Michael Flynn - Der sprunghafte Stratege

Mit der Berufung von Michael Flynn zum Nationalen Sicherheitsberater ist der künftige amerikanische Präsident Donald Trump selbst ein erhebliches Risiko eingegangen

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Bei konkreten Fragen tänzelt der 57 Jahre alte Spionageprofi im Vagen / picture alliance

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Ansgar Graw ist Amerikakorrespondent der Tageszeitung Die Welt

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Donald Trump, klar, der ist wie geschaffen für Alec Baldwins „Saturday Night Live“-Satire. Aber Stoff für ein Hollywood-Epos bietet General Michael T. Flynn, sein künftiger National Security Advisor. 

Was für ein Typ! Der registrierte Demokrat, der künftig der wichtigste Berater des republikanischen Präsidenten in Fragen der internationalen Sicherheit sein soll, drohte als Jugendlicher zum Problem für die kommunale Sicherheit zu werden. Er war kriminell, landete für eine Nacht in einer Besserungsanstalt, bekam ein Jahr auf Bewährung. Er ließ Passanten an einen Selbstmord glauben, als er für einen Adrenalinkick von einer 20 Meter hohen Brücke sprang, erzählt Flynn. (Wir nehmen diese Jugenderinnerung des Generals einfach mal für bare Münze.) 

Der Draufgänger wuchs mit acht Geschwistern in einer irisch-katholischen Familie in Rhode Island auf. Abends wurde gekämpft um ein echtes Bett anstelle einer improvisierten Schlafstelle auf dem Boden. Der Vater diente als Soldat im Zweiten Weltkrieg und in Korea, wurde danach Angestellter einer Bank und endete als deren Vizepräsident. Die Mutter managte nicht nur den Haushalt und die Kinder, die zum kompletten Baseball-
Team taugten, sondern machte nebenbei auch noch ein Juraexamen. 

Der Bilderbuchamerikaner

Flynn ist so etwas wie ein Bilderbuchamerikaner: ein geläuterter Straftäter; ein College-Abbrecher, der beim Militär seine Berufung fand; ein Brausekopf, der nicht kuscht vor Autoritäten und es akzeptiert, wenn ein Untergebener ihm sagt: „General, das ist Blödsinn!“ Und Flynn ist einer, der nichts im Sinn hat mit Political Correctness und darum im Post-Obama-Amerika bei den Siegern ist. „Angst vor Muslimen ist RATIONAL“, twitterte der Drei-Sterne-General im Februar zu einem Video, das behauptete, der Islam wolle 80 Prozent der Menschheit versklaven oder ausrotten. Er ließ seine Lieblingsfloskel folgen: „Die Wahrheit fürchtet keine Fragen.“ 

Die Wahrheit? Bei konkreten Fragen tänzelt der 57 Jahre alte Spionageprofi im Vagen. Er verspricht „provokante Antworten“ und bleibt im Ungefähren. Via Twitter verbreitete er die Falschnachricht, das FBI ermittle gegen Hillary Clinton im Zusammenhang mit Pädophilie. „Urteilen Sie“, schrieb er dazu. Und: „UNBEDINGT LESEN!“ 

Barack Obama machte  Flynn im Juli 2012 zum Direktor der Defense Intelligence Agency, dem Militärgeheimdienst
der USA. Und feuerte ihn zwei Jahre später. Von chaotischem Management und miserabler Menschenführung war die Rede. Er sei „beleidigend mit Untergebenen umgegangen“, schrieb Ex-Außenminister Colin Powell in einer privaten E-Mail, die über Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangte. „Er war und ist zudem stets ein Rechtsaußenverrückter gewesen.“ 

Das Buch der Wahrheit

Flynn verbreitet eine andere Begründung. Er habe zur Verärgerung des Weißen Hauses einem Kongressausschuss vorgetragen, dass die Sicherheit der USA heute stärker gefährdet sei als einige Jahre zuvor, behauptet er in seinem Buch „The Field of Fight“. In diesem Buch über den Kampf gegen den islamistischen Terror liest man mit großem Gewinn, wie Flynn im Irak und in  Afghanistan die Aufklärungsarbeit optimierte und Offiziere und Soldaten dazu brachte, die Länder, Menschen und Kulturen dort kennenzulernen. 

Und dann dieser Satz: Amerika sehe sich einer Allianz gegenüber „zwischen radikalen Islamisten und Regimes in Havanna, Pjöngjang, Moskau, Caracas und Peking. Beide glauben, dass die Geschichte und/oder Allah ihre Anstrengungen segnet.“ Sie alle seien vereint „im Hass auf den Westen, insbesondere auf die Vereinigten Staaten und Israel“. 

China hasst Israel? Und Putin, den Trump gern lobt, ist so schlimm wie der IS? „The Field of Fight“ erschien im Juli. Im März hatte der General bei einem seiner Auftritte im russischen Propagandasender Russia Today noch gefordert, die USA und Russland müssten ihre nationalen Sicherheitsstrategien abstimmen im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind: „Dieser Feind hat uns den Krieg erklärt.“ 

Der gelegentliche Russlandversteher

Als sich Russia Today im Dezember 2015 anlässlich seines zehnjährigen Bestehens mit einem Galadinner in Moskau feierte, saß der geschasste amerikanische Spitzenagent nur zwei Plätze entfernt von Ehrengast Wladimir Putin. Bei einem bezahlten Auftritt in einem Panel sagte Flynn, die USA und Russland hätten „gemeinsame Interessen, um eine gewisse Stabilität zu erreichen“. Den Rest des Abends erging er sich in Plattitüden. 

Der gelegentliche Russlandversteher folgt auf herausragende Nationale Sicherheitsberater wie Henry Kissinger, Zbigniew Brzezinski oder Condoleezza Rice. Warum tun Trump und Flynn sich das an? Der General ist großartig in Taktik und sprunghaft in Strategie. Ja, ein Hollywood-Film wäre prima. Mit einem Happy End ist eher nicht zu rechnen. 

 

Dieser Text ist aus der Januar-Ausgabe des Cicero, die Sie in unserem Shop nachbestellen können.

 

 

 

 

 

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