Hysterie um Donald Trump - Politik als Dschungelcamp

Kolumne: Grauzone. Jede Amtshandlung von Donald Trump wird von empörtem Mediengetöse begleitet. Dabei liefert der neue US-Präsident nur das, wovon die skandalsüchtige Maschinerie lebt. Der Medienhype um Trump ist daher nicht nur nervig, sondern vor allem verlogen

Donald Trump ist das Produkt der Medien und funktioniert nach ihrer Logik / picture alliance

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alle Reden nur noch von Trump. Egal wohin man schaut oder hört: Trump hier, Trump da, Trump dort. Jedes Dekret, das dieser Mann unterschreibt, jedes Telefonat, das er führt, ist eine Nachricht, wird kommentiert und von hysterischem Mediengetöse begleitet. Es ist nicht mehr zum Aushalten!

Natürlich gilt nach wie vor: Die USA sind die einzig verbliebene Weltmacht, und ihr Präsident ist nicht ganz unwichtig. Und ja: Die USA sind unser wichtigster Partner. Was ihre Regierung beschließt, hat auch Folgen für uns. Richtig ist ebenfalls, dass Trump in den ersten Tagen und Wochen einen bizarren Aktionismus an den Tag gelegt hat, der seinen Wählern suggerieren soll, dass nun eine neue Zeit angebrochen sei, und er dabei wenig Rücksichten auf diverse Befindlichkeiten genommen hat.

Vom „Muslim Ban“ kann keine Rede sein

Andererseits: Das Einreiseverbot für Bürger aus sieben muslimischen Ländern greift im Grunde lediglich den „Visa Waiver Program Improvement and Terrorist Travel Prevention Act of 2015“ auf, erlassen durch die Regierung Obama – nicht ohne Grund, denn die betroffenen Länder sind durchweg „failed states“, ausgenommen der Milizen- und Terrorexporteur Iran. Verwunderlich ist daher weniger die Liste selbst, sondern dass ausgerechnet Saudi-Arabien sich nicht auf ihr befindet. Offensichtlich hat selbst Trump das realpolitische Augenmaß, einen so wichtigen Handelspartner in der Region nicht vergrätzen zu wollen.

Von einem generellen „Muslim Ban“ der Trump-Regierung kann ohnehin keine Rede sein. Und nebenbei: Über die sehr viel skandalösere Tatsache, dass in 16 muslimischen Ländern ein Einreiseverbot für Israelis besteht, darunter in so hübschen Edelurlaubszielen wie Dubai oder Oman, regt sich hierzulande interessanterweise fast niemand auf.

Der Präsident, den die Medien verdienen

Trumps erste Amtshandlungen, so hat man den Eindruck, sind vor allem Medieninszenierungen, gerichtet an seine Anhänger, um zu demonstrieren, dass er „liefert“ und dankbar aufgenommen von Presse, Fernsehsendern und Online-Portalen. Denn Medien leben von der Aufregung und dem Skandal. Und Donald Trump beliefert sie ebenso großzügig wie regelmäßig.

Zumindest instinktiv hat der neue amerikanische Präsident die Heuchelei einer Branche verstanden, deren Empörungsrituale und hysterische Schlagzeilen nur die Kehrseite ihrer Gier nach dem Vulgären und Außergewöhnlichen sind. Insofern ist Donald Trump der Präsident, den die Medien verdienen. Er ist laut, er ist ordinär, und er hält die skandalsüchtige Maschinerie in Gang.

Trump passt somit in unsere Medienlandschaft wie die Faust aufs Auge. Doch nicht nur das: Er ist ihr Produkt. Denn ohne Facebook und Twitter hätte Trumps Kampagne kaum die nötige Schlagkraft entwickelt. Und erst die „traditionellen“ Medien haben ihm den massenmedialen Resonanzraum geschaffen, der ihn ins Weiße Haus getragen hat.

Fleisch vom Fleische der Medienindustrie

Kein Wunder also, dass sich die Medien zurzeit gebärden wie der Zauberlehrling, der – „Walle! walle“ – die Kontrolle verloren hat über die Kräfte, die er entfesselte. Denn Donald Trump ist Fleisch vom Fleische der Medienindustrie und funktioniert nach ihrer Logik – er ist das Politik gewordene Dschungelcamp.

Dass nun genau die Vertreter jener Branche, der kaum etwas zu ordinär oder zu primitiv ist, sich über den Immobilienmilliardär mit den schlechten Sitten mokieren, ist an Scheinheiligkeit und Zynismus kaum noch zu überbieten. Denn es waren die großen Medienunternehmen, die mit ihren vulgären Unterhaltungsshows und der Entertainisierung politischer Formate den Boden bereitet haben, auf dem ein Donald Trump gedeihen konnte.

Ernsthaftere Probleme

Der Medienhype um Trump ist also nicht nur nervig, er ist vor allem verlogen und peinlich. Und er lenkt von deutlich ernsthafteren Problemen ab. Die Finanzkrise in Südeuropa, die Flüchtlingskrise, die Lage in Nahost: Das alles wird man kaum als geklärt oder gelöst bezeichnen dürfen. Und die Wahlen in Frankreich, mit dem Potenzial, Europa epochal zu verändern, drohen auch noch.

Der Fall Trump ist ein gutes Beispiel, wie die Medien nicht nur das Opfer ihrer eigenen Logik werden, sondern genau das erzeugen, was sie offiziell zu bekämpfen vorgeben. Denn es waren die elektronischen Medien, die in den vergangenen dreißig Jahren entscheidend dazu beigetragen haben, dass der Ton in unseren Gesellschaften rauer, primitiver und plumper geworden ist. Verkauft wurde uns diese Entwicklung als modern, cool und zeitgemäß. Nun, wo die Ernte dieser Entwicklung eingefahren wird, gibt man sich empört – man sollte lieber schweigen.