Neuköllns SPD-Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat ein Buch geschrieben, „Neukölln ist überall“. Dieses Buch zeichnet einen zwiegespaltenen Kommunalpolitiker zwischen Thilo Sarrazin und beherzter Integration. Eine Buchrezension
Berlin-Neukölln. Es ist zwanzig nach acht an einem der ersten herbstlichen Morgen im September. An einer Straßenecke des berühmt-berüchtigten Problemstadtteils im Norden Neuköllns unterhält sich auf dem Schulweg eine junge Mutter mit ihrer Tochter. Das Mädchen ist im Grundschulalter. Die Mutter hat einen Migrationshintergrund und erklärt im akzentfreien Deutsch: „Später musst du noch viel länger zur Schule gehen, um dann Astronautin werden zu können.“ Der Autor dieses Textes muss schmunzeln, wohl wissend, dass Heinz Buschkowskys fast 400 Seiten umfassendes Sachbuch „Neukölln ist überall“ auf seinem Schreibtisch liegt. Jenes neu erschienene Buch, dass sich diesem Ort und seinen Integrationsproblemen widmet. Eine solche Szene findet sich in diesem Buch indes nicht. Allerdings und das sei auch gleich vorab angemerkt, Heinz Buschkowsky ist keine reine Wiedergeburt von Thilo Sarrazin und sein Buch auch keine verkappte Neuauflage von „Deutschland schafft sich ab“, das vor zwei Jahren alle Rekorde auf der Sachbuchbestsellerliste gebrochen hat.
[gallery:Von Salman Rushdie bis zum Mohammed-Video – Der Zusammenprall der Kulturen]
„Neukölln ist überall“, heißt der Titel des Buchs, das klingt alarmistisch und auch programmatisch. Der Tenor von Buschkowsky ist trotz aller Ressentiments, die sich auch in diesem Buch wiederfinden, eindeutig: Die Integration aller Ausländer bleibt das Ziel. „Ohne Integration wird es nicht funktionieren. Ohne Bildung wird die Integration nicht funktionieren. Und ohne Bildung und Integration wird unsere Wirtschaft nicht funktionieren“, resümiert der Neuköllner Bezirksbürgermeister.
Etwas stiefmütterlich erwähnt Buschkowsky auf lediglich drei Seiten die neu entstandene Subkultur in Neukölln. Völlig unberücksichtigt bleibt etwa ein Reisejournal der New York Times im Jahre 2010, das die Weserstraße schlagartig zu einer international bekannten Party- und Kneipenstraße gemacht hat. Eine sich immer weiter ausbreitende Künstlerszene, die viel Ateliers geschaffen hat, vegane Cafés und vieles mehr, prägen seit ein paar Jahren ebenso das Stadtbild Nord-Neuköllns wie Moscheen und Kopftücher, Studenten, Künstler und Touristen. Buschkowsky blickt stattdessen auf die Immigranten und die gewaltigen Integrationsprobleme des Stadtteils. Sie sind seit vielen Jahren ein Schwerpunkt seiner Arbeit als Bezirksbürgermeister: Rütli-Schule, Jugendkriminalität, Islamisierung ganzer Straßenzüge und Auflösung von Recht und Gesetz auf Neuköllns Straßen. Sie ließen ihn aus dem engen und bürokratischen Korsett des Bezirksverwalters ausbrechen und zu einem Medienstar werden.
Auf der folgenden Seite: Buschkowsky an der Leine der Berliner Senatsverwaltung











10 Kommentare