Polnisches Modell - Leben in Deutschland, arbeiten in Polen

In Deutschland leben und in Polen zur Arbeit gehen. Das ist für viele Polen längst Alltag. Reporterin Lucie Suchá war auf Spurensuche im Grenzgebiet

Ist Polen für die Deutschen nur noch ein Kaufhaus?
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Suchá, Lucie

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"Die Sterne wirken so groß, als könne man sie berühren. Solche Orte mit einem solchen Himmel gibt es bei uns nicht und falls doch, sind sie unbezahlbar,“ erzählt Przemyslaw Jackowski. Er ist Teil jenes Phänomens, das sich immer häufiger an der deutsch-polnischen Grenzen beobachten lässt: Wohnen in Deutschland, arbeiten in Polen.

Was paradox klingt, ist längst Realität. Das Durchschnittsgehalt vollzeitarbeitender Menschen liegt in Deutschland bei ungefähr 3500 Euro, während es in Polen unter 850 Euro monatlich liegt. In Berlin zahlt man für einen Quadratmeter einer Dreizimmerwohnung ca. 1800 Euro, in Warschau 530 Euro. Normalerweise sollte es also umgekehrt sein: In Polen wohnen und in Deutschland arbeiten. Aber was in Hauptstädten gilt, gilt nicht hier: auf dem Land zwischen Wäldern und Seen, in Deutschlands Mecklenburg-Vorpommen und in Polens Westpommern.

Seit 1995 hat sich die Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern um 15 Prozent verringert. Als würde eine mittelgroße Stadt wie Bonn plötzlich alle seine Bewohner verlieren. Viele Wohnungen und Häuser stehen leer. Schulklassen schrumpfen, Fußballvereine kämpfen ums Überleben. Die Immobilienpreise sind rasant gesunken. Die Folge: Plötzlich sind in Deutschland die Häuser billiger als in Polen.

Auch für Przemyslaw Jackowski war der Preis wichtig. Aber weitaus entscheidender für seinen Umzugsentschluss war für ihn der Ort, an dem er sich niederlässt. Ein Ort wie hier – den Sternen nahe. „Ich wohne bei den Wäldern. Hasen und Rehe kommen in meinen Garten. Was eigentlich nicht so lustig ist, wenn sie Bäume züchten möchten,“ lächelt er. Zur Arbeit fährt er ins 20 Kilometer entfernte Stettin. Dort lehrt er an der Universität und arbeitet nebenher als Übersetzer. Er ist zufrieden, hat in den letzten Jahren keine schlechten Erfahrungen gemacht.

„Leer stehende Häuser und Wohnungen werden wieder bewohnt. In den Dörfern, insbesondere nahe der Grenze, sanieren die neuen Eigentümer oder bauen neu. Natürlich ist diese Art zu Wohnen auch eine Herausforderung: So müssen sich Kindergärten und Grundschulen auf die zunächst vorhandene Sprachbarriere einstellen. In Löcknitz bei Pasewalk, wo eine regelrechte kleine polnische Exklave entstanden ist, haben sich die Verantwortlichen dieser Herausforderung gestellt: Es gibt zweisprachige Einrichtungen, zweisprachige Geschäfte“, berichtet Achim Froitzheim, Sprecher vom Landratsamt des Großkreises Vorpommern-Greifswald.

 

„Alle sind zufrieden: Polen, dass sie billig wohnen können und Deutsche, dass die Dörfer nicht leer stehen. Ich weiß von einem Fall, da bekam ein Dorf keine Fußballmannschaft zusammen. Dann ist eine polnische Familie mit zwei Kindern zugezogen und schon konnte wieder Fußball gespielt werden,“ erzählt Julita Milosz, die Leiterin des Büros für internationale Kooperation bei der Woiwodschaft Westpommern.

Auch Herr Froitzheim schwärmt von der gemeinsamen Arbeit der Feuerwehrleute, von gemeinsamen Projekte der Grenzstädte. Doch ganz so einfach und selbstverständlich gestaltet sich das Zusammenleben zwischen Polen und Deutschen dann doch nicht. Die Grenzen lösen sich nur ganz langsam auf. „Als wir mit meiner Frau hierher zogen, waren wir überrascht, wie wenig die Deutschen über uns wissen. Meist kennen sie Polen nur als Ort, wo man billig tanken und essen kann,“ sagt Przemyslaw Jackowski.

Er hat deshalb ein Portal gegründet, wo er in deutscher Sprache die kulturellen Aktionen vor Ort beschreibt und die Deutschen nach Stettin einlädt – das Portal heißt www.nachstettin.com. 200 – 300 Menschen besuchen jeden Tag seine Seite. Er ist nicht der Einzige, dem das Zusammenwachsen, das Miteinander zu langsam geht.

Witold Bachorz lebt seit fünf Jahren im deutschen Pampow. Polen ist ungefähr zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Es gibt einen polnischen Kultur-Verein in diesem Dorf. Auf demPortal www.grenzland24.info oder auch www.pogranicze24.info. schreibt er über alles, was interessant oder aktuell ist. Er schreibt auf polnisch, sein Freund Mathias Enger, ein Deutscher, der schon zehn Jahre im polnischen Stettin lebt, auf deutsch.

Ein Artikel, der nur als polnische Version kursiert, erzählt von den Problemen im deutsch-polnischen Zusammenleben. Der Titel ist: „Dieb, sei Mensch – gib‘ das Kalb zurück!" Witold Bachorz beschreibt, wie jemand ein zwei Tage altes Kalb gestohlen hat und die Spuren nach Polen führten. „Solche Aktionen haben große Auswirkungen auf das Zusammenleben von Polen und Deutschen. Jeder Diebstahl stellt wieder alles in Frage. Und es spielt keine Rolle, ob es um den Traktor, den Bohrer oder um ein zwei Tage altes Kalb geht. Solche Delikte sind im deutsch-polnischen Grenzland niemals eine Bagatelle. Jeder noch so kleine Zwischenfall ist ein schwerer Schlag für die gute Nachbarschaft, die wir hier Tag für Tag leben“, warnt Bachorz.

Und so wächst nur langsam zusammen, was doch irgendwie zusammen gehört. Deutsche, Polen, Land und Leute. Zäh, aber stetig. Neben- und vor allem miteinander.

 

Hinweis der Redaktion: Wir haben zwei Fehler in dem Text korrigiert:
Das Durchschnittsgehalt „vollzeitarbeitender Menschen“ liegt in Deutschland bei ungefähr 3500 Euro und der zitierte Achim Froitzheim ist nicht Landrat sondern Sprecher vom Landratsamt des Großkreises Vorpommern-Greifswald.
Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen
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