Bernd Stegemann - Der Moral-Abrüster

Der Dramaturg Bernd Stegemann gilt als Vordenker der linken Sammlungsbewegung „Aufstehen“ von Sahra Wagenknecht. Er will den Blick wieder auf die ökonomischen Verhältnisse lenken

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„Die Moral verschleiert nur die materiellen Widersprüche“, sagt Bern Stegemann / Foto: Oliver Mark

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Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Warum die Linken nicht mehr links sind, diese Frage treibt Bernd Stegemann schon lange um. Der Philosoph und Dramaturg sitzt in einem Berliner Biergarten, trinkt trotz der Augusthitze einen Kaffee und polemisiert gegen die sogenannte postmoderne Linke. Gegen die Doppelmoral jenes liberalen Milieus, das von der Globalisierung profitiert und sich im kosmopolitischen Kokon der Besserverdienenden des Mitgefühls für Flüchtlinge und einer Politik der Vielfalt rühmt, gleichzeitig jedoch moralische Haltungsnoten an die Verlierer des entfesselten Wirtschaftsliberalismus verteilt.
Der 51-Jährige schätzt die Zuspitzung, wie im Theater. Er arbeitet als Dramaturg am Berliner Ensemble, lehrt an der Schauspielschule Ernst Busch und gilt als Vordenker der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ um die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. „Das Gespenst des Populismus – Ein Essay zur politischen Dramaturgie“, so lautet der Titel seines 2017 erschienenen Buches. Wagenknecht las es begeistert, so wurden beide zu politischen Weggefährten.

Stegemann – von großer Statur, mit weicher Stimme und dünner Brille – wirkt beschwingt. Er genießt seine neue Rolle im Politikbetrieb. Um ihn herum schart sich ein wachsender Kreis linker Intellektueller, die den Doppelcharakter des Liberalismus thematisieren. Nicht als Konkurrenz zu den linken Parteien versteht man sich, sondern als Versuch, Debatten eine neue Richtung zu geben.

Materieller Dreh der Diskussion

Die liberale Mehrheit begegnet dem Rechtspopulismus vor allem mit wohlfeiler Entrüstung, analysiert der Dialektiker. Er spricht von einem Symptom des liberalen Populismus. Dieser habe gegenüber dem rechten Populismus den Vorteil, seine eigenen Widersprüche vernebeln zu können. Die wachsende Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen sei auch ein Resultat der Entsolidarisierung einer Gesellschaft, die auf Selbstoptimierung und Deregulierung setzt. In dem Glauben, die Klassengesellschaft sei überwunden, habe sich auch die Linke überwiegend mit Identitätsfragen und individueller Selbstverwirklichung beschäftigt. Ohne Zweifel habe sie die Gesellschaft nach 68 so vom konservativen Muff befreit, so Stegemann, aber – und das sei die andere Seite derselben Medaille – auch die Vereinzelungstendenzen begünstigt.

Stegemann redet gerne über Politik, entschuldigt sich zugleich verlegen für seinen dozierenden Ton. Nur auf seine Person angesprochen, wird er wortkarg. Er wurde in Münster geboren, wuchs im „bildungsfernen Kleinbürgertum“ auf. Mit 13 las er Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, später Brecht. Mit 18 „floh“ er nach Westberlin, wo er Germanistik und Philosophie studierte, anschließend noch Theaterregie in Hamburg. 
Weiß man um seinen Werdegang zum Materialisten, versteht man auch, worauf die bislang noch recht schwammige Sammlungsbewegung hinauslaufen soll. Stegemann geht es um eine Entmoralisierung der Debatten. „Die Moral verschleiert nur die materiellen Widersprüche“, sagt er. Ein Paradebeispiel dafür ist für ihn die Debatte um die Essener Tafel. Deren Betreiber beschlossen im Februar, aufgrund des wachsenden Ansturms durch Zuwanderer, keine Nutzerkarten mehr an Ausländer zu vergeben. Als sich selbst Kanzlerin Merkel moralisch empörte, war es Wagenknecht, die der Diskussion einen materiellen Dreh gab. Es gehe darum, sagte sie, „dass nicht ausgerechnet diejenigen, denen es sowieso nicht gut geht, jetzt auch noch die Lasten der Zuwanderung tragen“.

Erst das Fressen, dann die Moral

Auch Bernd Stegemann kritisiert die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin von links. Angela Merkel sei mit ihrem Diktum einer „marktkonformen Demokratie“ eine „Musterschülerin“ des liberalen Populismus. Sie habe es geschafft, ihre Widersprüche zu kaschieren, und sich zugleich gegen jede Kritik immunisiert. Einen Gewerkschafter, der sie auf die drohende Altersarmut ansprach, ermahnte die Kanzlerin, er würde damit Ängste schüren und somit die AfD fördern.

„Die moralische Linke will die Menschen optimieren“, resümiert Stegemann. „Aber es ist meine tiefe linke Überzeugung, dass die Gesellschaft besser wird, wenn die Verhältnisse besser werden.“ Schließlich heißt es auch bei Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Und nicht: „Wer die Moral auf seiner Seite hat, der darf fressen.“

Dass er sich Feinde macht, weiß Stegemann. Er zähle zu einer Querfront zwischen rechts und links, heißt es etwa, auch Linksnationalismus wird ihm vorgeworfen. Seine Kritiker werden mitunter giftig. Die Zeit-Kolumnistin Mely Kiyak nannte ihn „eine Art Götz Kubitschek“ der Sammlungsbewegung. Solch absurde Denunzierungen zeugten von politischer Verirrung, entgegnet Stegemann. „Das ist die Panik einer Elite, die gegen ihren Bedeutungsverlust anschreit.“

Dieser Text stammt aus der September-Ausgabe des Cicero, die Sie am Kiosk oder in unserem Onlineshop erhalten.

 

 

 

 

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