Marine Le Pen - „Die NPD ist rechtsextrem, wir nicht“

Der Front National feiert Erfolge bei den Regionalwahlen in Frankreich. Die Vorsitzende Marine Le Pen holte in ihrer Region sogar über 40 Prozent der Stimmen. Wer ist diese Frau? Cicero befragte Le Pen 2013 zu Populismus, Nationalismus und ihrer Angst vor „Überfremdung“

Marine Le Pen, Interview, Front National, EU-Parlament
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Stefan Brändle arbeitet in Paris als Frankreich-Korrespondent unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Stuttgarter Zeitung und den Standard aus Wien.

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Drei Frankreichflaggen prangen neben ihrem Chefsessel. Marine Le Pen ist Nationalistin bis in ihre Seele – und bis in ihr Büro in Paris-Nanterre, wo sie zum Interviewtermin empfängt. Die 44-jährige Anwältin hat vor zwei Jahren die Leitung des Front National von ihrem Vater Jean- Marie Le Pen übernommen und versucht seither, der Partei einen präsentableren, populistischen Anstrich zu geben. Seit ihrem Spitzenresultat (18 Prozent der Stimmen) bei der Präsidentenwahl 2012 ist sie aus der politischen Debatte ihres Landes nicht mehr wegzudenken. 32 Prozent der Franzosen können sich laut einer Umfrage heute mit ihren Ideen anfreunden.

Frau Le Pen, wann gedenken Sie in den Élysée-Palast einzuziehen?
Ziemlich bald.

Was veranlasst Sie zu dieser Annahme?
Die öffentliche Meinung entwickelt sich sehr rasch. Als ich vor zwei Jahren in Italien war, gab es dort keine einzige euroskeptische Partei – jetzt stellen sie schon die Mehrheit. In Frankreich dominiert der Front National nicht mehr nur Themen wie Immigration oder Sicherheit, sondern auch Euro und Wirtschaft.

Sind Sie also die große Profiteurin der Krise?
Wir sind nicht an der Krise schuld – anders als die Regierungsparteien, die uns in den Schlamassel geritten haben. Wir gewinnen an Glaubwürdigkeit.

Wirklich? Populisten wie Sie oder Beppo Grillo in Italien sind nicht gerade das, was man seriöse Politiker nennen würde.
Was heißt schon Populisten? Der Begriff soll uns als unseriös, verrückt abtun. Aber ich bin damit einverstanden, wenn Populismus „Regierung durch das Volk und für das Volk“ meint.

Bevorzugen Sie das Etikett rechtsextrem, wie ihr Vater Jean-Marie Le Pen, der die Gaskammern der Nazis verharmloste?
Der Front National steht für die Nation und gegen die Globalisierung ein. Das ist weder rechts noch links.

Das scheinen nicht alle zu denken: Zu Ihren Wahlerfolgen gratulieren Ihnen stets rechtsextreme Parteien wie etwa die deutsche NPD.
Die NPD will sich an unseren Erfolg anhängen. Diese Partei ist unglaubwürdig, fast ohne Stimmen. Sie ist rechtsextrem, wir nicht.

Das Programm der NPD gleicht aber dem Ihren: gegen Immigration, Islam, EU, die Weltfinanz und gegen die Eliten …
Die NPD hat es nie geschafft, aus ihrer Ecke zu kommen. Wir pflegen keine Beziehungen zu ihr. Wir fühlen uns eher den neuen Kräften nahe, etwa der euroskeptischen „Alternative für Deutschland“. Deren Problem ist, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland seit dem Krieg nicht mehr total ist. Für die Nation und gegen die EU einzustehen, fällt den Deutschen schwer, obwohl das ein ehrenwertes Anliegen ist.

Sie geben sich präsentabel und klopfen keine rassistischen Sprüche wie einst Ihr Vater. Doch weisen Sie auch rassistische Wähler zurück?
Durchaus. Rassisten, die in den Front National kommen, haben sich in der Partei geirrt. Wir definieren uns nicht über die Rasse oder die Hautfarbe, sondern nach der Nationalität.

Also nach Franzosen und anderen – und Letztere wollen Sie vor die Tür setzen.
Wir wollen keine Leute aufnehmen, denen wir keine Arbeit anbieten und die wir nicht unterhalten können. Dann bilden sie Ghettos, und die sind nicht multikulturell, sondern multikonfliktuell.

Für Sie sind immer die anderen an der Misere Frankreichs schuld – die Ausländer und die Moslems, Brüssel und die Handelskonkurrenten.
Als Französin verteidige ich die Freiheit und die Souveränität Frankreichs. Aber ich habe keine Angst vor den anderen, ich bin für transnationale Kooperationen, wie Airbus oder die Ariane-Trägerrakete. Das funktioniert, im Unterschied zur Europäischen Sowjetunion. Im EUGefängnis dürfen wir gerade noch die Farbe des Fußabtreters bestimmen. Das will ich nicht.

Sprechen wir vom Kern jeder heutigen Politik – der Wirtschaft. Sie machen den Euro für so ziemlich alle Probleme Frankreichs verantwortlich. Deutschland zieht sich aber mit der gleichen Währung gut aus der Affäre.
Das hat spezifische Gründe. Deutschlands Exporte profitierten von der Abwertung des Euro gegenüber der Mark, während der Euro für Frankreich zu stark war. Zudem kann Deutschland viele Produkte im osteuropäischen „Hinterland“ billig herstellen lassen. Frankreich setzte dagegen, um sich günstig zu industrialisieren, fälschlicherweise auf eine massive Einwanderung.

In Deutschland leben auch Millionen Türken.
Deutschland offeriert aber den illegal Zugereisten keine 100-prozentige Sozialhilfe und Gratisbildung, wie das Frankreich tut.

Konjunkturell sind die Immigranten insgesamt ein Nettogewinn für Frankreich.
Das behaupten unsere Gegner mit ihren Berichten. Doch die basieren auf falschen Zahlen und Annahmen, etwa einer Arbeitslosigkeit von 5 Prozent. In Wahrheit kosten die Immigranten Milliarden. Wie soll es auch anders sein, wenn sie nicht arbeiten?

Die meisten arbeiten. Was wäre das Asylland Frankreich ohne Immigranten wie Zinedine Zidane, Charles Aznavour, Yves Montand?
Bloß kommen auf einen Zidane hunderttausend andere, die ohne Arbeit in Frankreich leben und für die wir aufkommen müssen. Gehen Sie mal nach Barbes (ein Pariser Einwandererviertel, die Red.)! Wenn Sie lebend zurückkommen, werden Sie eingesehen haben, dass dort Leute leben, die nicht einmal Französisch sprechen, die ihren Platz nicht finden und arbeitslos sind.

Das ist auch die Schuld einer Politik, welche die Banlieues um Paris ausgrenzt und verlottern lässt.
Selbst wenn man ganz Frankreich urbanisieren würde, ließe sich nicht ganz Afrika aufnehmen. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen. Wir haben fünf Millionen Arbeitslose, neun Millionen Arme, drei Millionen Leute in prekärer Wohnlage. Was berechtigt uns, noch mehr Leute ins Land zu lassen? Deshalb wollen wir den Zuzug von Immigranten von jährlich 200 000 auf 10 000 senken.

Sie geben vor, die „kleinen Leute“ zu verteidigen. Diese würden aber als Erste leiden, wenn Sie aus dem Euro aussteigen und Europa in eine noch schwerere Krise stürzen würden.
Warum das? Frankreich lebte ganz gut mit dem Franc. Der Euro funktioniert hingegen nicht. Rettungspläne verschlingen Hunderte von Milliarden, die Sozialkosten sind extrem hoch, und jetzt beginnen sich die Europäer auch noch zu zerstreiten. Angela Merkel kann sich nur noch mithilfe der Nationalgarde in Südeuropa bewegen. Haben die Deutschen wirklich Lust, es so weit kommen zu lassen? Wollen sie nach der Versöhnung Europas wieder als dessen Häscher dastehen?

Ein Euro-Ausstieg hätte eine massive Abwertung, Inflation und Rezession zur Folge. Also höhere Preise und weniger Jobs für die kleinen Leute, denen Sie das Paradies verheißen.
Man darf natürlich nicht brutal zu den nationalen Währungen zurückkehren; das gehört organisiert. Aber es ist auf jeden Fall besser, als wenn Zypern, dann Griechenland und dann Slowenien unter Zwang und in Panik den Euro über Bord werfen.

Der Front National vertritt heute zum Teil linksextreme Positionen: Der Sozialist François Hollande, der die Millionäre zu 75 Prozent besteuern will, ist für Sie beispielsweise ein Ultraliberaler.
Die 75-Prozent-Steuer ist Hollandes Alibi. Es soll verbergen, dass er sich von der internationalen Finanz unterjochen lässt und deren Austeritätskurs befolgt. Hollande sagte im Wahlkampf, er werde gegen die Finanzwelt „Krieg führen“ – jawohl, mit einem Zahnstocher!

Sie wettern auch gegen die Globalisierung. Wo liegt da der Unterschied zu den von Ihnen verhöhnten „Sozialo-Kommunisten“?
Jean-Luc Mélenchon, der Anführer der französischen Linksfront, ist für eine „andere“ Globalisierung, ich bin gegen die Globalisierung an sich.

Immerhin stimuliert der Freihandel auch das Wirtschaftswachstum, das heute den Kern jeder Wirtschaftspolitik ausmacht.
Freihandel ist Unsinn. Er kann nur funktionieren zwischen Ländern, die ähnliche Sozial- und Umweltstandards haben, sonst wird es Dumping. Um die französische Produktion zu schützen, würde ich gegenüber Ländern wie China einen intelligenten Protektionismus betreiben.

Und sofort Vergeltungsmaßnahmen auslösen?
Alle schützen sich, die Kanadier, die Amerikaner, Brasilianer, Chinesen. Nur wir Europäer tun nichts.

Das Gespräch führte Stefan Brändle

 

 

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