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Das WikiLeaks-Paradox

Von Wolfgang Ischinger21. Dezember 2010
Wolfgang Ischinger
Wolfgang Ischinger
Schrift:
Wer glaubt, die Veröffentlichungen von WikiLeaks führen zu mehr Öffentlichkeit, irrt – das Gegenteil ist der Fall.
Das „Leak“- also die Weitergabe von geheimen oder vertraulichen diplomatischen Dokumenten - ist so alt wie die Diplomatie selbst. Dabei macht es keinen Unterschied, ob dies per Brieftaube, klassisches Chiffrier-Telegramm oder verschlüsselte e-mail via Internet passiert. Manche „Leaks“ sind harmlos, manche tödlich – und einige haben sogar Kriege ausgelöst. Die wichtigste Währung der Diplomatie, das Vertrauen, hat mit der Veröffentlichung der amerikanischen Depeschen einen massiven Wertverlust erlitten. Herfried Münkler hat treffend argumentiert, dass Vertrauen immer an die Möglichkeit des Geheimnisses gebunden ist. In einer Gesellschaft ohne Geheimnisse, einer totalitären Vision, bräuchte man auch kein Vertrauen mehr. Ein verlässlich vertraulicher Informationsaustausch ist für eine erfolgreiche diplomatische Arbeit unabdingbar. So hätte ich beispielsweise während der Irakkrise die vielen Berichte, die aus unserer deutschen Botschaft in Washington nach Berlin gesandt wurden, niemals verantwortlich unterzeichnen können, wenn auf den Geheimstempel kein Verlass gewesen wäre. Natürlich haben meine Botschaftsräte und ich detailliert über Machtkämpfe im Weißen Haus berichtet, um Berlin ein möglichst präzises Bild zu geben, welche Kräfte in der amerikanischen Politik gerade an Einfluss gewannen oder verloren. Diese Berichte mögen nicht immer für alle Beteiligten schmeichelhaft gewesen sein, aber sie waren durchaus von Interesse für die Entscheidungsträger der Bundesregierung. In vielen Hauptstädten, auch in Berlin, weht amerikanischen Botschaften jetzt ein frostiger Wind entgegen. Abgesehen von gelegentlichen Fehleinschätzungen und einzelnen saloppen Persönlichkeitsbeschreibungen – was kann den US- Diplomaten denn konkret vorgeworfen werden? Dass sie sich ihrer Aufgabe umfassender Analyse und Berichterstattung gewidmet haben, und das gar nicht so schlecht? Das ist das WikiLeaks-Paradox: Weil die US-Regierungsressorts zu wenig untereinander kommunizierten und sich deshalb im Anti-Terrorkampf nach 9/11 gegenseitig im Weg standen, vernetzte man sie umfassend miteinander: das Ziel war Effektivität durch Transparenz. Damit schuf Washington aber selbst die technischen Voraussetzungen dafür, dass durch WikiLeaks regierungsinterne Transparenz zu globaler Öffentlichkeit umfunktioniert werden konnte: eine geradezu perverse Form von „public diplomacy“.Die Folge: das WikiLeaks-Ziel, eine Welt totaler und dauerhafter Öffentlichkeit, rückt damit in weite Ferne, weil weniger, nicht mehr Offenheit und mehr , nicht weniger Geheimhaltung in allen Hauptstädten die absehbare Folge sein wird. Quellen werden schweigen, Botschafter werden nur noch das zu hören bekommen, was man gerne in der Zeitung lesen möchte, hochwertige Informationen werden schwerer zu erlangen sein. Um undichte Stellen zu stopfen, wird der Informationsfluss innerhalb der Regierungsapparate reduziert werden. Auslandsvertretungen werden möglicherweise von bestimmten Netzwerken abgeschnitten, Botschafter von Besprechungen der politischen Führung ausgeschlossen. Manche Regierungen könnten in Zukunft eher auf persönliche Sondergesandte als auf den diplomatischen Apparat setzen, um den Kreis der Eingeweihten klein zu halten, und manche könnten sogar so weit gehen, keine Niederschriften bestimmter Gespräche mehr zu erlauben. „Leaks“ erschweren nicht nur den routinemäßigen diplomatischen Verkehr, sondern gefährden die Erfolgschancen bi- und multilateraler Krisen- und Krisenpräventionsdiplomatie. Wie etwa sollen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm, die ohnehin schon genug belastet sind durch einen Mangel an gegenseitigem Vertrauen, erfolgreich sein, wenn das Damoklesschwert der Weitergabe geheimer Dokumente über den Diplomaten hängt?
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"Wer glaubt, die Veröffentlichungen von WikiLeaks führen zu mehr Öffentlichkeit, irrt – das Gegenteil ist der Fall." Dies kann nur jemand sagen der meint das Informationen sicher geschützt werden können - Das Gegenteil ist der Fall.

  • Antworten
Joe Bernhard22.12.2010 | 00:00 Uhr

Hätte es WikiLeaks bereits vor dem 1. Weltkrieg gegeben, so hätte dieses Massaker möglicherweise verhindert werden können. Man hätte dann rechtzeitig erfahren, dass der "pazifistische” und “sozialistische” Gewerkschafter Benito Mussolini in Wirklichkeit auf der Gehaltsliste des britischen Geheimdienstes stand und sich als friksch berufener Kriegstreiber das Südtirol, Istrien und Dalmatien von den Briten zusichern lassen!). Es wäre ebenfalls publik geworden, dass der von der Presse verleumdete "Rohling und Mönch" Rasputin in Wirklichkeit ein Kriegsgegner war, der durch einen vom britischen Geheimdienst erpressten schwulen Adligen ermordet wurde. Man wüsste vielleicht auch, in welchem Auftrag der Mörder von Jean Jaurès (der nie verurteilt wurde!) und jener des österreichisch-ungarischen Kronprinzenpaars (Sarajewo) standen!!!!
Man wüsste dann auch mehr darüber, wie und wieso der ursprünglich einem US Kriegseintritt abgeneigte Präsident Wilson sich von der Wall Street umstimmen liess.
Im Gegensatz zum BRD-Botschafter W. Ischinger glaube ich, dass Transparenz eher Kriege verhindern als solche verursachen. Doch als kleiner Schweizer Bürger habe ich auch keine Ursache, amerikahörig zu sein.

  • Antworten
Ernst Laub22.12.2010 | 00:00 Uhr

Die Aufgabe von Diplomaten ist es Kriege zu verhindern und nicht das Gegenteil.

Transparenz und öffentliche Kommunikation ist die Vorraussetzungen für jede Schlichtung, ausser man macht sich mit Gesetzesbrechern und Nutzniessern dessen gemein.

.

  • Antworten
David_22.12.2010 | 00:00 Uhr

Viele scheinen ihr persönliches Interesse an pikanten Details und daran, "den Politikern eins reinzuwürgen", mit einem berechtigen Interesse der Öffentlichkeit zu verwechseln. Die meisten Informationen gehen niemanden etwas an.

Dabei sind sie dann auch noch besonders kurzsichtig und denken nur daran, sofort alle erdenklichen Informationen der gesamten Menschheit zugänglich zu machen, als wäre das ein großer Schritt für die Menschheit. In Wirklichkeit ist es jedoch höchst fragwürdig und löst harte Gegenwehr von Seiten der Beklauten aus. Das bringt niemanden etwas. Man muss auf die Politiker zugehen und Transparenz fordern, Diebstahl bewirkt nur das Gegenteil.

  • Antworten
Christian Alexander Tietgen23.12.2010 | 00:00 Uhr

Herr Laub, Ihr Kommentar ist exzellent.

Jean Louis Jullien (Syke)

  • Antworten
Jean-Louis Jullien26.12.2010 | 00:00 Uhr

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