Pflegenotstand - „Das grenzt an Quälerei“

Angelika Kramer ist Altenpflegerin geworden, weil sie gerne für Menschen da ist. Im Gegensatz zu den meisten Kollegen fordert sie keine höheren Gehälter. Denn mehr Geld, sagt sie, würde den Pflegenotstand kaum lösen

Der Pflegenotstand in Deutschland wird für immer mehr Menschen zur Belastung, für Pfleger, wie für zu Pflegende / picture alliance

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Bastian Brauns leitet das Wirtschaftsressort „Kapital“ bei Cicero und Cicero Online.

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Angelika Kramer (Name von der Redaktion geändert) wohnt in der Nähe von Freiburg und hat mit 71 Jahren einen interessanten Berufsweg hinter sich: Lange arbeitete sie in der Energiewirtschaft. Im Alter von 40 Jahren erfüllte sie sich dann einen alten Jugendtraum. Sie wurde Altenpflegerin, einfach, weil es ihr Spaß machte, für Menschen da zu sein.

Ein Gespräch über die positiven Seiten und die Missstände in einem System, das irgendwann im Leben jeden betreffen kann.

Was genau hat Ihnen Spaß an Ihrem Beruf bereitet? 
Erstens habe ich ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Ich helfe einfach gerne anderen Menschen. Der ständige Kontakt mit anderen hat mir viel Freude gemacht, quatschen, Schicksale erfahren. Dabei habe ich auch immer Parallelen zu mir entdeckt. Das ist sehr bereichernd. Wer will, kann im Pflegebereich auch viel über sich selbst lernen. Viele wollen das aber nicht.

Wie meinen Sie das?
Mein Eindruck ist derzeit, dass viele Pflegerinnen und Pfleger vor allem nach mehr Geld rufen. Dabei geht unter, dass es meiner Erfahrung nach leider viele Pflegerinnen und Pfleger gibt, die überhaupt nicht geeignet oder schlecht ausgebildet sind für diesen Beruf. Und die sollen jetzt auch noch mehr Geld bekommen? Das kann es doch nicht sein.

Im Durchschnitt verdienen Pflegekräfte rund 2.600 Euro brutto im Monat.
Ja, das stimmt. Aber ist das grundsätzlich zu wenig? Man muss sich natürlich auch im Pflegeberuf um Fort-und Weiterbildungen kümmern, sonst kommt man nicht voran. Es gibt im Pflegebereich auch jetzt schon Aufstiegsmöglichkeiten. Die Leute müssen was für sich tun.

Mit höheren Gehältern sollen aber auch Anreize geschaffen werden, damit mehr Leute diesen Beruf ergreifen.
Ich bezweifle nur, dass man auf diese Weise die geeigneten Leute findet. Derzeit versuchen viele Politiker, das Bild zu vermitteln: Pflege, das kann eigentlich jeder. Und das stimmt schlicht nicht. Wenn mir jemand sagt, es mache ihm Spaß, anderen den Hintern abzuwischen, glaube ich das nicht. Das macht keinen Spaß. Man muss Spaß daran haben, sich für Menschen zu interessieren. Es geht um echte Zuneigung, bei der man zugleich professionelle Distanz wahrt. Dafür ist aber in diesem System kaum noch Platz und Zeit. 

Warum ist das so?
Man muss einfach begreifen, dass man es hier mit Menschen zu tun hat. Die Schichten sind oft viel zu lang und mit viel zu wenigen Leuten besetzt. Man bräuchte kürzere Schichten, gerade nachts. Das hält ehrlicherweise ja kaum einer lange aus. Würde man zum Beispiel die eigene Mutter zu Hause pflegen, würde man auch nicht in Tag- und Nachtschichten denken. Die Menschen wollen sich unterhalten, raus ins Freie, zwischendurch aufs Klo und so weiter und so fort. Menschliche Bedürfnisse kann man nicht in einen festen Zeitplan packen.

Erinnern Sie sich noch daran, wann sich die Bedingungen derart verschlechterten?
Das hat damals in den 2000ern unter der SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt begonnen. Die Regierung Schröder wollte partout reduzieren in allen denkbaren Bereichen. Sehr sozialdemokratisch. Das war ein Riesenmist. Sobald jemand krank wurde, war das eigentlich eine Katastrophe, weil einfach zu wenig Personal da war.

Man wollte damals die immer weiter steigenden Gesundheitskosten irgendwie eindämmen.
Ja, aber das hat nichts gebracht. Im Gegenteil, die Großen verdienen nach wie vor ein Schweinegeld in der Pflege.

Wen meinen Sie damit?
Alle Häuser, in denen ich gearbeitet habe, wurden von großen Immobiliengesellschaften geleitet. Für die ist das eine Geldanlage. Natürlich müssen die Heime auch von irgendwem gebaut werden. Aber ich finde es hochproblematisch, wenn es anschließend fast nur um Rendite geht. Hauptsache bei den Aktionären stimmt das Geld. So lange also da oben nicht gefummelt wird und stattdessen nach unten getreten wird, solange wird sich auch niemals etwas ändern. Da können die noch so viel davon reden, dass Pflegekräfte jetzt besser bezahlt werden sollen. 

Wurde nur am Personal gespart?
Ja, also es wird einfach wie in einem Betrieb jeder Cent auf Optimierung hin umgedreht. Da sind schon wirklich lächerliche Dinge dabei. Dann werden eben immer noch billigere Hygiene-Handschuhe bestellt. Die reißen dann zwar alle naselang. Aber pro Stück waren sie eben billiger. Aber das ist ja nur das Material. Das Schlimmste ist, dass schlecht ausgebildete Pflegekräfte mit zu wenig Zeit und zu wenig medizinischen Wissen auf alte, hilfsbedürftige Menschen losgelassen werden. Die können sich aber nicht wehren, weil sie oft weder sprechen  noch sich bewegen können. Ich muss es so hart sagen, das grenzt an Quälerei. 

Denken Sie darüber nach, in welches Heim Sie eventuell irgendwann gehen wollen?
Mir wird Angst und Bange, wenn ich darüber nachdenke. Ich habe nämlich auch wirklich gar niemanden, der sich um mich kümmern würde. Die Menschen in den Heimen, die keine Angehörigen haben, sind insgesamt am schlimmsten dran. Dann fällt im Zweifel nämlich keinem auf, wenn was nicht in Ordnung ist.

Finden Sie denn den Plan von Gesundheitsminister Jens Spahn richtig, jetzt verstärkt Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben?
Das fällt mir schwer einzuschätzen. Ich kenne die einzelnen Leute ja nicht. Woher die Leute kommen ist aber doch völlig egal. Sie müssen gut ausgebildet sein, unsere Sprache sprechen. Als ich mal ins Krankenhaus musste, hatte ich eine türkische Krankenschwester, die Kopftuch trug. Na, von der würde ich mich liebend gerne auch im Alter pflegen lassen. Die hatte das alles drauf, im Gegensatz zu den gestressten Ärzten. Gerade weil auch die meisten Ärzte viel zu viel um die Ohren haben, ist es so wichtig, dass Pflegekräfte zum Beispiel beim ersten Blick auf eine Wunde kapieren, was für ein Problem vorliegt.

Woher kommt all der Stress für die Beschäftigten im Gesundheitswesen?
Der ganze Schreibkram zum Beispiel. Klar, es muss alles dokumentiert werden, damit, wenn was passiert, nachvollzogen werden kann, woran es lag und wer Schuld hat. Nur: Natürlich bleibt der Patient auf der Strecke, wenn ich erstmal ne Stunde aufschreiben muss, was ich gerade zehn Minuten getan habe. Und auf die Idee, dass all die Dokumentationen ohne Probleme auch gefälscht werden können, scheint auch keiner zu kommen. So ein Häkchen hinter ist gepflegt worden“ ist schnell gemacht.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung soll die Heime überwachen.
Was glauben Sie, wie das abläuft? Als der MDK sich angemeldet hatte, war mit unserer Heimleiterin ausgemacht, dass sie mit den Prüfern im 4. Stock anfängt und dann immer weiter nach unten kommt. Während die oben waren, haben wir unten schnell geputzt. Hygiene? Ich bekomme wirklich einen zynischen Lachanfall, wenn Leute davon reden. Es ist völlig klar, in den Häusern müsste komplett aufgeräumt werden und zwar nicht von Leuten, die da zufällig mal vorbeischauen, sondern von Leuten, die wirklich Ahnung haben.

Haben Sie solche Missstände gegenüber der Heimleitung thematisiert?
Ja, sehr oft. Und mir wurde in meinem Berufsleben deshalb auch öfter gekündigt. Ich erinnere mich noch an eine Szene, bei der die Heimleiterin vor mir stand und tatsächlich von einem Bein aufs andere stampfte und schrie: Ich bin die Chefin! Ich bin die Chefin! Es sind einfach alle überlastet. Die Leitung weiß ja auch, was falsch läuft, aber die muss wiederum vor den Gesellschaftern buckeln – und die wie gesagt wiederum vor ihren Aktionären. Wir brauchen in allen Bereichen eine Kultur des Zuhörens. 

In einer immer weiter alternden Gesellschaft wird Pflege künftig eher noch mehr als weniger Geld kosten. Haben Sie eine Idee, woher das kommen soll?
Ich bin ehrlich, hätte ich studiert und wäre Politiker, dann würde ich mich dahinterklemmen und nach Lösungen suchen. Das ist nicht meine Aufgabe. Aber klar habe ich Ideen: Die Zahl der Politiker im Parlament zu reduzieren wäre eine erste. Das werden ja immer mehr. Das Beamtentum müsste abgeschafft werden, zumindest insofern, dass alle ihre Beiträge in einen Topf geben müssen. Das wäre ein solidarisches System, das den Namen verdient. Gelder, egal ob Steuern oder Beiträge, dürften nur zweckgebunden ausgegeben werden. 

Dass die Menschen immer älter werden, würde daran aber auch nichts ändern.
Darin sehe ich aber auch ein grundsätzliches Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Warum muss einem alten Menschen noch auf den letzten Metern eine neue Hüfte, eine neue Herzklappe oder ein künstlicher Darmausgang reinoperiert werden? (Einen Text mit dem Titel „Überdosis Gesundheit“ zu diesem Thema lesen Sie auf Cicero Plus)

Um die Lebensqualität zu verbessern? Viele Menschen wollen ja durchaus lange leben.
Aber zählen Sie doch mal die Leute, die fit wie ein Turnschuh sind. Das sind die wenigsten. Die Leute sollen sich auseinandersetzen mit ihrer Vergänglichkeit und selbst entscheiden, was sie wollen und was nicht. Alles ist endlich. Unter dem Vorwand eines hippokratischen Eides Menschenleben künstlich zu verlängern ist jedenfalls verlogen. Tatsächlich geht es doch darum, damit Geld zu verdienen. Wer länger wegen teurer Maßnahmen im Krankenhaus liegt, ist ein willkommener Gast. Zum Dank dämmern die Menschen auf ihre letzten Tage dann aber einsam und siechend vor sich hin.

 

„Wie es im wirklichen Leben aussieht, davon habt Ihr doch keine Ahnung“ – diesen Vorwurf hören Politiker immer wieder, aber auch Journalisten. Gerade wenn sie – wie wir in der Cicero-Redaktion – in der Hauptstadt Berlin leben und arbeiten, wirkt das auf viele offenbar so, als seien wir auf einem fernen Planeten unterwegs. Es wird kritisiert, dass wir zwar gern über Menschen sprechen und schreiben, aber kaum mit ihnen reden würden. Der Vorwurf trifft uns hart, und wir nehmen ihn sehr ernst.

Deswegen haben wir auf Cicero Online eine Serie begonnen, in der wir genau das tun: Mit Menschen sprechen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, aber mitten im Leben, und dort täglich mit den Folgen dessen zurechtkommen müssen, was in der fernen Politik entschieden wird. Den Auftakt haben wir mit einem Gespräch mit einem Mann gemacht, der illegal in Deutschland lebt. Es folgten eine Unterhaltung mit einer Rentnerin und ein Gespräch mit einer Jüdin.