Pegida trifft Antifa - Hanseatische Groteske

Seit einigen Wochen stehen sich in Hamburg Merkel-Kritiker und Linksextreme von der Antifa gegenüber. Selbst befreundete Journalisten geraten bei der Bewertung der Demonstrationen in Streit, wie Ulrich Thiele feststellen musste

Teilnehmer der Tegida-Demonstration („Tolerante Europäer gegen die Idiotisierung des Abendlandes“) / picture alliance

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Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Meine Wahlheimat Hamburg hat jetzt ein eigenes Pegida-Format. So steht es jedenfalls in verschiedenen Zeitungen geschrieben. „Pegida auf hanseatisch“ lautete zum Beispiel eine Überschrift in der Frankfurter Rundschau. Der Hintergrund: Seit einigen Wochen versammeln sich montagabends bis zu 200 Demonstranten mit Anti-Merkel-Plakaten und Deutschlandfahnen am Gänsemarkt nahe des Jungfernstiegs. Alles fing damit an, dass sich eine Frau mit einem „Merkel muss weg!“-Schild auf den Jungfernstieg stellte, woraufhin sich ihr immer mehr Menschen anschlossen – darunter auch solche von der Identitären Bewegung und anderen Strömungen der Neuen Rechten. Der Hamburger Pegida-Ableger wirbt inzwischen auch offiziell für die Demonstration.

Deswegen gehen nun die sogenannten Antifaschisten von der Antifa auf die Barrikaden, sodass den 200 Demonstranten während der letzten Demo mehr als 800 linke und linksextreme Gegendemonstranten gegenüberstanden. Die Initiatorin hat sich mittlerweile zurückgezogen, weil ihr Haus in Harburg attackiert wurde. So sei zum Beispiel ein Glas mit Farbe durch eine Fensterscheibe ins Kinderzimmer geflogen und auch die Hauswand mit Farbe beschmiert worden. Seitdem nimmt sie Personenschutz in Anspruch. 

Wer in Hamburg wohnt, dem sei an dieser Stelle empfohlen, an einem Montagabend in Richtung Jungfernstieg/Gänsemarkt zu gehen und sich aus sicherer Entfernung zu beobachten: Rechtskonservative demonstrieren gegen eine CDU-Kanzlerin (!) und die linksextreme Antifa attackiert die Anti-Regierungs-Demo. Grandios! Eine solche Groteske hätte vor 50 Jahren nicht einmal der kühne Autor Friedrich Dürrenmatt spinnen können.

Die Entblößung

Dramatischer Stoff also, wie auf dem Silbertablett für Journalisten serviert, denke ich – und frage bei einem Treffen zwei Journalisten-Freunde, ob sie für ihre Zeitungen darüber berichten. Es handelt sich wohlbemerkt um Freunde, die ich trotz aller politischen Differenzen sehr schätze und mag, und die mich auch sehr schätzen und mögen, obwohl ich für den eher konservativen Cicero schreibe. 

Was denn da genau los sei, fragen sie mich, man habe das nicht so richtig mitgekriegt. „Zusammengefasst“, antworte ich, „ist eine Frau alleine mit einem ‚Merkel muss weg!‘-Schild am Jungfernstieg losgezogen. Das hat mehr Leute angezogen, auch Leute von der Neuen Rechten, und deswegen geht die Antifa nun auf die Barrikaden und attackiert die Demonstranten. Die Initiatorin haben sie offenbar auch schon privat angegriffen, sie hat sich mittlerweile zurückgezogen.“

Freund 1 rollt mit den Augen: „Kein Wunder…“

Ich: „Warum? Weil sie Merkel kritisiert?“

Freund 2: „Komm schon, wie flach ist das denn bitte, sich mit einem „Merkel muss weg!“-Schild auf den Jungfernstieg zu stellen?“

Ich: „Moment mal! Auf Demos werden eben keine wissenschaftlichen Abhandlungen auf die Plakate geschrieben. Und die Anti-Kapitalismus-Parolen während der G20-Demos haben auch nicht gerade vor Tiefgang gestrotzt.“

Freund 2: „Hmm, vielleicht sollte man einfach mal mit dieser Initiatorin reden. Der muss man nur die richtigen Fragen stellen, dann stellt sie sich selbst bloß.“

Ich: „Alles, was du bis jetzt über sie weißt, ist doch nur, dass sie mit einem Anti-Merkel-Plakat losgezogen ist…“

Kein Kommentar. Stattdessen Freund 1: „Das ist wie mit der AfD. Wenn man sie nicht ausgrenzt, dann können sie sich nicht mehr zu Märtyrern stilisieren und entblößen sich früher oder später sowieso selbst.“

Absurde Zukunft

Ich bin immer noch etwas verdutzt, habe aber immerhin drei goldene Erkenntnisse gewonnen:

1. Merkel-Kritik ist per se verdächtig und ohnehin absurd.

2. Ich kann nun nachvollziehen, warum wir Journalisten bei der Bevölkerung so unbeliebt sind, wenn wir den Leuten reflexhaft mit der arroganten Grundhaltung begegnen, sie bloßstellen zu wollen.

3. Man muss einfach vom Absurdesten ausgehen, was man sich vorstellen kann, wenn man sich ein realistisches Bild von der Zukunft machen will.

Also versuche ich letzteres gleich mal: Ich prophezeie, dass die Grünen in 50 Jahren völkische Homogenität predigen und jeden moralisch verurteilen werden, der daran etwas auszusetzen hat. Die linksliberale Bevölkerung wird währenddessen die Medien anprangern, weil diese ihrer Auffassung nach absichtlich die Straftaten von Deutschen verheimlichen. Unsinn? Abwarten – in einem halben Jahrhundert wird man mich womöglich für meine prophetische Weitsicht rühmen.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels wurde nahegelegt, dass die Antifa teilweise vom Staat finanziert wird, basierend auf einem Artikel aus der tageszeitung. Tatsächlich war der alte Artikel als Satire gedacht, wurde aber nicht von allen verstanden, und hat auch unseren Autor beim Blick ins Archiv gefoppt. Wir bitten wegen des Fehlers um Entschuldigung (CW)