Künstliche Intelligenz - Ich hab' Zahnschmerzen, also bin ich

Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Computer schlauer seien als Menschen. Künstliche Intelligenz (KI) wird zwar immer schlauer, doch eines wird der Homo sapiens der KI immer voraus haben. Von Alexander Grau

Kreativ zu sein kann der Roboter nur vom Menschen lernen – nicht umgekehrt / picture alliance

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Manchmal haben wir den Eindruck, zu denken. Doch das täuscht. Denn das Gehirn ist, anderslautenden Gerüchten zum Trotz, nicht zum Denken konstruiert, sondern um zu überleben. Zum Überleben aber ist Denken eher hinderlich. Wer in grauer Vorzeit beim Anblick eines Säbelzahntigers lange nachdachte, etwa über die Biologie dieses Tieres und seine ökologische Bedeutung, dessen Reproduktionserfolg tendierte mit Sicherheit stark gegen Null. Wir stammen nicht von Denkern ab, sondern von Leuten, die kurzentschlossen das Weite suchten.

Doch auf kaum etwas bildet sich der Mensch so viel ein, wie auf seine intellektuellen Fähigkeiten. Das sieht man schon daran, dass er sich in Verkennung aller Tatsachen den eitlen Titel Homo sapiens gab, wobei Homo insipiens eindeutig die treffendere Wahl gewesen wäre.

Ich habe Zahnschmerzen, also bin ich

Was für ein eitler Einfaltspinsel der aufrecht gehende Zweibeiner ist, sieht man auch daran, dass eines seiner schlaueren Exemplare, der Mathematiker und Philosoph René Descartes, auf den selbstverliebten Gedanken cogito ergo sum verfiel. Klar, logisch lässt sich dagegen wenig sagen. Genauso gut hätte Descartes jedoch auch sagen können: Ich habe Zahnschmerzen, also bin ich. Das hätte zwar vermutlich niemanden beeindruckt, wäre aber auf dasselbe hinausgelaufen.

Indem Descartes die Denkfähigkeit zum Hinweis auf seine Existenz erklärte und nicht seine Zahnschmerzen oder seine Verdauungsbeschwerden, trennte er das Denken vom Körper. Denn nur im Denken war sich Descartes seiner sicher. Schon der Eindruck seines Körpers konnte ja eine üble Täuschung sein.

Captain Kirk lenkt, Spocky denkt

Das war ein kindischer Denkfehler mit verhängnisvollen Folgen. Er bestärkte Generationen von Philosophen und Logikern in der Überzeugung, dass wirkliches Denken nichts anderes ist als das Durchführen logischer Operationen. Und dass alle anderen Aspekte menschlicher Überlegungen Verunreinigungen sind. Captain Kirk, so dachten lange Zeit viele Wissenschaftler, mag ja ein sympathischer Kerl sein, wirklich denken tut jedoch nur Commander Spock.

In unserer aktuellen Ausgabe befassen wir uns mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Hier lesen Sie die ganze Geschichte.  

Dieses falsche Bild menschlichen Denkens hatte erheblichen Einfluss auf die Denkpsychologie, die Kognitionswissenschaften und die Informatik der 60er Jahre. Vor allem für viele Vertreter der KI-Forschung ist Denken nach wie vor nichts anderes als das Durchführen komplexer Rechenoperationen. Deshalb, so die Überzeugung, sind Denkprozesse unabhängig von der Hardware, auf der sie ablaufen: Ob ein menschliches Gehirn oder ein Computer, das macht im Prinzip keinen Unterschied. Nur dass der Computer schneller und fehlerfreier denkt.

Der Denkfehler der Kanzlerin 

Doch denken ist nicht rechnen oder das Abarbeiten irgendwelcher Algorithmen. Und viele Denkfehler beruhen genau darauf, dass Menschen meinen, der Königsweg allen Problemlösens liege darin, streng logisch oder analytisch vorzugehen. Angela Merkel etwa leidet unter diesem Problem. Denken ist mehr als das Abarbeiten expliziter Regeln. Denken ist vor allem das Anwenden unseres impliziten Wissens. Das ist durch individuelle Erfahrung erworben oder durch die Gemeinschaft weitergegeben, in die wir hineingeboren werden.

Dieses implizite Wissen äußert sich in Gefühlen, Ahnungen, Vorurteilen oder unserem Gespür. Ein Problem unserer Gesellschaft liegt darin, dass wir auf ein Expertentum vertrauen, das vollständig in dem reduktionistischen Bild von Denken gefangen ist. So entstehen etwa Finanzkrisen, die kein Experte voraussieht, obwohl jeder Laie bei einem Blick auf die ursächlichen Finanzkonstruktionen ein ungutes Gefühl bekommt.

Denken ist kreativ, intuitiv und irrational  

Computer sind dumm. Auch wenn sie schick und schnell und smart sind, darf man nie vergessen, dass diese wunderbar designten Geräte nichts anderes sind als etwas hochgetunte Taschenrechner mit Telefonanschluss. Menschliches Denken werden sie auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Vernünftiger entscheiden können sie schon mal gar nicht, weil das, was wir Vernunft nennen, nicht mittels Rechenoperationen simulierbar ist.

Vor allem aber sollten wir lernen, Computer nicht als Denkideal zu sehen. Sie sind es nicht. Der kluge Entscheider in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft etwa hört auch auf sein Bauchgefühl und seine Intuition. Die aber erwirbt man sich mit der Erfahrung eines langen Berufslebens. Und auch Wissenschaftler sollten nicht wie Computer denken. Einstein etwa kam auch seine Relativitätstheorie, indem er sich vorstellte, wie es wohl wäre, auf einem Lichtstrahl zu reiten. So funktioniert menschliches Denken: kreativ, intuitiv, chaotisch und ein wenig irrational. Ein Computer wäre niemals auf ein solches Bild gekommen.

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