Katholiken wählten Hitler nicht

Die politisch-historische Landkarte Deutschlands weist einen bemerkenswerten Unterschied auf: In katholischen Regionen waren die Nationalsozialisten bei Wahlen unterdurchschnittlich erfolgreich. Davon profitierten nach 1945 die Unionsparteien

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Die Geschichte hat für alles eine Nemesis, wusste der Historiker Theodor Mommsen. Die erscheint oft als Rückschlag des Pendels und lässt dann auch nicht lange auf sich warten. So folgt gegenwärtig auf Jahre weithin ausgreifender Begeisterung für alles Katholische und insbesondere den Papst eine Neubelebung des antikatholischen Affekts in Deutschland. Zuletzt ließ sich sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel, protestantisch, im einst preußischen Nordosten des Landes aufgewachsen, dazu hinreißen, Benedikt XVI. zu mahnen, beim Thema Holocaust energisch und angemessen aufzutreten. Diese Mahnung hat eine Debatte eröffnet, inwieweit deutsche Katholiken dereinst den nationalsozialistischen Ungeist abgelehnt hätten oder nicht. Die einen verweisen auf die katholische Widerstandsgeschichte, die sich mit 3000 ermordeten Priestern und Namen wie Bischof Galen, dem Prälaten Lichtenberg bis zu Pater Kolbe verbindet. Die anderen erinnern an die Konkordate der Amtskirche und die fehlende scharfe Abgrenzung gegenüber dem Hitlerregime. Ein Blick auf das Wählerverhalten im Deutschen Reich 1932 und 1933 gewährt tiefere Aufschlüsse. Die Karte, die anschaulich die Verteilung der Stimmen zeigt, weist aus, dass in katholischen Regionen die NSDAP auffallend schwach vertreten war und dass umgekehrt dort, wo kaum Katholiken lebten, die Nationalsozialisten besonders gut abschnitten. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 blieben die großen Parteien SPD, Zentrum und KPD trotz erheblicher Beeinträchtigung ihres Wahlkampfs und der Verfolgung ihrer Spitzenfunktionäre ungefähr so stark, wie sie 1932 abgeschnitten hatten. Nur die NSDAP nahm erheblich zu – um fast zehn Prozent. Aber auch die Wahlbeteiligung war gestiegen – um acht Prozent. Der Eindruck verstärkt sich, wenn man die Ergebnisse bei den Wahlen zu Provinziallandtagen 1929 und 1933 miteinander vergleicht. Zunächst Westfalen: konfessionell mit starken katholischen und evangelischen Regionen, dem (Ruhr-)Industriegebiet und einem urban strukturierten ländlichen Raum. Bei stark gestiegener Wahlbeteiligung gingen die SPD-Stimmen von 22,1 auf 15,1 Prozent zurück. Das katholische Zentrum konnte 1933 lediglich 28,2 verbuchen, zuvor waren es 32,9 Prozent gewesen, und das, obwohl es an Wählerstimmen zwanzigtausend dazugewonnen hatte. Die KPD verbesserte sich von 9,3 auf 10,3 Prozent, die NSDAP von 2,9 – 62 439 Stimmen – auf 36,2 Prozent: 929 540 Stimmen. Bei der gleichen Wahl in der Provinz Hannover verschlechterte sich die SPD von 34,7 auf 23,1 Prozent, das Zentrum von 8,9 auf 8,1 Prozent. Die KPD verbesserte sich von 3,7 auf 4,8 Prozent, die ­NSDAP machte einen Sprung von 6,8 auf 48,8 Prozent. Zahlen aus anderen Teilen Deutschlands geben ein ähnliches Bild: Bei den Reichstagswahlen 1932 und 1933 ging der Stimmenanteil der SPD von 11,5 auf 10,5 zurück, des Zentrums von 20,5 auf 19,6, der Kommunisten von 28,3 auf 22,5. Hitlers Partei gewann 10 Prozent hinzu und erhielt 37,4 Prozent. In dieser Größenordnung war auch die Wahlbeteiligung gestiegen. Im katholischen Raum Köln-Aachen war es im Verhältnis dasselbe. Die NSDAP gewann mit dem Anstieg der Wahlbeteiligung und landete bei 30,1 Prozent, das Zentrum verlor vier Punkte und erzielte 1933 immerhin 35,9 Prozent. Ein besonderes und – auch aus der historischen Distanz krasses – Bild geben die bayerischen Verhältnisse ab. Bei der Reichstagswahl 1932 war die Wahlbeteiligung mit 69,9 Prozent vergleichsweise niedrig gewesen; sie stieg 1933 auf 82,9 Prozent, also noch mehr als anderswo. Die Bayerische Volkspartei (BVP), die hier anstelle des Zentrums auftrat, verlor fast 10 Prozent und ging von 47,1 auf 37,6 zurück, wohingegen die SPD – von 10,6 auf 9,4 Prozent – ihren Stimmanteil fast halten konnte. Die NSDAP gewann mehr als zwanzig Prozent hinzu. Ähnlich in Oberbayern: Die Wahlbeteiligung stieg um zwölf Prozent, die BVP verlor 16,5, die SPD blieb gleich stark, Hitlers Partei gewann um 16 Prozent hinzu. Das Beispiel Bayerns sollte Veranlassung sein, auf das Potenzial zu achten, das möglicherweise in der Menge der Nichtwähler steckt. Die Zahlen aus Bayern machen aber auch noch auf etwas anderes aufmerksam. In diesem seit Montgelas’ Zeiten deutlich säkular und zentralistisch geführten Staat mit einem vielerorts gepäppelten Feindbild des Klerikalen erwiesen sich auch konservative, katholische Bürger in größerer Zahl als anfällig für nationalistische Töne. Dies lag auch an der Besonderheit der BVP und die hat 1925 eine verhängnisvolle Rolle in der deutschen Politik gespielt. Nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) lief die Wahl des Nachfolgers, die durch das Volk zu geschehen hatte, auf ein Duell zwischen dem Zentrumspolitiker Wilhelm Marx und dem pensionierten Feldmarschall und Weltkriegshelden Paul von Hindenburg hinaus. Marx unterlag dem Kandidaten der Rechten um 0,9 Prozent der Wählerstimmen. Die BVP hatte den Kandidaten des Zentrums nicht unterstützt. Historiker sind sich heute darüber einig, dass mit der Wahl Hindenburgs der Weg zum Ende der Weimarer Republik beschritten wurde. Auch nach 1933 hatten es die Nationalsozialisten in den katholischen Gebieten nördlich der Mainlinie schwerer als anderswo. In seinem soeben erschienenen Buch „Mitläufer, Feiglinge, Antisemiten? – Katholische Kirche und Nationalsozialismus“ weist Michael F. Feldkamp“ auf die seit 1936 im Reich schrittweise unternommene Maßnahmenpolitik, zur Entfernung von Kreuzen in Schulen hin: „Vielerorts haben die Eltern die Entfernung der Schulkreuze aus den Klassenzimmern nicht hingenommen. Spektakulär sind die Vorgänge im Freistaat Oldenburg, der kirchlich zum Bistum Münster gehört. Dort hatte die Bevölkerung im November 1936 in massiven Protesten die NS-Gauleitung zum Nachgeben gezwungen.“ Dergleichen wiederholte sich, als die Nationalsozialisten 1937 und 1941 abermals im Westen und Süden Deutschlands Kreuze aus den Schulen entfernen wollten. Feldkamp zitiert aus einem Polizeibericht aus dem bayerischen Ebermannstadt vom 30. Juni 1941: „wesentlich ernster ist dagegen die Missstimmung einzuwerten, die der „Kruzifixerlass“ bei dem ­glaubenstreuen katholischen Landvolk auslöste. Vielleicht seit Jahren erschütterte keine staatliche Maßnahme beziehungsweise Anordnung das Vertrauen so sehr, als dies hier geschah.“ Der Erlass sei „praktisch unwirksam“ geblieben. Was dem Unrechtsstaat Hitlers versagt blieb, brachte schließlich das wiedervereinigte Deutschland fertig. Das Bundesverfassungsgericht gab denen recht, die eine Entfernung von Kreuzen aus Schulräumen verlangten. Konrad Adenauer als erster Bundeskanzler der neu gegründeten Bundesrepublik hatte es im geteilten Deutschland mehrheitlich mit einer katholischen Bevölkerung zu tun. Bald schon unterstellten ihm viele, dass ihm das sehr recht war und so sehr gefiel, dass er an einer Beendigung der Teilung Deutschlands wenig Interesse hatte. Die Wahlergebnisse in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Ende der Diktatur trugen wesentlich zur Stabilität der frühen Bundesrepublik bei. Es waren dies Ergebnisse, die vielfach dem entsprachen, was die demokratischen Parteien schon 1932 und 33 hatten vorweisen können und nun zumeist in neu zugeschnittenen Bundesländern bestätigten. Allerdings hatten viele ehemalige Zentrumsleute – nicht alle – sich an der Gründung der CDU und der CSU beteiligt, um die konfessionelle Enge der Partei zu überwinden. In katholischen Ländern und Regionen kam es sogleich zu einer politischen Dominanz der Union. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1957, als CDU und CSU bei der Wahl zum Deutschen Bundestag die absolute Mehrheit der Stimmen erreichten und das ein Jahr später, bei der Landtagswahl im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen, wiederholten. Foto: Picture Alliance

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