Fifa-Chef Blatter - Der Präsident, den ihr verdient habt

Alle zeigen mit dem Finger auf Fifa-Chef Joseph Blatter. Dabei ist jeder, der Fußball konsumiert, mitverantwortlich: 1,6 Milliarden Fans weltweit halten das korrupte System am Leben

Sonnt sich im Glanze der Familie – Joseph „Sepp“ Blatter
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Manchmal hilft etwas Abstand. Wenn man zu nahe an den Dingen dran ist, sieht man sie nicht. Tritt man aber ein paar Schritte zurück, hat man plötzlich eine klare Sicht darauf.

Zum Fußball habe ich eine ordentliche Distanz. Immer wieder einmal habe ich öffentlich gestanden: Ich finde Fußball als Sport öde. Langweilig. Primitiv und ordinär.

Was mich aber interessiert, elektrisiert und fasziniert, sind Macht und Politik und alles, was damit einhergeht. Und damit sind wir mittendrin. Bei Sepp Blatter, der Fifa und dem Fußball. Der Fall fasziniert mich. Ich lese alles dazu. Wobei: Alles stimmt nicht ganz: Ich lese dazu weniger den „Kicker“, „11 Freunde“ oder die im Moment sehr fußballbigotte „Bild“. Ich lese dazu am liebsten die Financial Times. Dort geht es bei Blatter und der Fifa vor allem um die Substanz, aus der der Skandal in seinem Kern besteht: ums Geld. Um das viele, viele Geld, aus dem, so der Vorwurf der Ermittlungsbehörden, zum Teil Schmiergeld wurde.

Da wird sogar der Papst neidisch
 

Es ist so: Korruption taucht da auf, wo Macht und Geld zusammenkommen. Im Fußball und dessen internationalen Dachverband kommt beides zusammen. Seine „Familie“ nennt Sepp Blatter liebevoll die 1,6 Milliarden Menschen auf der Erde, die aktiv oder passiv dem Fußball verfallen sind. Bei der Anzahl an Menschen kann sogar der Papst in Rom neidisch werden. Blatter ist der Fußball-Papst vom Zürcher Sonnenberg. Oder dessen Pate. Familie, dieses Wort verwendet sonst die Mafia von sich.

Diese 1,6 Milliarden Menschen weltweit speisen das System Blatter. Sie haben so gesehen den Paten, den sie verdienen. Sie schmieren mit ihrem Konsumverhalten das System. Sie sorgen dafür, dass Sponsoren Milliardensummen in das System pumpen und Fernsehanstalten über die Übertragungsrechte Milliarden in das System pumpen. Ein anderes Konsumverhalten würde alles ändern. So wie keiner Antibiotikahühnchen aus Geflügel-Gefängnissen kaufen muss oder Billligjeans aus Bangladesch. Man kann das schon machen. Aber dann darf man sich nicht zugleich über einstürzende Textilfabriken empören. Genau das aber machen Fußballfans, wenn sie sich über die Fifa und Blatter aufregen.

Der wahre Hebel setzt an der Ursache an: beim Geld. So wie seinerzeit beim in Verruf geratenen Radsport. Mit dem Doping war erst Schluss, als die Markenartikler sich zurückzogen, die Sponsoren und die Fernsehsender. Seither gibt es keine Tour de France mehr, wie wir sie kannten.

Das wird beim Fußball nicht passieren. Steht auch so in der FT. Die Sponsoren wie Nike und Adidas zucken, aber sie springen nicht. Sie springen nicht ab. Und die Menschen werden nicht aufhören, Fußball zu gucken. Der Fußballwahn ist zu mächtig, die Sucht danach zu groß. Die Milliarden werden weiter generiert werden. Und das System also strukturell korruptionsanfällig bleiben. Auch nach der Ära Blatter, wann immer sie endet.

Lob der Politik
 

An der Stelle ein Lobpreis, eine Ehrenrettung der so oft gescholtenen Politik, ein Lob auf die selbstreinigenden Kräfte eines intakten politischen Systems.

Dort reicht manchmal ein im Präsidialamt stehendes Kinderplastikauto, über das der Amtsinhaber stolpert.

Sowohl bei Sepp Blatter und der Fifa als auch bei Anshu Jain und der Deutschen Bank ist hingegen ein Prinzip zu erkennen, mit dem man in der Politik nie durchkäme. Beide sagen: Wir sind zwar direkt verantwortlich für diese Veranstaltung, aber von den Schweinereien haben wir nichts gewusst. Der eine nicht von mutmaßlichen Schmiergeldzahlungen, der andere nicht von Tricksereien mit dem Leitzins des Innerbankenhandels Libor.

Diese Behauptungen kann man nun glauben oder auch nicht. Aber ganz unabhängig von der Glaubwürdigkeit einer solchen Aussage ist festzuhalten: Sie kommen durch mit dieser Masche. Jains Macht ist bei der vergangenen Hauptversammlung der Aktionäre vergrößert worden, Blatter wurde bei seiner Hauptversammlung wiedergewählt, obwohl die Ermittlungsbehörden in den USA und der Schweiz kurz vor dieser Wahl die Bombe haben hochgehen lassen.

Surreal ist das. Stoff für ein Stück von Beckett oder Ionesco. 

Bei einem Minister wäre das so: Entweder er wusste davon, dann hat er Fehler gemacht und muss weg. Oder er wusste nichts von diesen Vorgängen in seinem eigenen Haus, dann hat er seinen Laden nicht im Griff und muss umso mehr weg.

Man mag das politische System für vieles zu Recht zeihen und das politische Personal obendrein. In der Hinsicht ist es vorbildlich. Sein Geheimnis hat übrigens einen Namen. Es heißt Demokratie. 

 

Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke ist am Sonntag auch zu Gast beim ARD-Presseclub. Thema ist der Skandal um Joseph Blatter und die Fifa. Das Erste, 31. Mai 2015, 12:03 - 12:45 Uhr.

 

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