Afrikanische Schweinepest - Das Wildschwein als Sündenbock

Sollte die afrikanische Schweinepest auf Deutschland übergreifen, wäre das für die Landwirtschaft katastrophal. Bauernverbände und Agrarpolitiker blasen zur Jagd auf Wildschweine. Doch der Verdacht liegt nahe, dass sie damit von strukturellen Ursachen ablenken wollen

Vielen gilt das Wildschwein als Risikofaktor / picture alliance

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Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Wie jeder Jahr feiert die deutsche Landwirtschaft in der zweiten Januarhälfte eine riesige Party. Auf der am Freitag eröffneten „Grünen Woche“ in Berlin werden bis zum 28.Januar wieder mehrere Hunderttausend Besucher erwartet. Doch die Feierlaune ist in der Branche derzeit eher gedämpft. Denn mit der Afrikanischen Schweinepest (ASP) ist eine Seuche auf dem offenbar unaufhaltsamen Weg nach Deutschland. Die könnte einen der wichtigsten Eckpfeiler der Agrarproduktion mächtig ins Wanken bringen. Schon die nachgewiesene Erkrankung eines einzigen Wildschweins würde zwingend zu einem Exportstopp in alle Länder außerhalb der EU führen. Noch gravierender wären die Folgen eines Befalls von Hausschweinen. Betroffene Bestände müssten komplett getötet und entsorgt werden. Zudem träten umfangreiche Restriktionen für die gesamte Produktionskette und den Transport in Kraft.

Zwar ist ASP sowohl für andere Tierarten als auch für den Menschen vollkommen ungefährlich. Selbst der Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln birgt keinerlei gesundheitliche Risiken. Doch die Folgen für die Fleischwirtschaft wären desaströs. Verluste in ein- bis zweistelliger Milliardenhöhe wären die Folge.

Quasi in letzter Minute will man nun mit umfangreichen Maßnahmen den Ausbruch der Seuche in Deutschland verhindern. Als „Hauptfeind“ haben Bauernverbände und Agrarpolitiker dabei das Wildschwein ausgemacht. Dieses findet in großen Teilen Deutschlands hervorragende Lebensbedingungen, nicht zuletzt aufgrund der riesigen Mais- und Raps-Monokulturen. Die bieten nicht nur einen stets reichlich gedeckten Esstisch, sondern auch optimale Rückzugsmöglichkeiten.

Und schuld soll jetzt das Wildschwein sein?

Entsprechend rasant entwickelt sich die Population der sehr fruchtbaren Tiere. Daran hat auch die 2017 vermeldete Rekord-Abschussquote von über 600.000 Wildschweinen nichts geändert. Die Agrar-Lobby fordert daher, mit einer Mischung aus brachialen Jagdmethoden (Fallenjagd, Abschaffung der Schonzeiten, Bejagung in Naturschutzonen) und Abschussprämien Tabula Rasa zu machen und den auf mehrere Millionen (genaue Schätzungen gibt es nicht) geschätzten Bestand um 70 Prozent zu reduzieren.

Beim Friedrich-Löffler-Institut (FLI) mit Sitz in Riems (bei Greifswald), das als Bundesbehörde für Tiergesundheit und die Seuchenbekämpfung zuständig ist, kann man diese Fokussierung auf Wildschweine als ASP-Risiko nicht nachvollziehen. Eine direkte Übertragung des Virus von Wild- auf Hausschweine sei angesichts der sehr hohen seuchenhygienischen Standards in Deutschland „weitgehend ausgeschlossen“, sagte eine Sprecherin des Instituts zu Cicero Online. Zwar stelle die hohe Wildschweindichte ein großes Reservoir zur Ausbreitung von ASP dar. Eine Reduzierung dieser Bestände reiche aber – egal in welcher Größenordnung – als Bekämpfungsmaßnahme nicht aus.

Die Wanderung der Viren

Dazu lohnt ein Blick auf den „Wanderweg“ der ASP-Viren aus den afrikanischen Ursprungsländern nach Europa. Beim FLI geht man davon aus, dass das extrem widerstandsfähige Virus in verunreinigten Schiffscontainern 2007 nach Georgien gelangte. Vor allem durch die illegale Entsorgung von kontaminierten Speiseabfällen und deren Aufnahme durch Wildschweine konnte es sich schnell verbreiten und teilweise auf Hausschweine übergriff. Die nächsten Stationen waren die Nachbarländer Armenien, Aserbaidschan und die Russische Föderation, dort auch in entlegenen Gebieten wie Murmansk. Es folgten Weißrussland, die Ukraine und schließlich die „Einreise“ in die EU durch die baltischen Staaten, Polen und zuletzt Tschechien.

Zwar sei in den teilweise noch recht archaischen landwirtschaftlichen Kleinstbetrieben in Teilen Osteuropas eine direkte Übertragung von  Wild- auf Hausschweine nicht auszuschließen, doch die wichtigste Infektionsquelle seien verunreinigte Lebens- und Futtermittel, sowie Kontaminationen bei der Verarbeitung und dem Transport, so die FLI-Sprecherin. Dazu kommt, dass Wildschweine sehr gebietsbezogen leben und nur einen relativ kleinen Wanderradius haben, und als Hauptquelle für die Verbreitung von ASP über derartige Entfernungen daher nicht in Frage kommen.

Ablenkung von den tatsächlichen Ursachen

Auch bei Umwelt- und alternativen Agrarverbänden verweist man auf strukturellen Gefahren jenseits der Wildschweinhysterie. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) teile Cicero Online mit, dass die diversifizierte industrielle Fleischproduktion als „Turbo“ für die Ausbreitung derartiger Krankheiten diene. Auf den Stationen von der Ferkelzucht über Mast, Schlachtung, Weiterverarbeitung und Vertrieb würden Schweinefleisch und Abfälle mitunter Tausende von Kilometern kreuz und quer durch Europa gekarrt.

Hinzu kommt die wachsende Exportorientierung der Schweinefleischwirtschaft. Trotz deutlich gesunkener Absätze im Inland steigt die Produktion kontinuierlich, der Exportanteil beträgt mittlerweile über 25 Prozent. Wichtige Abnehmer sind Russland und vor allem China, wo auch hierzulande weniger beliebte Schweineteile, wie Ohren, Füße und Mägen, äußerst beliebt sind. Auch bei den Verbänden schätzt man globalisierte Transportketten, aber auch den innereuropäischen Pendler- und Reiseverkehr, als zentrale Risikofaktoren ein, vom verunreinigten Container bis hin zum viel zitierten „achtlos weggeworfenen Wurstzipfel an der Autobahnraststätte“.

Die nunmehr als eine Art Königsweg angemahnte drastische Reduzierung der Wildschweinbestände – die von Jagdverbänden übrigens als vollkommen unrealistisch eingeschätzt wird – könnte die Ausbreitung der Seuche nach Einschätzung aller Experten erschweren, aber nicht verhindern. Und so klingen die martialischen Jagdsignale der Agrarlobby auch ein wenig wie ein Ablenkungsversuch von den strukturellen Ursachen derartiger Epidemien.