Mesut Özil und die Rassismus-Debatte - Die Hypermoral-Keule

Tatsächlich kann man in Diskussionen eine ausufernde „Hypermoral“ kritisieren. Aber die Rassismus-Debatte um #MeTwo und den Özil-Skandal offenbaren, wie daraus auch denkfaule Polemik werden kann. So wird selbst berechtigte Kritik von links argumentationsfrei niedergeknüppelt

Man muss kein Fan von Özil sein, aber auch kein Rassismus-Relativierer / picture alliance

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Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Wohin zu viele Falschmeldungen führen, bekommt man musterhaft in Horrorfilmen vor Augen geführt, wenn der leicht paranoide Angsthase einer jugendlichen Clique so oft ein Monster gesehen haben will, bis seine Freunde ihm fatalerweise nicht mehr glauben, als er irgendwann tatsächlich eines sieht.

Eine ähnliche Reaktion kann man in der derzeitigen Rassismus-Debatte beobachten. Wie inflationär und leichtfertig wurde in der Vergangenheit mit dem Stigma „Rassist“ um sich geworfen, wer wurde alles schon des Rassismus oder des Rechtspopulismus bezichtigt: Boris PalmerSahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, Bernd Stegemann, Rüdiger Safranski, Alice Schwarzer, Christian Lindner. Oder man denke an den unhaltbaren Verleumdungsartikel gegen den FAZ-Redakteur Simon Strauß. Oder an den linken Germanisten Helmut Lethen, der bei einem Podium in Hamburg gerügt wurde: Wenn man Peter Sloterdijk zitiere, dann nenne man einen der „Namen, die keinen Platz in unserem Diskurs haben.“ Der SPD-Politiker Mathias Brodkorb sprach einmal von der „Versuchung von links, substanzielle Gesellschaftspolitik durch die billige Jagd nach dem metaphysischen Nazi zu ersetzen.“ Dem ist in Bezug auf die Krise der Linken nichts hinzuzufügen.

Aushöhlung des Rassismus-Begriffs

Die Häufigkeit und die Willkür der Vorwürfe haben nicht nur zu einer Aushöhlung und Entpolitisierung des Rassismus-Begriffs geführt. Offenbar wurden dadurch auch eine so starke Abstumpfung und Trotzhaltung vorangetrieben, dass in bestimmten Kreisen inzwischen jede Rassismus-Kritik a priori unter Hypermoral- und Totschlagargument-Verdacht steht – selbst dann, wenn sie begründet ist. Anders lässt es sich nicht erklären, dass jede noch so offensichtlich mit Rassismen provozierende Politiker-Aussage in den Kommentarspalten der großen Zeitungen mit viel Herzblut und Whataboutism relativiert und verteidigt wird, nachdem Journalisten erwartungsgemäß empört über das Stöckchen gesprungen sind. Man könnte fast meinen, Rassismus in Deutschland sei generell nur ein Hirngespinst hysterischer Hypermoralisten und auch die geschilderten Rassismus-Erfahrungen im Zuge der #MeTwo-Kampagne durchweg gelogen oder übertrieben.

Auch in der jüngsten Diskussion um den Fußballspieler Mesut Özil ist man sich besonders im rechten Lager einig, dass die Rassismus-Keule gegen ganz Deutschland geschwungen wurde. Doch selbst wenn Özil die Rassismus-Karte gezückt hat, um von seinen Fehlern abzulenken, dann verlangte die Ausgewogenheit ebenso zu erwähnen, dass es durchaus ein unübersehbares Muster der rassistischen Abwertung gegen ihn gibt – mal unterschwellig, mal unverhohlen.

Biologistisch argumentierter Rassismus

Wer das nicht glauben will, der möge bei Google, Facebook oder Twitter die Suchbegriffe „Özil“ und „Pferdestall“ eingeben und jene beliebte Argumentation finden, die durch die Kommentarspalten der Online-Medien und durch rechte Foren geistert: „Ein Hamster, der im Pferdestall geboren wurde, wird niemals ein Pferd sein.“ Der Spruch verweist auf eine Bildcollage, die seit dem Skandal um das Erdogan-Foto in den sozialen Medien verbreitet wird. Zu sehen ist darauf ein Bild von Mesut Özil und Ilkay Gündogan, darunter steht geschrieben: „Das sind Ilkay und Mesut. Beide sind in Gelsenkirchen geboren. Beide sind Deutsche.“ Darunter ist ein Bild von zwei Hamstern zu sehen. Die Beschreibung: „Das sind Knuffel und Puffel. Beide sind in einem Pferdestall geboren. Beide sind Pferde.“

Nur ein Scherz? Denkt man den vermeintlichen Witz konsequent zu Ende, wird dessen Logik zufolge auch ein Islam-Kritiker wie der in Ägypten geborene Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad immer ein Hamster bleiben, der von den Pferden nur geduldet wird – solange er das sagt, was sie gerne hören. Man stelle sich einmal vor, Abdel-Samad würde seinen Schwerpunkt plötzlich auf Rechtspopulismus-Kritik legen – man würde ihm sein Hamster-Sein sofort zur Last legen.

Derselben Gen-Logik folgen auch die Behauptungen, man könne angesichts der vielen Dunkelhäutigen nicht von einer französischen Mannschaft sprechen, die den WM-Titel gewonnen hat. Sicherlich (oder hoffentlich) ist es nur ein kleiner Teil der Deutschen, der derart biologistisch denkt. Auf diesen Teil trifft Özils Aussage zu, die auch Jerome Boateng über die deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund schon so ähnlich äußerte. Sinngemäß: „Wir sind Deutsche, wenn wir gewinnen, aber Einwanderer, wenn wir verlieren.“ Dabei untertreiben die beiden noch, denn eigentlich könnte es auch überspitzt heißen: „Wir sind geduldete Hamster, wenn wir gewinnen, aber (hier geborene) Eindringlinge, wenn wir verlieren.“

Reflexhafte Hypermoral-Keule

Ohne jeden Zweifel: Özil hat sich gleich mehrere Fehltritte geleistet. Die Huldigung eines totalitären und islamistischen Despoten und anschließend die fehlende Selbstkritik – dafür kann man ihn kritisieren (wobei es von einer Doppelmoral zeugt, wenn die Kritik an der Bundesregierung und ihren Deals und Waffenlieferungen nicht deutlich lauter ausfällt). Dass er rassistisch beleidigt wurde („Türkensau“) relativiert und legitimiert nicht seine Fehltritte. Andersherum relativieren und legitimieren seine Fehltritte nicht die rassistischen Abwertungen. Rassismus und Biologismus sind nicht plötzlich legitim, nur weil die betroffene Person sich falsch verhalten hat – sie sind unabhängig vom Sympathiewert der Person abzulehnen. Das sollte auch dann gelten, wenn eine Person selbst einen Nationalisten unterstützt.

Wer eugenische Argumentationen kritisiert, weil demnach die Kategorie „ethnische Identität“ immer über der Sozialisation stünde und diese immer nur eine Sozialisation auf Bewährung wäre, ist kein Hypermoralist. Wer aber reflexhaft jede Rassismus-Kritik per se abwinkt, der ist nur das rechte Pendant des linken Hypermoralismus – und empört sich im engen Rahmen einer nicht minder selbstgefälligen und vulgären Hyper-Hypermoral-Polemik.

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