Religionsfreiheit - Es kann nur einen deutschen Islam geben

„Es gibt keinen deutschen Islam“, schreibt Alexander Grau. Die anhaltende Zuwanderung zeigt aber: Genau einen solchen brauchen wir. Denn daran entscheidet sich auch die Zukunft unserer eigenen Kultur. Eine Replik von Klaus-Rüdiger Mai

Regenbogen über einem Minarett: „Der ‚Kopftuch-Islam‘ ist eine sehr moderne Erscheinung“ / picture alliance

Autoreninfo

Dr. Klaus-Rüdiger Mai, geboren 1963, Schriftsteller und Historiker, verfasste historische Sachbücher, Biographien und Essays, sowie historische Romane. Sein Spezialgebiet ist die europäische Geschichte. Am 10. April erscheint sein Buch „Geht der Kirche der Glaube aus?“

Foto: Herder

So erreichen Sie Klaus-Rüdiger Mai:

Alexander Grau beklagt, dass eine „gedankenlose Politik“ konservative Muslime und liberale Europäer „dazu nötigt“ ihre kulturelle Identität „unter ein Dach zu bringen.“ Als wenn es nur darum ginge! Obwohl Graus Diagnose einiges richtig beschreibt, geht sie letztlich doch in die Irre. Was ist die kulturelle Identität konservativer Muslime? Weshalb entstehen Probleme, wenn konservative Muslime und liberale Europäer miteinander leben wollen? Treten sie nicht auch auf, wenn liberale und konservative Europäer darüber streiten, wie sich die europäischen Gesellschaften entwickeln sollen, ob sie überhaupt eine „europäische Gesellschaft“ werden wollen?

Die vielen Terroranschläge in der muslimischen Welt zeigen, dass das Zusammenleben im Islam nicht unbedingt problemfrei ist. Weshalb eigentlich haben, wie Grau schreibt, konservative Muslime vollkommen recht, dass ein Euro-Islam oder ein deutscher Islam kein Islam wäre? Warum ist nur der konservative Islam der authentische und alle anderen Richtungen nicht, wie wird er definiert? Geht Alexander Grau hier den Salafisten auf den Leim? Passen unsere Setzungen von konservativ und progressiv überhaupt auf die muslimisch geprägten Gesellschaften? Will Alexander Grau tatsächlich entscheiden, welcher Islam der Richtige ist? Der Schiitische oder der Sunnitische, und weiter gefragt: der Wahhabitische oder derjenige der Sufis? Will er Theologen wie Mouhanad Khorchide oder der Anwältin Seyran Ates wirklich absprechen, Muslime zu sein?

Kultur und Religion bedingen sich wechselseitig

Alle großen Religionen besitzen eine gewisse Vielfalt, die entsteht, weil Glauben immer wieder neu verstanden und definiert werden muss. Kultur und Religion bedingen sich wechselseitig. Zu bedenken ist, dass das, was oft unter einem konservativen Islam verstanden wird – unter dem „Kopftuchislam“, wie es Bassam Tibi formulierte – im Grunde eine sehr neue, sehr moderne Erscheinung ist. Gerade Dschihadismus und Salafismus gehören nicht in das klassische Arsenal des Islams. Man kommt letztlich nicht weiter, wenn man jedem die eigene „kulturelle Identität“ zugesteht – nach dem Motto: Lebe sie aus, aber bitte nicht bei uns. Eine solche Vorstellung verkennt die Tatsache der Entwicklung. Der Islam selbst hatte zwischen dem 10. und dem 14. Jahrhundert eine sehr dynamische Phase erlebt.

Es ist richtig, dass aus dem Christentum das moderne Europa hervorgegangen ist, die Wissenschaft, die Aufklärung, auch die Säkularisierung. Es war Luther, der mit der Entdeckung des Ichs im Glauben den Grundstein für das Individuum legte und mit der Zwei-Regimenten-Lehre die Trennung von Staat und Kirche definierte. Gerade die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Bibel führte zu einem neuen Verständnis des Glaubens. Bis tief in das Mittelalter hinein finden sich Übereinstimmungen zwischen dem Christentum und dem Islam. Die große Trennung geschieht mit dem Beginn der Neuzeit, mit dem gesellschaftlichen Modernisierungsschub, der eine Frucht des Christentums ist.

Fünf Forderungen für einen deutschen Islam

Hinsichtlich des Islams führen Verallgemeinerungen nicht weiter, wie sie Alexander Grau in immer neuen Entgegensetzungen bringt, zumal kulturelle Probleme auftreten, wenn die Religion letztlich nur als Schutzschild für eine Lebensweise dient, die sich an Clan-Strukturen und patriarchalischen Mustern orientiert. Deren Angehörige kennen Loyalität nicht gegenüber Staaten oder Nationen, sondern nur gegenüber ihrem Familien-Clan oder ihrem Stamm. Das Problem liegt also tiefer als die Diskussion der Religion überhaupt gehen kann. In Deutschland wird es überspitzt formuliert nur einen deutschen Islam geben können. Nämlich den, der vom Grundgesetz eingehegt ist.

Stimmt man dem zu, dann stellen sich folgende Forderungen:

1) Einwanderung muss geregelt und begrenzt werden. Wobei Einwanderung auch Asyl und subsidiären Flüchtlingsschutz umfasst. Benötigt wird ein einheitliches Gesetz, denn auf welchem Weg Zuwanderung auch immer geschieht – sie ist in ihrer Wirkung Zuwanderung.

2) Einwandern kann nur, wer sich auf der Grundlage des Grundgesetz integrieren will. Wer deutscher Bürger werden möchte, muss auch deutscher Bürger werden wollen – mit allen Rechten, und, was häufig vergessen wird, mit allen Pflichten. Teilhabe am Nehmen funktioniert nur, wenn auch eine Teilhabe am Geben existiert.

3) Alles, was nicht durch den Filter der Aufklärung passt, wird zu Konflikten führen.

4) Religionsfreiheit bedeutet, dass die Ausübung der Religion in den Grenzen des Grundgesetzes gestattet ist. Wo sie dagegen verstößt, nicht.

5) Es darf nicht zweierlei Recht geben, und schon gar keine Sonderrechte aufgrund religiöser Besonderheiten wie beispielsweise das Fasten. Wer Fasten will, muss Urlaub nehmen. Oder er muss das Fasten so einrichten, dass es den Arbeitsalltag nicht stört.

Frage der Einwanderung ist eine Frage der Kultur

Das sind einfache Regeln, die sich im Grunde von selbst ergeben. Im Zusammenleben mit anderen Religionen als dem Islam, werden sie nie diskutiert, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt. Niemand wird gezwungen, nach Deutschland zu kommen. Wer hier leben und arbeiten möchte, hat sich an die Verfassung des Landes zu halten. Das muss er natürlich auch wollen. Ob er daneben den Buddhismus, das Alevitentum oder den Islam (als Euro- oder als konservativen Islam) praktizieren möchte, bleibt jedem selbst überlassen, wenn er denn auch die Begrenzungen seiner Religionsausübung akzeptiert. Diese ergeben sich aus unseren Gesetzen und Werten. Die Geschichte der Religionen lehrt, dass Religionen nicht statisch sind, wie Alexander Grau voraussetzt, wenn er annimmt, dass nur der konservative Islam der authentische ist. Denn das widerlegt die Geschichte des Islams selbst.

Das Problem liegt nicht in der Religion, sondern in der kulturellen Prägung der Migranten, ob man sie Asylsuchende, Flüchtlinge oder Geflüchtete nennt. Das wird um so deutlicher, je stärker sich Migranten auch aus Zentralafrika auf den Weg machen. Wir müssen die Frage der Einwanderung nicht als Frage der Religion diskutieren, sondern als Frage der Kultur. Deshalb ist die Frage der Einwanderung eine Frage an unsere Kultur. Ist sie wirklich in der Lage, immer mehr Menschen aufzunehmen, oder wird sie zerbrechen und auseinanderfallen wie das spätrömische Reich? Alles beginnt und endet bei drei Fragen: Wer sind wir, wie wollen wir sein und natürlich, wie können wir sein? Wenn wir diese Fragen nicht beantworten, dann werden sie für uns beantwortet werden. Darüber tobt im Grunde die schonungslose und mit aller Kraft geführte Diskussion in Deutschland: mit großsprecherischen Ideologemen, mit moralgefütterten Großwortmonstern, mit Verdächtigungen und mit Herabwürdigungen. Sie ist existentiell, denn sie entscheidet über unsere Zukunft.