Ausschreitungen in Chemnitz - Rückkehr der Besserwessis

Nach den Ausschreitungen in Chemnitz war man im Westen besonders schnell mit Verurteilungen des Ostens. Dabei müssten auch die klassischen Wessis endlich anfangen, ihre Sicht auf die Welt zu hinterfragen. Von Alexander Grau

Auch der Westen muss jetzt lernen / picture alliance

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Normen und Werte werden gerne als Tatsachen verkauft. Das macht jede Diskussion über sie so schwierig. Denn über Tatsachen muss man nicht diskutieren. Und der, mit dem man darüber redet, hat diese Tatsachen zu akzeptieren. Sonst läuft er Gefahr, als dumm, uneinsichtig oder bösartig abgetan zu werden.

Um zu begreifen, dass Normen und Werte keine Tatsachen sind, sondern ziemlich kontingente und zudem auch noch relative Übereinkünfte, ist es notwendig, ein paar Schritte zurückzutreten und das eigene Weltbild von außen und mit kühlem Herzen zu betrachten. Dann könnte man – unter Umständen – erkennen, dass die Welt nicht so einfach ist, wie sie aus der Blase der eigenen Lebenswelt aussieht. 

Den eigenen Standpunkt zu relativieren und zu versuchen, das Gegenüber zu verstehen, setzt allerdings die Bereitschaft zu einer gewissen intellektuellen Beweglichkeit voraus. Doch paradoxerweise sind es häufig gerade die scheinbar Weltläufigen und Offenen, die sich als besonders borniert erweisen. Geradezu pathologische Dimensionen hat diese Form sich tolerant wähnender Engstirnigkeit im Milieu des saturierten westdeutschen Neubürgertums angenommen.

Eine Flut aus Abscheu

Hier, wo Westdeutschland so westdeutsch ist, dass man sich selbst nicht für einen Westdeutschen hält, sondern für einen Weltbürger, schaut man mit deutlicher Verachtung und zunehmenden Hass auf alles, was nicht das eigene Weltbild passt. Und dies findet sich vor allem in Ostdeutschland, insbesondere in Sachsen, dem vorgeblich allerdunkelsten Teil des vermuteten Dunkeldeutschlands.

Folgerichtig entlud sich im Zuge der Ereignisse in Chemnitz eine Flut aus Abscheu und kaum verhohlener Feindschaft aus den westdeutschen Medien. Und das dort, wo der sich aufgeklärt wähnende Westmensch sein bevorzugtes Refugium hat.

Dabei vergriff sich nicht jeder dermaßen im Ton wie ein bekannter Verlegererbe, der mit Blick auf Chemnitz von den „dicken, stiernackigen Männern, die mit ihren Glatzen aussehen wie Pimmel mit Ohren“ fabulierte und dem „Fleisch gewordene Rülpsen und Tölpeln, das die sozialen Medien durchflutet.“ 

Mit Helmut Kohl im Kanzleramt und Nena im Ohr 

Man liegt vermutlich nicht falsch, wenn man besagtem Kolumnisten zugesteht, dass er das intellektuelle Klima und das kulturelle Selbstverständnis des westdeutschen Juste Milieus nicht einmal falsch eingefangen hat. Denn hier herrscht tatsächlich jene moralische Arroganz, aus deren Perspektive jeder, der nicht genauso denkt wie man selbst, ein Abgehängter ist. Und so schert man über einen Kamm und ist nicht bereit, genauer hinzuschauen, zu differenzieren zwischen dem rassistischen Mob und jenen Menschen, die die Entwicklung in ihrem Gemeinwesen mit Sorge betrachten und bei denen das Gefühl von Ohnmacht – ob berechtigt oder nicht – in Zorn umschlägt.

Doch nicht jeder besorgte Bürger, der Wut im Bauch hat, da er sich von der Politik nicht gehört fühlt, ist ein Nazi oder ein Hooligan. Gerade in Ostdeutschland ist man aus historischen Gründen sensibel gegenüber der Propagierung von Demokratie und eines staatsoffiziellen Internationalismus. Denn fünfzig Jahre lebte man dort in einem totalitären Staat, dessen Eliten keine Skrupel hatten, ihn als demokratische Republik darzustellen und Völkerfreundschaft und Solidarität mit martialischen Marschkolonnen abzufeiern.

Aber statt die Erfahrungen und Sichtweisen vieler Ostdeutscher ernst zu nehmen und die eigene, festbetonierte Weltsicht zu hinterfragen, sonnt sich der Helldeutsche in dem Bewusstsein seiner Liberalität und seiner Toleranz. Aufgewachsen in den sicheren, behüteten und gemütlichen Jahren der späten Bundesrepublik mit Helmut Kohl im Kanzleramt und Nena im Ohr hat er sich, selbstverliebt in die Gewissheit eigener Liberalität und Weltoffenheit, eingezimmert, die ihn blind machte und bis heute macht für die Empfindlichkeiten und Sorgen in den neuen Bundesländern. Gefangen in einer Ideologie, die er selbst nicht als Ideologie wahrnimmt, sondern als progressive Gesinnung, bemerkt der angehängte Westdeutsche nicht die Beschränktheit der eigenen Weltsicht und die Herablassung die in ihr steckt.

Denkschemata müssen hinterfragt werden

Damit kein Irrtum aufkommt: Der Verfasser dieser Zeilen ist selbst Westdeutscher. Aber gerade deshalb weiß ich, wie verführerisch dieses westdeutsche Lebensgefühl ist und seine Scheingewissheiten. Genau davon aber gilt es sich schnellstens zu verabschieden.

Insbesondere dort, wo man selbstverliebt westdeutsche Gewissheiten kultiviert und mit Weltoffenheit verwechselt, täte man gut daran, das eigene Weltbild, die eigenen Vorurteile und Denkschemata zu hinterfragen. Sich selbst und seine Sicht der Dinge infrage zu stellen, das allerdings ist etwas, was der Westdeutsche in seiner Selbstgefälligkeit nur selten gelernt hat.

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