Von Tea Party bis AfD - Aufstand gegen den Wandel

Das Volk verliert immer mehr das Vertrauen in die traditionellen Institutionen. Davon profitieren Gegenbewegungen wie die Tea Party, die Grillo-Partei in Italien oder die „Alternative für Deutschland“. Diese haben eines gemeinsam: Sie sehen sich als Widerständler gegen den gesellschaftlichen Wandel

Aufstand gegen den Wandel
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Malte Lehming leitet die Meinungsseite des "Tagesspiegels".

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Wer keine Identitäten konstatiert, sondern nach Analogien sucht, gelangt zu dieser Reihe: Bernd Lucke ist Mohammed Mursi, Beppe Grillo ist Sarah Palin. Doch der Reihe nach. Amerika, Europa und die Maghreb-Region wurden in den vergangenen Jahren erschüttert – das Platzen der Immobilienblase plus Finanzkrise, Finanzkrise plus Schuldenkrise, arabischer Frühling plus Erstarken des Islamismus. In der Folge gab es massive Vertrauensverluste gegenüber traditionellen Institutionen. Aus den Vertrauensverlusten resultiert Angst.

Diese Angst braucht ein Ventil. Fast zeitgleich formieren sich in allen drei Regionen Protest- oder auch Gegenbewegungen. Die Tea Party in den USA, die „Wahren Finnen“ oder auch „Bewegung der fünf Sterne“ oder auch „Alternative für Deutschland“ (AfD), die Muslimbrüder. Was sie eint, ist das als bedrohlich empfundene Gefühl plötzlicher Werte-Heimatlosigkeit. Heimat in diesem Sinne ließe sich definieren als Beisammensein derselben Menschen in derselben Tradition.

Die Bewegungen eint weiter, dass sie gesellschaftliche Prozesse verlangsamen wollen. Ihre Mitglieder sehen sich als Widerständler gegen die Zeitläufte. In Amerika richtet sich das gegen den überbordenden Staat (Investitionsprogramme, Gesundheitsreform, Verschuldung), verordnete Änderungen im Lebensstil (Einschränkung des Schusswaffenerwerbs, Abschaffung der Todesstrafe), Heterogenisierung der Moral (Homo-Ehe, Kirchenferne) und Liberalisierung von Einwanderung.

Wer den AfD-Vertretern zuhört, stößt auf strukturelle Ähnlichkeiten. Abgesehen von der Abschaffung des Euro leiden sie eher unter der Geschwindigkeit gesellschaftlichen Wandels als unter konkreten neuen Inhalten. So sind sie nicht an sich gegen Homo-Ehe, Atomausstieg, Abschaffung der Wehrpflicht oder eine Frauenquote. Doch das Tempo - alternativ: das Prozedere -, das dazu geführt hat, ging ihnen zu schnell. Von der Union fühlen sie sich im Stich gelassen, nicht mitgenommen. Es kommt ihnen vor, als müssten sie in der neuen Zeit einen Teil ihrer politisch gewachsenen Identität verleugnen.

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An den Begriffen Homo-Ehe und Immigration lässt sich die Moral der neuen Zeit gut exemplifizieren. Alle Umfragen in westlichen Ländern signalisieren eine stetig wachsende Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe. Besonders stark fällt die Zustimmung bei den Unter-30-Jährigen aus (81 Prozent dafür). Dieses Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Ähnlich verhält es sich bei der Immigration. Multikulti ist für junge Menschen nicht Projekt, sondern – auch mit allen Schwierigkeiten - praktisch erfahrener Alltag. Fast siebzig Prozent der Unter-30-Jährigen in Amerika sagt, Neueinwanderer würden die Gesellschaft „stärken“.

Der moderne Migrant wiederum führt meist eine Art Doppelexistenz. Mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel – Internet, Skype, Facebook, Satellitenfernsehen – bleibt er eng mit der alten Heimat verbunden, hält die Verbindungen zu seiner Vergangenheit aufrecht, pendelt dank billiger Flüge oftmals hin und her. Er ist „hyper-connected“ und fühlt sowohl-als auch: als Deutscher und Türke, Latino und Amerikaner. Der Assimilationsdruck ist geringer, Parallelwelten entstehen. Auch diese Entwicklung lässt sich, zumal im europäischen Rahmen, nicht mehr rückgängig machen.

Dass sich ausgerechnet Anhänger der Linkspartei im hohen Maße von der AfD angezogen fühlen (laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die „Zeit), überrascht vor diesem Hintergrund nicht. In der Linkspartei – vormals PDS vormals SED – sind Veränderungsaversionen besonders stark ausgeprägt. Der ja durchaus revolutionäre Prozess der deutschen Einheitsbildung wurde von vielen ostdeutschen Linken als Schock erfahren.

Ähnlich schockiert waren viele Tunesier und Ägypter durch die Revolutionen in ihren Ländern. Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit: Das wird abstrakt zwar bejaht, doch den neuen Kräften, die dafür auf die Straße gehen, wird misstraut. Einen Aufbruch in die Unversicherbarkeit will kaum einer. Das versichernde Element bildet in diesem Fall die Religion. Der Islam als Traditionsanker.

Damit ist er für die Muslimbrüder funktionell das, was für die AfD die D-Mark bedeutet und für die Tea Party der „American way of life“. Bernd Lucke ist Mohammed Mursi, Beppe Grillo ist Sarah Palin.

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