Schwule Muslime

Männer, die Männer lieben – und Allah

Homosexuelle, die in ihrer Heimat verfolgt werden, haben laut EuGH Anspruch auf Asyl. Eine Hoffnung für Menschen in islamischen Gesellschaften. Denn: Schwule Muslime, für die ihre Liebe zu Männern keinen Widerspruch zu ihrer Religion darstellt, leben gefährlich 

Homosexualität unter Muslimen ist immer noch ein Tabuthema
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Unser Autor

Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Mohamed Sherif zögert, er ist misstrauisch. Von seinem Leben als Homosexueller in Ägypten zu erzählen – das widerspricht so ziemlich allem, was seinen Alltag sonst bestimmt. Denn Mohamed Sherif ist es gewohnt, sich zu verstellen und nicht über das zu sprechen, was ihn von anderen unterscheidet. Dann willigt er schließlich ein und berichtet. Von Massenverhaftungen, von Drohungen und familiärem Druck. Von den bohrenden Fragen seiner Eltern, und von der Verachtung, die ihm entgegenschlägt. „Wenn du zwischen 23 und 30 Jahre alt und noch immer ledig bist, musst du jeden Tag auf die Frage gefasst sein, wann du denn endlich heiraten wirst“, erzählt Sherif.

„Wenn die Familie Bescheid weiß, wird dein Leben zur Hölle“


Die Wahrheit hilft da auch nicht weiter – im Gegenteil: „Sobald die Familie über deine sexuelle Orientierung Bescheid weiß, wird dein Leben zur Hölle“, sagt Mohamed Sherif. „Sie verachten dich, sie schlagen dich, und manchmal sperren sie dich zuhause ein“.

Ein homosexueller Sohn – für die meisten ägyptischen Familien gleicht dies einer Schande. Viele Freunde von Mohamed verbergen deshalb vor ihren Eltern und Geschwistern ihre Liebe zu Männern. Einige lassen sich auf eine Ehe mit einer Frau ein, um den Schein zu wahren. Langfristige Partnerschaften zwischen Männern sind so kaum möglich: „Die meisten suchen nicht mehr nach einer festen Beziehung“, erzählt Sherif.

Mann trifft sich heimlich in den inoffiziellen Schwulen-Bars von Kairo. Denn die Polizei greift hart gegen Homosexuelle durch. Erst im Oktober wurden 14 Männer in Kairo festgenommen. Der Vorwurf: „Unmoralische und homosexuelle Handlungen“. Medienberichten zufolge mussten sich die Inhaftierten entwürdigenden Analuntersuchungen unterziehen.

In Bars rund um das Stadtzentrum und in den Vierteln Maadi, Mohandessin und Masr El-Gedida läuft die Partnersuche daher diskret ab: „Nach außen benehmen sich alle wie Heterosexuelle. Alles andere spielt sich hinter den Kulissen ab“, erzählt Mohamed. Und das in Kairo, der Stadt der hundert Minarette, einem Zentrum islamischer Gelehrsamkeit und zudem Heimat von mindestens fünf Millionen christlichen Kopten. „Religion spielt eine enorme Rolle im Leben eines jeden Schwulen“, sagt Mohamed.

Die Reaktionen auf ein Coming-Out seien oft ähnlich: Homosexualität sei Sünde, und man müsse dafür beten, dass der Fehlgeleitete geheilt werde, so Mohameds Erfahrung. „Ich spreche dabei von allen Religionen“, betont er, „denn in allen Religionen gilt Homosexualität als verwerflich“. Ein Widerspruch zwischen seinem Glauben und seiner sexuellen Orientierung besteht für Mohamed dennoch nicht: „Ich bin Muslim und ich bin schwul. Und auf beides bin ich stolz“.

Drei Jahre Knast und 18.000 Euro Strafe - für Homosexualität


Der gebürtige Algerier Ludovic-Mohamed Zahed weiß, wovon Mohamed Sherif spricht: Auch in seiner Heimat ist ein Leben als Homosexueller nur im Verborgenen möglich – für Zahed war dies keine Option, er verließ Algerien und lebt mittlerweile seit 16 Jahren in Frankreich. „Homosexuelle Beziehungen werden in Algerien mit Haft bestraft“, erzählt der 36-Jährige.

Artikel 333 des algerischen Strafgesetzbuches etwa legt das Strafmaß für „eine Handlung wider die Natur mit einer Person des eigenen Geschlechts“ auf eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren und einer Geldstrafe von knapp 18.000 Euro fest.

Wie in Ägypten sollen auch in Algerien Polizisten immer wieder demütigende Untersuchungen an Homosexuellen vornehmen, wie die Organisation Abu Nawas berichtet, die für die Rechte von Schwulen und Lesben in Algerien kämpft. Die Organisation wirft auch algerischen Medien vor, Homosexuelle als „Perverse“ zu bezeichnen. Anwälte würden zudem die Verteidigung von Homosexuellen verweigern, kritisiert die Organisation.

Homosexuelle mit heterosexuellen Masken


Nicht nur solche Drangsalierungen machten Ludovic-Mohamed Zahed das Leben in seiner Heimat unmöglich. Lange kämpfte er auch mit einem inneren Konflikt: „Nachdem mir klar war, dass ich schwul bin, fiel es mir eine Weile schwer, den Islam zu praktizieren. Erst mit 25 begriff ich, dass Homophobie nichts mit dem Islam zu tun hat“. Vielmehr würden einige Muslime religiöse Schriften vereinnahmen, um damit ihre homophoben Vorurteile zu rechtfertigen, so Zahed. Er wandte sich ab vom dogmatischen Islam und fand in der islamischen Spiritualität einen Weg, seinen Glauben mit seiner Sexualität in Einklang zu bringen.

Er beschäftigte sich mit dem Sufismus, bereiste islamische Länder, studierte Psychologie in Frankreich und veröffentlichte 2012 sein Buch „Der Koran und das Fleisch“ (Le Coran et la Chair). Im selben Jahr wagte Zahed einen mutigen Schritt: In Paris gründete er die erste Moschee Europas, in der homosexuelle Muslime ausdrücklich willkommen sind. Er selbst fungiert als Imam.

„Aus meiner Sicht ist es unmöglich, sich als Muslim zu bezeichnen und gleichzeitig homophobe, rassistische, antisemitische, transphobische oder frauenfeindliche Ansichten zu vertreten“, so Zahed. Wo genau sich seine Moschee befindet, versucht Zahed so geheim wie möglich zu halten – zu gewaltig ist die Welle von Drohungen, die aus konservativen muslimischen Kreisen über ihn hereinbrach, als die Nachricht von seiner toleranten Moschee für Schlagzeilen sorgte. Nun will er gemeinsam mit seinem Ehemann in dessen Heimat Südafrika ziehen und eine Familie gründen.

Eine solche Offenheit kommt für den Marokkaner Ishaq Nouri nicht in Frage: „Wir wissen genau, was uns erwartet, wenn wir eine homosexuelle Beziehung in Marokko offen leben. Also setzen wir eine heterosexuelle Maske auf“. Wie in Kairo gibt es auch in den größeren Städten Marokkos Cafés und Bars, in denen sich Homosexuelle treffen – ganz diskret. Denn auch das marokkanische Strafgesetzbuch sieht Geld- und Haftstrafen für Homosexualität vor.

Bis zu drei Jahre Haft erwarten laut Artikel 489 denjenigen, der „eine unanständige Handlung wider die Natur mit einer Person seines eigenen Geschlechts begeht“. Den inneren Konflikt des Algeriers Zahed beobachtet Ishaq Nouri auch in Marokko: „Immer mehr Homosexuelle meinen, dass Islam und Homosexualität einander nicht ausschließen. Ich kenne viele schwule Muslime, die den Islam praktizieren und darin weder ein Problem noch einen Widerspruch sehen“.

Aufklärung soll helfen


Auch in Deutschland leben homosexuelle Muslime. Wie ihre Glaubensgenossen in Nordafrika haben auch sie mit Vorurteilen zu kämpfen: „In letzter Zeit haben uns
verstärkt Berichte von Muslimen erreicht, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in der muslimischen Community diskriminiert werden. Dies geht sogar so weit, dass sie vom Gebet oder Moscheebesuch ausgeschlossen werden“, berichtet Annika Mehmeti vom Liberal-Islamischen Bund (LIB). Dabei gebe es durchaus unterschiedliche Ansichten über die Vereinbarkeit von Islam und Homosexualität.

Die Ablehnung jeglicher homosexueller Handlungen wird meist mit der sowohl im Koran als auch in der Bibel enthaltenen Geschichte Lots religiös begründet. Doch an der Eindeutigkeit dieser Textpassagen und ihrer Aussagen hegen einige wenige liberale Muslime und Islamwissenschaftler durchaus Zweifel.

Das Anliegen des LIB, dem die Autorin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor vorsitzt, ist klar: „Wir möchten für mehr Akzeptanz im Umgang mit unseren Glaubensgeschwistern werben“, so Mehmeti. Das Thema bewegt die Muslime in Deutschland offenbar: Am 6. Dezember veranstaltet der LIB eine Diskussion über „Homosexualität und Gendervarianz im Islam“ in Köln – kurz nach Bekanntgabe waren sämtliche Plätze bereits ausgebucht.

Die Ambitionen des LIB sind groß: „Vor allem erhoffen wir uns die Erkenntnis, dass ein entspannterer Umgang mit Homosexualität unter Muslimen stattfindet“, sagt Annika Mehmeti und fügt hinzu: „Nur Gott kann über uns richten, jedoch keine Menschen, die ihre Vorbehalte zumeist nur auf traditionsbehaftete Ablehnung stützen“. Auf diese Erkenntnis hoffen auch Mohamed Sherif, Ludovic-Mohamed Zahed, Ishaq Nouri und Millionen andere homosexueller Muslime.

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