift gegen die Aufklärung, mal als ihr wahrhaftigster Ausdruck. Mal als Wegbereiter Nietzsches, mal als Vorbereitung auf das tiefenpsychologische Verfahren Freuds. Von Rousseau bis zu Alice Schwar­zer wurde das Werk der Zensur empfohlen. Von Baudelaire bis zu den Surrealisten und zu Roland Barthes wurde es als Manifest der Avantgarde fast kritiklos verehrt, von der Frankfurter Schule bis zu Pasolini in Beziehung zum Faschismus gesetzt.

Unter so viel Kennerschaft, so viel historischen Verknüpfun­gen und rhetorischer Artistik verflüchtigt sich der erste Impuls, den die unbelastete Konfrontation weckt: das Erschrecken. Als man das «skandalöseste Werk, das je geschrieben wurde» (Maurice Blanchot) unter die Weltliteratur einreihte, da hatte der Skandal gewissermaßen auch die Rezeption erreicht. Denn kann man von De Sade sprechen, ohne ein Bewusstsein davon zu haben, dass vor ihm große Teile der Kultur zunichte werden? Der Reflex, den sein Werk pro­voziert, sagt: Dies soll nicht sein, so soll nicht gedacht, gefühlt, agiert werden. Aber soll deshalb so auch nicht geschrieben werden?

Der moralische Reflex ist selbst auch ein Resultat der Aufklärung, der Humanisierungsanstrengung einer Kultur, die De Sade nicht einmal ex negativo wirklich im Blick hat. Sein Denken bricht Verbote ohne dialektische Vermittlung und Aufhebung: Das Erhabene an De Sade ist seine vollendete Negativität. Dieser gegenüber musste die Rezeption erst einmal den Beweis antreten, dass sie dem Werk nervlich und geschmacklich gewachsen ist.

Der «göttliche Marquis» wurde so zu einem der größten Anreger der Literaturgeschichte. Wer in seinen Umkreis kam, muss­te radikal werden, und spätestens als sein Name sich in die Bezeichnung einer sexuellen Anomalie verwandelte, galt es das Werk gegen die bloße Ausstellung des «Sadistischen» zu verteidigen. Denn reicht hier die Gewalt nicht weiter als die Tortur, geht die Begierde nicht über die Lust hinaus?


Die Kälte in Zeiten der Galanterie

Der umnachtete Nikolaus Lenau ging einmal an einem Brustbild Platons vorbei und sagte: «Das ist der Mann, der die dumme Liebe erfunden hat.» Für den Marquis de Sade ist nicht allein die platonische, sondern die Liebe schlechthin eine Dummheit. Und so ist der Skandal des Werkes, das er hinterließ, auch der einer lieblosen Welt, in der es keine Schönheit gibt, weder in der Kunst noch in der Natur. In der Gefangenschaft setzt De Sade die Freiheit und die Willkür des Schreibens ein, um die Welt in Material zu verwandeln, in etwas, das jenseits der Erfahrbarkeit liegt.

De Sade hat diese Welt einer Zeit abgetrotzt, die das galante Lieben, das formalisierte Sprechen der neckischen, sentimentalen, von poetischen Umschreibungen umwundenen Libido favorisierte und pflegte. Er hat diese Liebe behandelt wie den Glauben: als Objekt der Zerstörung. Er hat sie ausgemerzt und eine Welt der Kälte wie des Pragmatismus hinterlassen, in der die letzte große Gefahr literarischen Sprechens nistet – jedes junge Mädchen, schrieb Rousseau, das auch nur eine Seite dieses Buches lese, werde verloren sein. Und tatsächlich ist De Sade ein Gegen-Rousseau. Er gibt ebenfalls vor, die «Natur des Menschen» zu exponieren, aber nicht als die eines schönen Wilden, der den Gesellschaftsvertrag schließt, sondern als die des materialistischen Asozialen, mit dem keine Verabredung denkbar ist.

Die Zensur allerdings hat nicht das Asoziale im Blick, sie verrät eher den Schrecken über die Begierde des Lesers. Doch während sich Zeitgenossen wie Mirabeau selbstbewusst über das Erregungsverbot hinwegsetzten – in der Vorrede zu «Meine Bekehrung» fordert er den Leser auf: «Und nun lies, verschlinge es, masturbiere» –, ist De Sade ein Entdecker, wenn nicht Erfinder von Begierde. Dennoch geschah die zeitgenössische Verfolgung De Sades durchaus im Dienste der Aufklärung. Was er beschrieb, verschwand ja gerade zu jener Zeit aus der Öffentlichkeit: die Sklaverei, die Körperstrafen und öffentliche Züchtigungen.

De Sade, der zur Zeit der Französischen Revolution gegen die Todesstrafe votierte, glaubt nicht an Erziehung, an die Veredelung des Menschlichen, sondern ist überzeugt, im Mutterleib bilde sich der Mensch ganz heraus. In einem Brief schreibt er trotzig: «Meine Denkungsart ist die Frucht meiner Reflexionen; sie sind von meinem Dasein und meiner physischen Struktur abhängig. Ich bin nicht frei, sie zu ändern, und wenn ich es wäre, würde ich es nicht tun.» Das «Menschenwürdige» interessiert ihn nicht, das «Menschengemäße» im Sinne LaMettries weit eher. Wenn er ein Monstrum ist, dann weil die Natur in ihm monströs war, amoralisch, maschinell.


Den Menschen negieren, Gott zerstören

Aber ist sie nicht, auf andere Weise, monströs auch in den Konventionen der zeitgenössischen galanten Literatur? Ihrer hoch formalisierten Sprache, ihren Ritualen setzt De Sade seine Formalismen entgegen. Es ist ein Exorzismus, denn wer nannte die blutleeren Heldinnen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts monströs? Wer nahm Anstoß am ebenso abstrakten, sterilen Menschenbild der aufklärerischen Romane, an den manchmal fast zwanghaft entsexualisierten Figuren des 19. Jahrhunderts bis zu Stifter, Mörike, Raabe?

Eine Figur ohne Sexualität ist offenbar immer noch glaubwürdiger als eine mit nichts anderem. Bis zum 20. Jahrhundert wohnen in der Literatur Bildungsgeschichte und Exzess in zwei Häusern ohne Verbindung. So gibt es, wo das Sexuelle explizit wird, in den Werken nichts als das Sexuelle, und wo der Entwicklungsroman Bildungsgeschichten schreibt, hat die Begierde keine explizite Sprache. Die Fixierung auf das Sexuelle ist also keine De Sade’sche Eigentümlichkeit, sondern eine historische Eigenschaft der literarischen Gattung.

Das Spezifische des De Sade’schen Extremismus aber ist die Arbeit der Vernunft in der Gewalt-Ausübung. Auch wenn ihm Literatur als Medium der Selbstanalyse tauglich scheint, schreitet er zunächst den Kosmos des Denkbaren, Praktizierbaren ab und beweist, dass er keine persönliche Vorliebe besitzt: Er ist vielmehr das Prinzip der Zerstörung. Er sei fest überzeugt, äußerte De Sade einmal, dass es weniger das Objekt der Begierde sei als die mit dem Sexuellen verbundene Idee des Bösen, die die Erregung antreibe. Mit der Steigerung dieser Idee ist also eine Steigerung der Lust verbunden. Das beherrschende Prinzip dieser Bewegung aber liegt im Atheismus, mit ihm triumphiert die Vernunft.

Sofern also die Gewalt-Ausübung atheistisch motiviert ist, ist sie vernünftig. Nimmt man die zehn Bände «Justine und Juliette», liegt eine Allmacht der Negation in diesem «vernunftbegabten» Atheismus, verwandt der unterstellten Allmacht Gottes. De Sades Phantasie arbeitet an der Auslöschung Gottes, und das geradezu unter der Zwangsvorstellung einer restlosen Benennung. Er schreibt auf Papierrollen, unter seinen Händen schwillt die «Justine» maßlos an, weil die Aufgabe, alle Beziehungsmöglichkeiten abzuschreiten und in das eigene Reich «übersetzt» zu haben, maßlos ist. Es gibt aber in der Literatur vor Nietzsche wohl niemanden, der sich so gründlich und so radikal an die Verneinung Gottes gemacht hätte wie De Sade. Er muss den Menschen negieren, in ihm Gott zerstören und in diesem Akt selbst zum Souverän werden.


Ein politisches Theater des nackten Lebens

Ohne ihre Ideen-Leitung könnte man De Sades zwanghafte Wie­derholungen als Auswüchse der impotenten Phantasie eines Gefangenen abtun, der sich am Skandal der eigenen Nicht-Erregbarkeit abarbeitet. Aber erstens ist in diesem Werk das Verlangen weit größer als die Be­gierde, Potenz setzt ihr keine Grenzen. Und da es dem Begehren weniger um Lust als um Wahrheit geht, kann es sich auch nicht erschöpfen. Zweitens tauchen zahllose nicht-sexuelle Phan­tasien auf – wie der Raub der in den Vulkan Gestoßenen, die Vernichtung durch Blitzschlag etc. –, und schließlich werden die Phan­tasien, wie Gilles Deleuze sagt, von der «Gewalt der Beweisführung» geleitet.

Während sich die Geistesgeschichte auf die Suche nach der verlorenen Transzendenz machte, etabliert De Sade im Despoten den souveränen Menschen und attackiert damit alle autoritativen Instanzen in Staat und Gesellschaft, die sich auf Gott berufen. In diesem Sinn zeigt sich De Sade von Gott stärker besessen als der Gläubige.

Ist sein Weltbild also komplett sexualisiert? Oder ist das Sexuelle vielmehr eine Metapher, da es ja nicht primär Erregung abbildet, sondern etwas isoliert, das ein Bestandteil des Sexuellen ist: Macht? Der Schrecken, den De Sade auslöst, liegt ja nicht in den Techniken der Folter allein, sondern in der Naturalisierung der Opfer, die keine Psychologie kennen, keine wahren Leidensäußerungen, keine Eltern- oder Kindesliebe, keine Entwicklung. Die Tortur wird im Fleische abgebildet, während die Täter die moralische Indifferenz als ein Ziel behandeln, in dem die Allmacht Gottes erlischt, weil das Schuld-Bewusstsein fehlt.

Als «positive Konsequenz des Atheismus», befand Pierre Klossowski, entwickle De Sade «eine Metaphysik der universellen Prostitution», der Verfügbarkeit der Körper. In diesem Moment offenbart das Werk De Sades sein politisches Moment im Sinne Giorgio Agambens, der im «nackten Leben» das eigentliche Subjekt der Moderne erkannte.

In seinem ganzen Werk, so schreibt er über De Sade, vor allem aber in den «120 Tagen von Sodom» inszeniere dieser das «Theatrum politicum als Theater des nackten Lebens, in dem, mittels der Sexualität, das physiologische Leben der Körper selbst sich als pures politisches Element präsentiert». Modern wäre De Sade in diesem Sinn. In seinem Werk nämlich erweist sich der Sadomaso­chismus als «genau diejenige Technik der Sexualität, die das nackte Leben des Partners zutage fördert».


Protokollsprache mit poetischen Resten

Die erste komplette Ausgabe von «Justine und Juliette», herausgegeben und übersetzt von Stefan Zweifel und Michael Pfister, ist nun abgeschlossen, eine in ihrer editorischen Sorgfalt, Ausstattung und Kommentierung vorbildliche Ausgabe. Doch eine Frage an den Schriftsteller De Sade bleibt. Sein Text ist ohne Transzendenz, ohne Hintersinn, ohne Vorsprachliches. De Sades Sprache, so hat Roland Barthes treffend bemerkt, sei «denotativ», ohne Aura, ohne ästhetischen Mehrwert. Sie ist eher die Sprache des Protokolls, der Bilanz, der Bürokratie. De Sades Lektüre-Programm konzentriert sich auf Zahlen, Maße, Anordnungen, auf quasi algebraische Regeln. Das Unsagbare wird allenfalls persif­liert, wenn von «lieblichen» Körpern die Rede ist, von einem Mund «wie gemalt».

Die hochdifferenzierte, feinkörnige Übersetzung scheint sich über diese Beschränkung bisweilen hinwegzusetzen, um der Sprache der Zeit auf geradezu artistische Weise Tribut zu zollen. Wortfindungen wie «Trotzwinkel», «Hirnwütigkeit», «Auszierung», «lasterlustig», «fitzen», «stipsen», «selbzehnt fotzletzend», «zerschlenzen», «wonneschauern», «entarschen», «Koppheister der Jammerbaren» werden beschworen – und «mittlerzeit wurde er seines Orts kastriegelt».

Solche barocken Reste stoßen an den Mathematismus De Sades und werden zum Problem: Die historisierende Tendenz der Übersetzung läuft Gefahr, das Werk unwillentlich in den Bereich der Fabel und damit in die Nähe der galanten Literatur zu versetzen, von der sich De Sade so kategorisch unterscheidet. Nicht immer bleibt das Maschinelle, Sportliche, Entindividualisierte, Repetitive sprachlich auf der Höhe seiner protokollarischen Nüchternheit. Aber vielleicht triumphiert hier auch die Unzerstörbarkeit des poetischen Sprechens über die dichterische Selbst­enthaltung des Autors, und das poetische Bild, das unausrottbar Metaphorische der Sprache, bewahrt so die letzten Spurenelemente der Religion.

 

Roger Willemsen lebt als Autor und Kritiker in Hamburg. Zuletzt erschien sein Essayband «Deutschlandreise» (2002).

 

D.A.F. de Sade
Justine und Juliette. Zehnbändige Gesamtausgabe
Herausgegeben und neu übersetzt von Stefan Zweifel und Michael Pfister.
Matthes & Seitz, München 2002. Pro Band 39 €

Michael Pfister, Stefan Zweifel
Pornosophie & Imachination. Sade, LaMettrie, Hegel
Matthes & Seitz, München 2002. 285 S., 34 €

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Ebenfalls gelöscht werden ad-hominem-Kommentare, die lediglich zum Ziel haben, andere Foristen zu diskreditieren. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Generell gilt: Pro Artikel ist pro Nutzer ein Kommentar und eine Replik auf einen anderen Leserkommentar erlaubt. Kommentare, die Links zu zweifelhaften Webseiten enthalten, werden nicht veröffentlicht. Um die Freischaltung kümmert sich die Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.