Militärparade in Russland: Soldaten marschieren am Tag des Sieges am 9. Mai 2012 durch Moskau
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Tag des Sieges - Warum wir Russland fernbleiben sollten

Russland und der Westen werden dem Kriegsende vor 70 Jahren getrennt gedenken. Selbst Deutschland, das den Krieg begonnen hatte, hat Putins Einladung nach Moskau abgesagt. Ist das ein Affront? Der Historiker Winkler, der am 8. Mai die zentrale deutsche Gedenkrede halten wird, verneint das

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Wulf Schmiese leitet das „heute journal“ im ZDF. Zuvor hat er als Hauptstadtkorrespondent, jahrelang auch für die FAZ, über Parteien, Präsidenten, Kanzler und Minister berichtet.

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Es sagt sich leicht, dass es nur würdig wäre, wenn die Sieger und die Verlierer gemeinsam dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gedenken würden. Befreier und Befreite Hand in Hand – so, wie es vor zehn Jahren die Welt erfreute.

Damals war es eine Sensation, dass erstmals auch Deutschland in Moskau dabei sein durfte. Bundeskanzler Schröder stand mit vor der Kreml-Mauer und winkte der vorbeiparadierenden Roten Armee zu. Links von ihm waren die Vertreter der Siegermächte aufgereiht, die Alliierten von einst: von Frankreichs Präsident Chirac bis hin zum amerikanischen Präsidenten Bush. Russlands Präsident Putin hatte dieses freudige Treffen damals ermöglicht.

Nun, zum 70. Jahrestag, werden am 9. Mai keine hochrangigen Politiker aus dem Westen Putins Einladung folgen. Von fast 70 geladenen Staatsgästen hat der Großteil abgesagt, weniger als 30 werden erwartet. Grund der Absage ist für den Westen offensichtlich der Krieg in der Ukraine.

Es wäre in der Tat schwierig, einerseits Russland wirtschaftlich zu sanktionieren, ihm Waffenlieferungen an die Separatisten vorzuwerfen und sein Führungspersonal durch Einreiseverbote in den Westen zu bannen - und dann andererseits an diesem Tag eine Parade der russischen Armee zu bejubeln, die martialisch ihre Stärke zeigt. Dort soll erstmals der in den osteuropäischen Nachbarstaaten besonders gefürchtete neue Armata-Kampfpanzer T-14 vorgeführt werden. Er ist die erste russische Neuentwicklung auf dem Panzermarkt seit Ende der Sowjetunion und gilt als Kampfansage.

Die Bundesregierung steckt in einem Dilemma


Nun könnte man trotz allem sagen: Der Krieg in der Ukraine hat mit dem Zweiten Weltkrieg nichts zu tun. Schon gar nicht Deutschland dürfe sich hier moralisch aufspielen und als Gast Moskaus fernbleiben. Denn die 27 Millionen Menschen der damaligen Sowjetunion starben durch den Krieg, den Deutschland unter Hitler begonnen hatte.

Dieses Dilemma sieht die deutsche Staatsspitze durchaus. Und sie versucht, darauf zu antworten. Bundeskanzlerin Merkel wird Moskau besuchen, allerdings einen Tag später, am 10. Mai. Dort wird sie gemeinsam mit Präsident Putin einen Kranz am Grabmal des unbekannten Soldaten niederlegen. Das gilt der Bundesregierung als Zeichen dafür, dass Deutschland die 27 Millionen sowjetischen Opfer sehr wohl würdigen wolle.

Bundespräsident Gauck wird zuvor die Dokumentationsstätte im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Senne am Schloss Holte-Stukenbrock bei Bielefeld besucht haben. Insgesamt wird dieser Tage auf 59 Veranstaltungen in Deutschland der sowjetischen Toten gedacht werden. Höhepunkt der deutschen Gedenkveranstaltungen wird am 8. Mai eine Rede des Historikers Heinrich August Winkler vor Bundestag und Bundesrat sein.

Diese Rede wird für Diskussionen sorgen. Denn Winkler hält das getrennte Gedenken für notwendig – und zwar nicht nur wegen der Ukraine-Krise: „Das getrennte Gedenken hat gute historische Gründe“, sagte Winkler dem ZDF. „Denn wir müssen im Gedächtnis behalten, dass die Sowjetunion, bevor sie einen entscheidenden Beitrag zur Niederwerfung Hitler-Deutschlands geleistet hat, zunächst auch entscheidend zur Auslösung des Zweiten Weltkrieges beigetragen hat, in Gestalt des Hitler-Stalin-Pakts, den Putin vor wenigen Monaten als Ausdruck sowjetischer Interessen gerechtfertigt hat.“

Eine Verbindung von Stalin und Putin


Winkler wirft also Putin mangelnde Distanzierung von Stalin vor, der mit Hitler paktierte bei der Aufteilung osteuropäischer Staaten. Hier sieht Winkler nun die Verbindung vom gegenwärtigen Verhalten Putins zum historischen Verhalten Stalins. Es dürfe nicht verdrängt werden, „dass Russland im letzten Jahr durch die Annexion der Krim einen schwerwiegenden Völkerrechtsbruch begangen hat und durch seine aggressive Politik in der Ukraine, vor allem auch bei unseren unmittelbaren osteuropäischen Nachbarn Polen und den baltischen Staaten, berechtigte Besorgnisse ausgelöst hat“, sagte Winkler. „Polen und die baltischen Staaten waren Opfer Hitlers und Stalins, sie waren Opfer des Hitler-Stalin-Pakts. Und in der gegenwärtigen Situation wird genau an diesen Sachverhalt in den Staaten unserer ostmitteleuropäischen Nachbarn mit Recht wieder erinnert.“

Winkler hält es daher für unbedingt notwendig, dass der Westen Putin abgesagt hat. Und hier spricht er als der Historiker, der sich wie niemand vor ihm mit der „Geschichte des Westens“ befasst hat. In vier Bänden schrieb er das monumentalste Standardwerk dazu. Ein gemeinsames Gedenken am 9. Mai würde „wie eine Solidarisierung mit einer aggressiven Macht wirken“ – vor allem eben in Polen und den baltischen Staaten. „Und das sind unsere Verbündeten, es sind Mitglieder ein und derselben Wertegemeinschaft“, sagte Winkler mit Verweis auf die Mitgliedschaft dieser Staaten in der NATO wie der EU. „Diese Verbündeten würden wir verprellen, wenn wir so täten, als sei im letzten Jahr auf der Krim und in der Ukraine nichts geschehen, was den Westen mit Recht mit großer Besorgnis erfüllen muss.“

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