Ein Ex-Sponti bekennt - Hurra, ich bin ein Spießer!

CICERO ONLINE schaut zurück auf ein Jahr voller interessanter,bewegender, nachdenklicher oder einfach schöner Texte. Zum Jahreswechsel präsentieren wir Ihnen noch einmal das Beste aus 2013Einst war Reinhard Mohr Aktivist der Frankfurter Sponti-Szene und wählte die Grünen, heute kann er über sie nur noch den Kopf schütteln. „Bin ich jetzt reaktionär?“, fragt sich der „Alt-78er“ in seinem neuen gleichnamigen Buch, wenn grüne Parteimitglieder Verständnis für Polygamie und Burkas zeigen. Ein exklusiver Auszug

Sinnbild für Spießertum: der gemeine Gartenzwerg
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Autoreninfo

Reinhard Mohr (*1955) ist Publizist und lebt in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch „Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken“ (2013, Gütersloher Verlagshaus).

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Derweil hat sich hierzulande längst ein neuer Blick aufs eigene Land entwickelt, auch und gerade unter jenen, die wie ich einst den Pfälzer Wald für die Ausgeburt einer reaktionären Fantasie hielten und jeden südeuropäischen Steinhaufen für ein Wunder der Natur, die noch der sauersten Plörre aus dem südfranzösischen Larzac den mediterranen Geist süßer Freiheit abschmeckten, während sie den Moselriesling, den die Oma am Sonntag mit den Worten „Der ist schön lieblich“ zum Hasenbraten servierte, als untrinkbaren Spießer-Sirup verschmähten.

[[{"fid":"52960","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":191,"hspace":-1,"vspace":-1,"style":"width: 150px; height: 173px; margin: 5px 10px; float: left;","title":"Reinhard Mohr. Foto: Petra Kossmann","class":"media-element file-teaser"}}]]Es liegt nicht nur am deutschen Riesling, der seinen einstigen Weltruhm zurückerobert hat. Es liegt an der Veränderung des gesamten Landes seit den siebziger Jahren. Und es liegt an der veränderten Wahrnehmung jener ehemaligen BRD durch seine Bürger, die seit der Wiedervereinigung 1990 umgangssprachlich wieder Deutschland heißen darf – übrigens auch im Rest der Welt. Die altgermanische Bestie muss nicht mehr europäisch eingehegt und gebändigt werden – das Land ist ganz normal geworden, äußerst zivil, über die Maßen tolerant, erzfriedlich und europäischer, ja, polyglotter als einige seiner Nachbarn. Dass man die Deutschen „entweder an der Gurgel oder zu Füßen habe“, wie der englische Premierminister Sir Winston Churchill einmal sagte, ist nur noch ein Bonmot aus einer fernen Epoche.

Eigentlich bedurfte es jenes „Sommermärchens“ während der Fußballweltmeisterschaft 2006 gar nicht mehr, um ein neues frisches Bild von „Germany“, dem „Land der Ideen“, herbeizuzaubern. Der Ansturm von fast zehn Millionen Touristen, die Jahr für Jahr in die deutsche Hauptstadt kommen, darunter Hunderttausende Jugendliche aus ganz Europa, spricht für sich. Und natürlich ist dieses neue Deutschland genau das, was allzu lange bestritten wurde: Ein Einwanderungsland. Eine schiere Tatsache, kein ideologisches Programm, mit dem ein multikultureller Blumentopf zu gewinnen wäre.

So gehören inzwischen türkische, arabische und polnische Migrantenkinder wie Mesut Özil, Sami Khedira, Jérôme Boateng und Lukas Podolski zu den besten Spielern der Nationalmannschaft, und nicht einmal der mächtige Deutsche Fußballbund DFB kann sie dazu zwingen, die Hymne mitzusingen. Wahrscheinlich will er es auch gar nicht, denn die Inbrunst, mit der etwa die italienischen Kicker ihr „Fratelli d’Italia!“ ins Stadionrund schmettern, ist bei uns nicht mehr angesagt. Nationales Pathos, gesungen wie gesprochen, ist der Mehrheit der Deutschen fremd geworden. Ihre obersten Repräsentanten, Bundestrainer Jogi Löw und Bundeskanzlerin Angela Merkel, sind nicht zufällig Spezialisten der trocken-unterkühlten, rhetorisch ebenso anspruchs- wie leidenschaftslosen „Ich sach mal so“-Rede. Auch der Torjubel der eisernen Kanzlerin im hellgrünen Hosenanzug und mit emporgereckten Ärmchen ruft weltweit keinen Schrecken, sondern Frohsinn und Heiterkeit hervor.

[gallery:20 Gründe, zum Spießer zu werden]

„What’s right with Germany?“, fragte das Magazin Time schon vor Jahren in einer Titelgeschichte und stellte ziemlich erstaunt eine neue Coolness jenes Landes fest, das bis dato für sein Sauerkraut ebenso berühmt gewesen war wie für seine Humorlosigkeit. Auch dieses Vorurteil löst sich unter dem Dauerbeschuss satirischer Salven auf den Bühnen der Republik – in Wort, Schrift und Bild – immer mehr in Luft auf. Mit der 19-jährigen Lena, dem neuesten deutschen Fräuleinwunder, Siegerin des Eurovision Song Contest 2010, präsentierte sich eine fröhlich-selbstbewusste Unbefangenheit, die nicht mehr mit der Gnade einer späten Geburt in Verbindung und in Verlegenheit gebracht werden konnte. Sie war nur eine freche Göre aus Hannover, geboren anno 1991, im Jahr eins nach der Wende.

[[{"fid":"52966","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":138,"hspace":-1,"vspace":-1,"style":"width: 130px; height: 207px; margin: 5px 10px; float: right;","class":"media-element file-teaser"}}]]Selbst die deutsche Leberwurst hat gegenüber der französischen Paté gehörig aufgeholt. Sie wird jetzt gern im Glas oder als feine Konserve mit exquisiter Herkunftsbezeichnung angeboten. Eine Delikatesse frisch aus der Region. Auch nicht zu unterschätzen: die Spreewaldgurke.

So könnte also alles ganz prima und entspannt sein. Doch natürlich beharren auch wir Deutschen, trotz der gewonnenen Weltoffenheit, auf unseren unverwechselbaren Eigenarten, die in Jahrhunderten gewachsen sind. Neben der ewigen Frage nach der „Identität“ – wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir und warum eigentlich die ganzen Umstände? – steht die Selbstzerknirschung an vorderster Front: die Kultur des Jammers und der Klage, der Hang zu Schwermut und Unglück, die faustische Suche nach der letzten Wahrheit und das dumpfe Gefühl, dass immer irgendetwas fehlt zur vollkommenen Glückseligkeit. Wenn sie dann doch mal für einen winzigen Augenblick erreicht scheint, findet sich im Handumdrehen ein neues Problem, ein Skandal oder eine apokalyptische Bedrohung, und schon ist es aus mit dem inneren Gleichgewicht. Dann heißt es wieder zittern, jammern, klagen und immer an das böse Ende denken.

Seite 2: Das Überleben als tägliche Katastrophenübung

Die Aufgabe, das Unglücksgefühl der Deutschen auf möglichst hohem Pegelstand wachzuhalten, kommt vor allem den politischen Talkshows in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu. Abend für Abend wird hier das mentalitätsmäßig immer schon vorhandene Empörungspotenzial aktiviert und auf regelrechten Fieberkurven in die emotionale Umlaufbahn der kochenden Volksseele geschossen. Nahtlos kann man dabei an die Lust am Untergang anknüpfen, die der Schriftsteller Friedrich Sieburg schon 1954 diagnostiziert hat: „Die Welt oder wenigstens den Menschen an den Abgrund zu führen, war von jeher Sache der Deutschen.“

Neu ist nur, dass es inzwischen reicht, über fehlende Kita-Plätze oder Verfehlungen einzelner Politiker zu schwadronieren, um ein Bild flächendeckenden Elends zu zeichnen, von dem der Zuschauer sich kurz vorm Zubettgehen eigentlich nur schaudernd abwenden kann. Hört man Vertretern von Sozial- und Wohlfahrtsverbänden zu, den professionellen Lautsprechern der Betroffenheitsindustrie, dann ist das Überleben hierzulande eine tägliche Katastrophenübung. Deutschland, ein Notstandsgebiet.

[gallery:20 Gründe, warum sich Ehrlichkeit in der Politik nicht lohnt]

Dieser hysterischen Selbstwahrnehmung entspricht spiegelverkehrt das exakte Gegenteil: die systematische Beschönigung und Verharmlosung kritikwürdiger Zustände, die nicht ins politisch korrekte Raster passen. Dass ein großer Teil der Massenmedien an dieser Realitätsverweigerung mitwirkt, wurde schon beschrieben. Doch wer einmal hautnah erleben will, wie hartnäckig und tief verwurzelt die Abwehr gesellschaftlicher Wirklichkeit ist, der besuche einfach eine Parteiveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – oder eine ähnliche Zusammenkunft fast jeder anderen Partei.

Hier, wo das Parteivolk auf seine Führung trifft, wird der zuweilen überstrapazierte Begriff der „political correctness“ zur anschaulichen, greifbaren Erfahrung – wie am Abend des 15. Oktober 2012, als Heinz Buschkowsky, SPD-Mitglied seit 1973 und Bezirksbürgermeister von Neukölln, im Willy-Brandt-Haus, der Berliner Parteizentrale, sein Buch Neukölln ist überall vorstellte. Mehrere hundert Zuhörer waren gekommen, viele mussten stehen.

Bei einigen Buschkowsky-Gegnern konnte man zuschauen, wie die Temperatur im linken Dampfdruckkessel von Minute zu Minute stieg. So versuchte SPD-Bundesschatzmeisterin Barbara Hendricks in ihren einleitenden Worten, die Wogen zu glätten, bevor die erste Welle überhaupt angekommen war. Es schien so, als sei ein Teufel mit Namen Heinz in die Wärmestube der SPD gefahren, wo die Welt noch in Ordnung ist und man sich verwundert die Augen reibt, dass es noch andere böse Dinge gibt als die Rente mit 67. Zum Beispiel Schulen in Neukölln, in denen nicht nur der Anteil von Migrantenkindern über neunzig Prozent liegt, sondern auch die Zahl jener Schüler, die von jeder Zuzahlung bei Lernmitteln befreit sind, weil ihre Eltern von Hartz IV und anderen Sozialleistungen leben. Bis zu zwei Jahre sind diese Kinder im Rückstand, ein Handicap, das kaum noch aufzuholen ist.

Als es schließlich zum ersten kleinen Schlagabtausch zwischen Buschkowsky und Aydan Özoğuz, der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden mit Doppelbonus – Frau und Migrationshintergrund – kam, verwandelte sich die Bundesschatzmeisterin in die Bundesbeauftragte zur Verhinderung eines echten Streitgesprächs unter Genossen und würgte die Debatte konsequent ab. Der Rest ging im versöhnlichen Pseudo-Diskurs unter, der keinem wehtat. In der Partei August Bebels und Willy Brandts ist es unmöglich geworden, öffentlich über drängende soziale Probleme zu diskutieren. Ein Armutszeugnis.

Nur der außergewöhnliche Mut von Heinz Buschkowsky und der sensationelle Erfolg seines Buches haben seine Partei überhaupt dazu gebracht, die Simulation einer Debatte zu wagen, die man dann vielleicht doch lieber Günter Jauch überlassen sollte. Es bleibt die Frage, welche tief sitzenden Ängste eigentlich dafür verantwortlich sind, dass ausgerechnet die Partei, die sich seit 150 Jahren für die Lösung sozialer Probleme einsetzt, vor den realen Konflikten der multikulturellen Gesellschaft schon im Ansatz kapituliert. Das Verschweigen kritischer Zustände jedenfalls leistet nur der Entwicklung einer neuen Unterschicht Vorschub, die keine Anbindung mehr an die demokratische Mehrheitsgesellschaft hat, weder ökonomisch noch politisch, weder kulturell noch bildungsmäßig. Eine Feigheit, die sich rächen wird. Und eine Zeitbombe für die Zivilgesellschaft.

Seite 3: Pseudolinker Kulturrelativismus bei den Grünen

Mutig sind dafür andere. Kerim Pamuk, 1970 in der Türkei geborener Autor und Kabarettist, der erst im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, stimmt Buschkowskys Problembeschreibung ausdrücklich zu: „Arabische und türkische Jugendliche, die marodierend durchs Viertel ziehen und ihre Aggressionen, ihren Frust vornehmlich an Deutschen auslassen und weder Lehrer noch die Polizei ernst nehmen … Ganze Straßen wie die Sonnenallee, in denen man nur noch arabische Schilder und arabische Läden findet, vor denen Wasserpfeife rauchende Männerhorden sitzen und jede vorbeilaufende Frau belästigen.

Arabische und türkische Eltern, die zwar kaum ein Wort Deutsch sprechen, aber Experten sind, wenn es darum geht, Transferleistungen zu beantragen oder mit einem ärztlichen Gutachten ihre Töchter vom Schwimmunterricht befreien zu lassen. Frustrierte einheimische 'Bio-Deutsche', die ihren Kiez nicht mehr wiedererkennen, alltägliche Belästigungen durch Anmache, Pöbelei und Lärm nicht mehr ertragen und wegziehen – genauso wie Einwanderer, die seit Jahrzehnten im Land leben, sich ein neues Leben aufgebaut haben, aber nicht mehr einsehen, warum sich die Töchter auf der Straße vor selbst ernannten islamischen Sittenwächtern rechtfertigen müssen, weil sie keine Kopftücher tragen. Ängstliche Polizisten, die bei Konflikten beide Augen zudrücken oder gar nicht erst eingreifen, weil sie nicht selbst Opfer tätlicher Gewalt werden wollen. Ein Viertel, in dem Gesetze keinen Pfifferling mehr wert sind und immer mehr das Recht des Stärkeren den Alltag bestimmt.“

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Ist das nun Rassismus? Oder einfach nur die Benennung von Tatsachen, mit denen man sich auseinandersetzen muss? Der Rassismus-Vorwurf jedenfalls ist die allerbilligste Münze im Kampf gegen eine unbequeme Wirklichkeitsbeschreibung, die das eigene Weltbild bedroht. Ohne Schizophrenie geht das freilich selten ab. Während das schrill-bunte Anderssein von Einwanderern im linken Multikulti-Diskurs gefeiert wird – nicht zuletzt als Wundermedizin gegen dumpfes Deutschtum –, werden die negativen Aspekte verdrängt oder als Fantasien rassistischer Wahrnehmung denunziert. Während die Kultur, Mentalität, ja sogar die Religion der Migranten geradezu bewundert wird, dürfen die problematischen Aspekte dieses Andersseins nur ominösen „Strukturen“ angelastet werden, die von der tendenziell repressiv-faschistoiden deutschen Gesellschaft zu verantworten sind. Die berüchtigte Bringschuld der Integration ist so allein Sache der „Bio-Deutschen“. Auf diese Weise degradiert man Migranten zu Opfern, schlimmer noch: zum empirischen Objekt deutscher Moralprediger, die nichts auf ihr linkes Glaubensbekenntnis kommen lassen wollen.

Eine besondere Variante, unbequeme Konflikte sprachlich einfach wegzudefinieren, präsentierte die neue Berliner Integrationsbeauftragte Monika Lüke, 43, die früher in den Diensten von Greenpeace stand. „Die Migranten sind nicht die anderen – das sind wir“, behauptete sie und ließ so jedes Problem zwischen Einwanderern und Mehrheitsgesellschaft durch die reine Kraft der Semantik verschwinden. Ein famoser Zaubertrick.

Typisch für diese Haltung der unbeugsamen Wirklichkeitsverweigerung ist auch die Reaktion der Grünen in Neukölln, die im Stil von Radio Moskau feststellen: „Wir haben die diskriminierenden Inhalte des neuen Buches Neukölln ist überall von Heinz Buschkowsky erschrocken zur Kenntnis genommen und sprechen uns entschieden gegen die vielen verleumderischen Äußerungen gegenüber Neuköllnerinnen und Neuköllnern aus … Herr Buschkowsky verbreitet mit seinem Buch durch unreflektierte und aufgebauschte Angstszenarien einen schlechten Ruf über unseren Bezirk und beruft sich dabei hauptsächlich auf seine subjektive Wahrnehmung der Neuköllner Wirklichkeit … Wir solidarisieren uns mit allen in Buschkowskys Buch stigmatisierten Neuköllnerinnen und Neuköllnern.“ Ende der Lautsprecherdurchsage im Politbürodeutsch.

Damit nicht genug. Selbst eine Anfrage in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, wie es um die Finanzierung von Zweit- und Drittfrauen muslimischer Männer durch Sozialhilfe und Hartz IV stehe, wird umstandslos als Diskriminierung und „Stigmatisierung des Islam“ verurteilt, die populistische Ressentiments schüre.

Die Grünen, an die ich mich erinnere, hätten zuallererst nach der Rolle der Frau gefragt, die vom muslimischen Pascha mit den von ihm gezeugten Kindern in irgendwelche Wohnungen abgeschoben und anschließend zum Sozialamt oder Job-Center geschickt wird. Vierzig Jahre nach Beginn der Frauenbewegung hat der pseudolinke Kulturrelativismus dafür gesorgt, dass selbst die patriarchalische Vielehe unter dem Schutz des grünen Weltverbesserungsprogramms steht und gegen die Zumutungen der demokratisch-säkularen Gesellschaft verteidigt werden muss. Bald wird womöglich auch die Burka als Symbol der weiblichen Befreiung gelten. Sandra Maischberger hat es in ihrer Talkshow vorgemacht: Zum ersten Mal in der deutschen Fernsehgeschichte saß eine komplett verschleierte Frau im Studio und sprach über das Glück der Polygamie.

Seite 4: Warum die ständige Warnung vor „Islamophobie“?

Es sind dies Momente, in denen ich mich ernsthaft frage: Bin ich jetzt reaktionär?! Oder sind es die anderen? Sind die einfach gaga, irre, nicht mehr ganz dicht?! Gerade wir alten Linken, erst recht die feministisch engagierten Frauen, hatten doch mit Religion „nichts am Hut“, wie es so schön hieß, von unschönen Kraftausdrücken zu schweigen. Allenfalls an Weihnachten ließen wir uns zur Christmette mitschleppen. Die meisten flohen zu Freunden, möglichst weit weg von Weihrauch und Glockengeläut. Das mag sich im Lauf der Jahre geändert haben, doch woher kommt plötzlich dieses innige Verständnis für den Islam, den einzigen Monotheismus, der, anders als Judentum und Christentum, niemals wirklich mit der Aufklärung in Berührung kam? Und warum eigentlich die ständige Warnung vor „Islamophobie“, ganz so, als handle es sich dabei um eine schwere, unheilbare Krankheit?

Ist es etwa nicht eine Tatsache, dass der Islam jene Religion auf der Welt ist, die gegenwärtig die meisten und brutalsten Fanatiker und Terroristen hervorbringt? Wo hört man lautstarke Proteste der Grünen, wenn im Nahen Osten und in Afrika Hunderte Christen von muslimischen Milizen abgeschlachtet werden? Und wie verhält sich der tapfere Widerstand gegen „Islamophobie“ zu den antisemitischen Ressentiments, die im Kampf gegen „Zionismus“ und „US-Imperialismus“ zutage treten, vor allem bei den Restbeständen jener „Friedensbewegung“, die lieber Assad und Ahmadinedschad beisteht als den Opfern der Tyrannei?

[gallery:20 Gründe, warum wir auf Religion nicht verzichten können]

Samuel Schirmbeck, von 1991 bis 2002 ARD-Fernseh- und Hörfunkkorrespondent in Nordafrika, zieht nach jahrelangen Erfahrungen in Marokko, Algerien und Tunesien seine ganz eigene Bilanz. Sie passt in einen Satz: „Der Islam ist die Versiegelung des Denkens.“ Mit großer Verwunderung verfolgt der Alt-68er, der seine journalistische Karriere bei Agence France Presse (AFP) in Paris begann, die Diskussion über die Rolle des Islam in der westlichen Welt: „Die Islamdebatte der vergangenen Jahre hat mich fünfzig Prozent meiner Freundschaften gekostet“, sagt er im Gespräch. „Es ist doch verrückt: Die Linke hat immer den Freiheitsgedanken verkörpert, gegen religiöse Heuchelei und Unterdrückung gekämpft. Wenn man zehn Jahre erlebt hat, wie furchtbar Gesellschaften ohne Aufklärung leben, packt einen bei den Angriffen auf jeden Islamkritiker die Wut. Ist es womöglich immer noch die Last der Nazischuld, die dazu führt, dass der Glaube der Fremden gegenüber der eigenen Kultur als moralisch überlegen empfunden wird?“

Die Frage ist erlaubt, aber letztlich nicht zu beantworten. Denn auch in anderen Teilen der Welt macht sich falsche Toleranz gegenüber Tendenzen breit, religiösen Imperativen im Alltagsleben unserer säkularen Gesellschaft immer mehr Raum zu geben – ob in der Kopftuchdebatte oder beim Gebetsteppich in der Schule, beim fleischlosen Kantinenessen oder bei prüfungsfreien Tagen für muslimische Schüler, die während des Ramadan am Tage nichts essen dürfen. Längst schon unterminieren sogenannte islamische „Friedensrichter“ rechtsstaatliche Strafprozesse, bei denen am Ende der Chef des involvierten Clans, also der jeweils Stärkste, den Sieg davonträgt, der dann unter „gütlicher Einigung“ firmiert.

Auch das Berliner Arbeitsgericht marschiert an der vordersten Front des vermeintlichen Fortschritts. Im März 2012 erkannte es einer jungen muslimischen Frau, die sich als Zahnarzthelferin beworben hatte, eine Entschädigung von 1.470 Euro zu. Grund: Der Zahnarzt beharrte darauf, dass sie in den Dienstzeiten ihr Kopftuch ablegen müsse. Diese Forderung aber, so die Richter, verstoße gegen das Recht auf freie Religionsausübung. Ein klarer Fall für das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vulgo Antidiskriminierungsgesetz. Warum aber muss die Religionsfreiheit auch noch zwischen Bohrer, Betäubungsspritze und Amalgamfüllung ausgeübt werden? Und was ist dann mit der muslimischen OP-Schwester im Ramadan? Die Richter wissen es genau und heben den gestrengen Zeigefinger der Volkserziehung: „Die Frau mit Kopftuch gilt als unemanzipiert und rückständig“, heißt es in der Urteilsbegründung, und man sieht förmlich das Kopfschütteln der Robenträger, die hier zugleich Religionsphilosophen, Islamwissenschaftler, Historiker und Soziologen sind. „Dabei ist sie in Wahrheit nicht verkehrt, sondern nur anders. Und Mensch unter dem Schutz der Gesetze.“

Da ist es wieder, das Zauberwort „anders“. Anders, nicht eigen. Vielleicht liegt hier die übergreifende Erklärung für das Rätsel des grassierenden Irrsinns politischer Korrektheit: Das Andere ist gut, das Eigene aber schlecht und westlich-verderbt. So versteckt sich das europäisch-abendländische Ich bis zur Selbstverleugnung, macht sich ganz klein und fühlt sich dennoch schuldig an allem, was geschieht. „Das Schluchzen des weißen Mannes“ nannte das vor Jahren schon der französische Autor Pascal Bruckner. Dabei geht das ganze Sinnen und Trachten des guten Deutschen danach, niemals mehr böse, brutal und ungerecht zu sein. „’s ist Krieg! ’s ist Krieg! / O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! / ’s ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“, bangte schon 1774 der Dichter Matthias Claudius.

Seite 5: „Mach isch disch Füllung, Alder!“

Dieses Unschuldsbegehren ist bis heute das verzerrte Spiegelbild der Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Fehlendes Selbstbewusstsein korrespondiert mit Weltrettungsfantasien, Ich-Schwäche mit Selbstüberschätzung. In einer Münchner Luxusklinik, so hört man, werden schon mal die Kreuze abgehängt, wenn die vollverschleierte saudische Kundschaft anrückt, um sich Bauch, Beine und Po straffen zu lassen. Geschäftstüchtig ist man ja.

Bemerkenswert übrigens, dass auch beim Berliner Arbeitsgericht die gute Gesinnung weitaus stärker ausgebildet scheint als die Beherrschung von Syntax und Grammatik. Doch selbst an diesem eher abgelegenen Frontabschnitt des progressiven Alltags ist Hilfe schon unterwegs. „Mach isch disch Füllung, Alder!“, hätte eine imaginäre Zahnarzthelferin mit Kopftuch zum Patienten sagen können, den der Backenzahn schmerzt.

Wer an dieser Stelle entsetzt ausruft: „Es reicht! Das ist doch echt reaktionär jetzt, voll krass die Diskriminierung, ey!“, dem sei gesagt: „Kiezdeutsch ist kein falsches oder schlechtes Deutsch, sondern eine sprachliche Varietät, die in sich stimmig ist.“ Das behauptet zumindest die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Heike Wiese. Und sie weiß noch mehr: „Neue Aufforderungspartikel“ wie „Musstu“ oder „Lassma!“ seien ebenso wie das Weglassen von Präpositionen („Geh isch Aldi“) der avantgardistische Teil eines „neuen, dynamischen Turbo-Dialekts“, der das Hochdeutsch „systematisch und produktiv“ bereichert.

[gallery:Crash-Kurs der lokalen Sprachkultur]

Auch hier müssen natürlich wieder rechtspopulistische Ressentiments ausgeräumt werden: „Es geht mir auch darum, dem Vorurteil entgegenzuwirken, man habe es mit einer reduzierten Grammatik zu tun“. „Gehst du Schule, Alder!“ heißt also die Losung der Zukunft. Ähnlich wie beim „Gender Mainstreaming“ geht es beim „German Mainstreaming“ zugleich darum, soziale Hierarchien abzubauen, Herrschaftsstrukturen und die Arroganz der Bessersprechenden. Dieses hehre Ziel hat sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen gesetzt und bereichert die wunderbare Varietät der deutschen Sprache, indem man dort immer wieder nachfragt: „Kann Steinbrück Kanzler?“ „Musstu warten, bis gewählt, Alder!“ wäre unsere Antwort. Doch auch die Werbeindustrie macht mit und dröhnt uns die Ohren voll mit Botschaften wie „So muss Technik!“ „Weisse Bescheid, Schätzelein!“, grunzt Horst Schlämmer im Hintergrund. Und irgendeiner fragt dazwischen: „Brauchst du Problem, Alder? Kriegst Du Problem!“

Man sieht: Der progressive Alltag lebt.

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