Twitter - Das Medium infantiler Narzissten

Twitter ist kein normales soziales Netzwerk. Das Hashtag ist der perfekte rhetorische Trigger, um Menschen zu emotionalisieren und anzuklagen. Doch jetzt offenbart ein Studie, wer die Twitterer vor allem sind: Narzissten, Hysteriker und Journalisten. Von Alexander Grau

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Das Elend begann am 21. März 2006 um 12:50 Ortszeit. Da versendete Jack Dorsey, Mitarbeiter der Firma Odeo, die erste Kurznachricht der Geschichte. Sie lautete: „Just setting up my twttr“. Kurze Zeit später öffnete Odeo seine Kommunikationsplattform für alle Interessierten. Der Erfolg war überwältigend. Gut ein Jahr nach dem ersten Tweet wurde Twitter als eigenständiges Unternehmen aus Odeo ausgegliedert. Und nur ein paar Monate später, im August 2007, installierte man eine der verhängnisvollsten Neuerungen menschlicher Kommunikation: das Hashtag. Ab dem Moment mutierte Twitter. Von einer harmlosen Plattform für den Informationsaustausch zum zentralen Agitationswerkzeug aller Beleidigten, Erzürnten und Empörten.

Denn die Verschlagwortung von Kurztexten mittels Hashtag ist das ideale rhetorische Mittel, um Menschen zu emotionalisieren, um anzuklagen, vorzuführen und zu denunzieren. Das Hashtag fungiert dabei als Kondensator, der Gefühle und Ressentiments mobilisiert und konzentriert. Die folgenden 280 Zeichen dienen lediglich zur Illustration und dazu, die Entrüstung in kurze Parolen zu meißeln.

Hashtags sind perfekte Trigger

Das funktioniert deshalb so wunderbar, weil der Mensch nur gerüchteweise ein rationales Wesen ist. Die evolutionsbiologisch eher junge Großhirnrinde nutzt er bestenfalls nebenbei. Denken ist einfach zu kompliziert und zu langatmig. Um eine Sache zu verstehen und analytisch zu begreifen, bedarf es nämlich Zeit, mitunter sehr viel Zeit. Das ist mühsam.

Viel einfacher ist es, den Emotionen freien Lauf zu lassen. Gefühle entstehen in Bruchteilen von Sekunden. Sie schießen unmittelbar vom Limbischen System ins Bewusstsein. Und Hashtags sind ihre Trigger: Ein Schlagwort, ein Schlüsselreiz und schon baut sich die Wut auf und der Zorn. Wozu noch lange nachdenken? Dass die erste in Deutschland mittels Twitter erfolgreich lancierte Kampagne ausgerechnet unter dem Hashtag #aufschrei lief, ist nicht nur für Zyniker ein gefundenes Bonmot.

Wer wirklich zwitschert

Bleibt die naheliegende Frage: Welche Menschen nutzen Twitter eigentlich? Dazu hat das Hamburger Hans-Bredow-Institut unter der Leitung von Sascha Hölig eine bemerkenswerte Studie vorgelegt. Das Ergebnis kurz zusammengefasst: Das Meinungsbild auf Twitter wird von Menschen dominiert, die sich in vielerlei Hinsicht von dem durchschnittlichen Internet-Nutzer unterscheiden. Geprägt wird Twitter von Persönlichkeiten, die in der Tendenz narzisstischer, extrovertierter und weniger ängstlich sind. Insbesondere aktive Twitterer sind „tendenziell meinungsstärker und von sich überzeugter“ als der Durchschnitt der Bevölkerung, was „aus psychologischer Hinsicht mit weniger Sinn für Empathie, Konsens und Gemeinschaftsgefühl einhergeht“.

Wer Twitter verfolgt, wird von diesem Ergebnis kaum überrascht sein. Bedenklich ist das Ganze nur, weil Twitter insbesondere von Journalisten gerne als authentische Stimme des Volkes missverstanden und entsprechend zitiert wird („Reaktionen aus dem Netz“). Doch die Erregungen bei Twitter haben mit der Stimmung in der Bevölkerung wenig zu tun. Twitter ist, etwas weniger wissenschaftlich ausgedrückt, das Medium infantiler Narzissten und egomaner Hysteriker. Ihnen geht es nicht um die Sache, sondern um Selbstdarstellung und das Bad in der von ihnen erzeugten Meinungswoge.

Twitter ist gefährlich

Das unterscheidet Twitter auch von anderen sozialen Netzwerken. Die mögen peinlich sein, bieder, lächerlich und zum Fremdschämen. Twitter aber ist gefährlich, eben weil sein Design den inquisitorischen Duktus, das Besserwisserische und Ignorante geradezu heraufbeschwört. Das lässt sich besonders gut bei zahlreichen Journalisten beobachten, die sich auf dem Kurznachrichtendienst austoben. Viel zu viele erliegen der Verlockung, in die Parallelwelt der Tweets, Re-Tweets und Re-Re-Tweets einzutauchen und diese „Debatte“ mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Tatsächlich aber ist sie nicht mehr als eine Filterblase narzisstischer Charaktere, die ihre 280-Zeichen für besonders geistreich oder witzig halten. So entfernt sich ein ganzes Milieu von seinen Lesern.

Dass nach einer Erhebung von Twitter aus dem Jahr 2015 ein Viertel aller verifizierten Accounts von Journalisten stammen, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil.

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