Staatsanwältin - Berlusconi schüchtert sie nicht ein

Die Staatsanwältin Ilda Boccassini ist bei Kriminellen und Politikern so gehasst wie gefürchtet. Trotz vielfacher Drohungen lässt sie sich von niemandem einschüchtern. Sie scheut auch nicht davor zurück, gegen Silvio Berlusconi vorzugehen.

Die feuerroten Haare sind Boccassinis Markenzeichen
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Petra Reski lebt in Venedig, schreibt über Italien und immer wieder über die Mafia. Zuletzt erschien ihr Roman „Bei aller Liebe“ (Hoffmann&Campe). Foto Paul Schirnhofer

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Sie hat feuerrote Haare, liebt Schmetterlingsbrillen, kräftige Farben und Ohrgehänge, groß wie Kaffeetassen. Sie gibt keine Interviews, nimmt an keiner Talksshow teil und schreibt keine Bücher. Ihre Feinde nennen sie „Nutte“, wünschen ihr, an Krebs zu sterben und bedachten sie am diesjährigen Todestag ihres Freundes und Kollegen Giovanni Falcone mit einem anonymen Brief, darin zwei Projektile.

Ilda Boccassini steht ganz oben auf der Hass-Skala gegen italienische Staatsanwälte – vulgo auch als „rote Roben“, „Terroristen“ oder „Jakobiner“ verteufelt, wenn nicht gar als „anthropologisch anders“ (O- Ton Silvio Berlusconi). Seit mehr als 30 Jahren legt sich die Mailänder Staatsanwältin mit Mafiosi, korrupten Unternehmern, schmutzigen Politikern und käuflichen Richtern an. Zuletzt forderte sie im Mai dieses Jahres, Berlusconi sechs Jahre ins Gefängnis zu stecken und lebenslang von öffentlichen Ämtern auszuschließen. Seitdem regnet es wieder Hass auf „die rote Ilda“ – die den Lustgreis und Ex-Ministerpräsidenten im „Ruby-Prozess“ der Prostitution Minderjähriger und des Amtsmissbrauchs beschuldigt.

Unter den Höflingen Berlusconis gehören Boccassini-Hasstiraden seit Jahrzehnten zum guten Ton: Kaum hatte die Staatsanwältin ihre Anklage verlesen, setzte sich Giuliano Ferrara, adipöser Chefredakteur der Berlusconi-Hauspostille Il Foglio, eine rote Perücke und eine Schmetterlingsbrille auf und sang zur Musik von Verdis Rigoletto von der „infamen Anklage der roten Ilda“ gegen seinen Herrn. Vittorio Sgarbi, Kunstkritiker, Berlusconi-Freund und Hysteriker von hohen Gnaden, wünschte gar, dass Ilda Boccassini mit „Arschtritten“ aus der Staatsanwaltschaft ausgeschlossen werde, weil sie einen „kriminellen und grundlosen Prozess“ führe, dessen alleiniges Ziel darin bestehe, Berlusconi zu vernichten. Weil sich die italienischen Linken in einer Harmonieregierung mit Berlusconis PDL befinden, wollten auch sie nicht zurückstehen.

Furchtlos bezichtigten sie Boccassini des Rassismus, weil sie in ihrer Anklage das Wort „orientalische Hinterlist“ benutzt hatte, als es um die Lügen der marokkanischen Karima El Marough ging, die unter dem Namen „Ruby“ in Berlusconis Harem einen hoch dotierten Rang einnahm: Laut Abhörprotokoll soll dem Ex-Ministerpräsidenten das Schweigen der Marokkanerin mehr als vier Millionen Euro wert gewesen sein.

Silvio Berlusconi, im Mai bereits in zweiter Instanz wegen Steuerbetrugs zu vier Jahren Haft und fünf Jahren Ausschluss von öffentlichen Ämtern verurteilt – in der Urteilsbegründung wird er als „Gewohnheitsverbrecher“ bezeichnet –, gehört seit Jahrzehnten zu Ilda Boccassinis Stammkunden. Schon in den neunziger Jahren beschäftigte sich die Staatsanwältin mit ihm. Damals gehörte sie zum berühmten Mailänder Ermittlerpool, der den Korruptionsskandal „Mani pulite“ aufklärte, dessen Auswirkungen sämtliche etablierten Parteien Italiens in den Abgrund zog.

Weil in Italien das Gattopardo-Prinzip („Alles muss sich ändern, damit alles gleich bleibt“) herrscht – weshalb sich zwar die Namen der Parteien, nicht aber die Protagonisten der italienischen Politik ändern –, blieb der begabte Verbrecher Berlusconi der furchtlosen Ilda bis heute erhalten: Sie war es, die im Jahr 2003 Berlusconis Richterbestechung aufklärte. Sie war es auch, die ihn rettete, als sie vier Jahre später 15 Linksterroristen festnehmen ließ, die planten, Berlusconi umzubringen und sein publizistisches Hauptquartier in Mailand, die Redaktion seiner Tageszeitung Libero, in die Luft zu sprengen.

Im Laufe ihrer Karriere hat die gebürtige Neapolitanerin, die sich selbst als Soldatin bezeichnet, keine Gelegenheit ausgelassen, sich Feinde zu schaffen, und das nicht nur unter Mafiosi und Mächtigen, sondern auch unter ihren Kollegen: Der Mailänder Generalstaatsanwalt warf ihr exzessiven Individualismus vor, der sie unfähig zur Teamarbeit mache, und schloss sie 1991 aus dem Ermittlerpool aus, der sich mit organisierter Kriminalität in Mailand beschäftigte. Da hatte Ilda Boccassini bereits das mafiose Beziehungsgeflecht in Norditalien aufgedeckt, die „Duomo Connection“, die über Freimaurer bis zur Familie des Sozialistenchefs Bettino Craxi reichte – im Alleingang, weil Ilda Boccassini einigen Kollegen nicht traute. Und daran auch keinen Zweifel ließ.

Einer der wenigen, den die 63-Jährige schätzt, war der Antimafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone aus Palermo, mit dem sie die „Duomo Connection“ aufklärte. Als er 1992 von der Mafia ermordet wurde, wachte sie an seinem Sarg. Und erinnerte bei seiner Gedenkfeier die ostentativ trauernden Kollegen daran, Falcone zu Lebzeiten im Stich gelassen zu haben.

Kurz darauf ließ sie sich nach Sizilien versetzen, um die Ermittler in Caltanissetta bei der Aufklärung der Morde an Giovanni Falcone und seinem Kollegen Paolo Borsellino zu unterstützen. Auch hier wurde sie ihrem Ruf gerecht. Kurz bevor sie sich wieder nach Mailand zurückversetzen ließ, äußerte sie in einem Brief Zweifel an der korrekten Handhabe der pentiti, der mafiosen Kronzeugen: Die Verhöre müssten ausschließlich nach den „Normen des Strafgesetzbuchs“ geführt werden. Jahrzehnte später wurden ihre Zweifel bestätigt: Der Borsellino-Prozess musste neu aufgerollt werden, weil sich herausgestellt hatte, dass ein Kronzeuge von der Polizei unter Folter dazu gebracht wurde, eine Tat zu gestehen, die er nicht begangen hatte.

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