"Erhebliches Gefahrenpotenzial"

Es droht ein „Massenexodus“ übers Mittelmeer. Islamistischer Terrorismus ist ein „erhebliches Gefahrenpotenzial“ auch für Deutschland. Bundesinnenminister Schily mahnt im Gespräch mit Cicero: Unsere Kultur muss sich behaupten wollen.

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Wann erreicht der islamistische Terrorismus Deutschland? Die Bevölkerung muss sich darauf einstellen, mit einem erheblichen Gefahrenpotenzial zu leben. Ich halte aber nichts von Prognosen, dass Attentate auf jeden Fall verübt werden. Unsere Verantwortung ist, alles nur Erdenkliche zu tun, um Anschläge zu verhindern. Sie sagen, wir leben in einem „Gefahrenraum“. Was meinen Sie damit? Deutschland ist ebenso bedroht wie viele andere Staaten auch. Ich wehre mich gegen jede übertriebene Dramatisierung, aber eben auch gegen eine Verharmlosung der Gefahr. Der militante Islamismus ist ein sehr reales Risiko für uns. Islamistische Terroristen agieren in sehr flexiblen Formen. Wir müssen deshalb eine in Sicherheitsfragen kontinuierlich lernende und uns weiter entwickelnde Gesellschaft sein. Heißt das für Sie auch, dass die Muslime in Deutschland sich stärker in den Kampf gegen den Terror einbringen müssen? Zunächst können wir froh sein, dass die übergroße Mehrheit der Muslime friedlich und gesetzestreu lebt. Der Kampf gegen den Terrorismus ist aber nicht nur durch Polizei und Militär zu führen. Nötig ist eine offensive geistig-politische Auseinandersetzung mit den islamistischen Ideologien. Daran müssen sich die Muslime aktiv beteiligen. Bloße verbale Distanzierung genügt dafür nicht. Also was? Die muslimische Welt sollte sich erklären. Welche Forderungen und Lebensanleitungen aus dem Koran sind heute noch zeitgemäß? Muslime müssen selbst dafür sorgen, dass in Moscheen und Gebetshäusern nicht zum Dschihad aufgerufen und dass Hasspredigern das Wort entzogen wird. Dazu gehört aber auch die kritische Analyse, wie das Zusammenleben zwischen Muslimen und dem Rest der Welt friedlich gestaltet werden kann. Notwendig ist ein offener und umfassender Dialog mit der muslimischen Welt, um sie stärker als bisher als Bündnispartner gegen den islamistischen Terrorismus zu gewinnen. Sie setzen auf Diskussion der Kulturen. Sind die Europäer, die nicht einmal einen Gottesbezug in der Präambel der EU-Verfassung wollen, in der Lage, einem emotionalen Islam Paroli zu bieten? Da können manchmal Zweifel aufkommen. Mir erscheint die westliche Gesellschaft zuweilen recht permissiv. Wenn die Auseinandersetzung auf westlich-christlicher Seite zu beliebig geführt wird, kann ein militanter und fundamentalistischer Islam sich sehr schnell gegenüber einer diffusen, dekadenten Gesellschaft auf dem Vormarsch sehen. Das wäre fatal. Unsere Kultur muss sich also behaupten wollen. Aber elementarer Teil unserer Kultur ist auch das Grundprinzip der Toleranz. Ich muss den Menschen mit anderem Glauben respektieren. Ich darf ihm nicht den Kopf einschlagen. Es muss aber zugleich möglich sein, dem andern zu erklären, er folge einem Irrglauben, ohne damit Gewalt zu provozieren. Das gilt wechselseitig.

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