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 > Zwischen Vorhautmarsch und Religionsmythen

Salon

BeschneidungenZwischen Vorhautmarsch und Religionsmythen

Von Milosz Matuschek9. Juli 2012
picture alliance
op_besteck, operation,Beschneidung,Vorhaut,
Mehr als ein Stück Haut
Schrift:

Zum Jahreswechsel zeigen wir Ihnen noch einmal die erfolgreichsten Artikel aus dem Jahr 2012. Im Juli:

Die Beschneidung von Jungen trennt nicht nur ein Stück Haut ab, sondern scheidet auch die Geister. Ob auf dem Gebiet der Medizin, der Erotik oder der Religion: vieles ist umstritten

Seite 1 von 2

Ein Mann trifft mitten in der Nacht drei hübsche Frauen in der New Yorker U-Bahn. „Was machen Sie denn noch so spät allein hier?“, fragt er. „Wir waren auf einem Kongress nymphomanischer Sexualwissenschaftlerinnen über den männlichen Penis.“ – „Und was haben Sie herausgefunden?“ – „Indianer haben den längsten und Juden können am längsten“. Darauf er: „Entschuldigen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Winnetou Goldstein.“

Nur ein Witz, natürlich. Und ein relativ harmloser dazu. Aber mit Klischee, da ohne ein solches die meisten Witze nicht funktionieren. Das hier verarbeitete Klischee lautet: Juden können länger, denn sie sind beschnitten. Wenn es etwas gibt, was landläufig mit der Beschneidung assoziiert wird, dann ist es die angeblich gesteigerte sexuelle Leistungsfähigkeit des Mannes.

Dabei ist auch diese Frage, wie vieles, was sich um Notwendigkeit, Vorteile und Nachteile dieses Eingriffs dreht, umstritten. Das kommt nicht von ungefähr: Um kaum einen Körperteil ranken sich derart viele Mythen und Legenden, wie um die Haut über der Eichelspitze des männlichen Gliedes. Die Frage „Abschneiden oder nicht?“ ist längst auch außerhalb des religiösen Kontextes zu einer Glaubensfrage geworden.    

Ein kleiner Schnitt für den Menschen – ein großer für die Menschheit?    

Die Beschneidung fasziniert. Denn der kleine Schnitt bringt auch die kulturgeschichtliche Entwicklung des Menschen zum Vorschein. Mit Sigmund Freud kann man die Beschneidung als Brücke von Natur zur Kultur lesen. Die durch die Beschneidung simulierte Kastration sollte in Frühkulturen das Inzesttabu verstärken und die ödipal-erotische Loslösung des Jungen von der Mutter ausdrücken.

Der Ursprung der Beschneidung wird bei Nomadenstämmen Westafrikas und Australiens vermutet, der Wiege der Menschheit. Die älteste Abbildung dieses Rituals findet sich auf einem Relief in Ägypten aus dem Jahr 2420 v. Chr. Aus religiösen Gründen wird sie bis heute bei Juden und Muslimen vorgenommen, aber auch von christlichen Kirchen wie der koptischen oder der erithreisch-orthodoxen sowie von afrikanischen Religionsgemeinschaften.

Der kleine Schnitt ist Bindeglied zwischen immerhin drei Weltreligionen. Zwar macht wohl keine Religion von der Beschneidung die Religionszugehörigkeit abhängig. Jedoch gilt der männliche Gläubige, wie im Judentum oder im Islam, oft erst dann als „vollkommen“.    

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Streitfrage - gehört der Islam zu Deutschland?

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Im viktorianischen England des 18. Jahrhunderts begann der säkulare Siegeszug der Beschneidung. Der Schweizer Arzt Tissot empfahl sie als Mittel gegen frühkindliche Masturbation, die als Ursache für psychische Störungen bis zur Hirnerweichung verantwortlich gemacht wurde.

Durch den Einfluss des britischen Empires kam die Beschneidung unter anderem nach Indien und in die USA, wo sie heute der häufigste Routineeingriff ist. Zwischen 40 und 60 Prozent der amerikanischen Männer werden aus hygienischen Gründen bei der Geburt beschnitten.

In Europa beträgt die Beschneidungsrate laut Weltgesundheitsorganisation nur rund 20 Prozent. Hier wird der Eingriff oftmals freiwillig und dann vor allem aus ästhetisch-erotischen oder modischen Gründen vorgenommen. Mystik, Moral und Lifestyle: Man kann auf die Beschneidung wie durch ein kulturgeschichtliches Kaleidoskop blicken, in welchem sich Vormoderne, Moderne und Postmoderne in ihren vielleicht charakteristischsten Ausprägungen auftun.    

Auf der folgenden Seite: Was bleibt nach dem Mythos?

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Beschneidung

Ganz exzellenter Artikel! Ungläubige, wehrt Euch!

  • Antworten
Otto Meyer11.07.2012 | 12:46 Uhr

Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit

Es ist schon merkwürdig, was heutzutage (immer noch) unter den Begriff "Religionsfreiheit" subsumiert wird.
Anders als die vielumstrittene Zwangstaufe kann eine Beschneidung von Knaben nach Eintritt der Religionsmündigkeit (14. Lebensjahr) nicht rückgängig gemacht werden, wenn Heranwachsende es beispielsweise ablehnen, dem regligiösen Judentum oder dem Islam anzugehören.
Deshalb war und ist die Kölner Gerichtsentscheidung verfassungsadäquat und richtig.
Eine andere Sache ist die Ästhetik des beschnittenen männlichen Gliedes.
Eine derartige Beschneidung obliegt der persönlichen Entscheidung des Heranwachsenden bzw. des Mannes als gewollter Eingriff in seine "körperliche Unversehrtheit", wie dies bei jedem ärztlichen Eingriff der Fall ist.

  • Antworten
Yvonne Walden12.07.2012 | 14:56 Uhr

Zivilisation

Es ist einzigartig wie hysterisch die deutschen Weiber und Männer zu diesem Thema sich ins Zeug werfen.

Die Relegions Freiheit der Juden in Deutschland sollte un an tastbar sein, gerade die Verbrecherinen und Verbrecher des Dritten Reiches haben jüdische Kinder in die Flammen der Krematorien geworfen. Sind die Deutschen Nachgeborenen immer noch so unzivilisiert...? das wird schwere Folgen haben für den hässlichen Deutschen der einfach nicht aus stirbt.

Aber lassen wir uns vernünftig reden. Ich schlage einen Kompromiss vor...!

Wenn im alten Europa wirklich die kollektive Kastration von Deutschen endlich durchgesetzt wird könnte man doch den Juden vorschlagen aufzuhören sich zu beschneiden...!
Hab ich nicht eine geniale Idee...?

  • Antworten
Eva Andres12.07.2012 | 18:31 Uhr

Ich weiß ja nicht wo sie her

Ich weiß ja nicht wo sie her kommen. Ich jeden Falls lebe mit französischen Wurzeln in Deutschland und weiß selbst das „Die Deutschen“ nerven könne.
Aber das kann jedes Volk auf seine Weise.
Außerdem vergessen sie dass „Die Juden“ auch Deutsche sind, oder Österreicher, Franzosen… Gerade eine jüdische Freundin von mir wäre ziemlich wütend über ihren geschmacklosen Kommentar.
Denn wenn ich ehrlich bin klingt er nicht anderer als der eines Nazis und da ist mir egal welcher Nationalität sie sich zuordnen.

  • Antworten
E.H.M.23.07.2012 | 11:35 Uhr

Wer sich fuer die Beschneidung aus religioesen Gruenden

einsetzt ist auch fuer die Beschneidung von kleinen Maedchen, da ist kein Unterschied.
Jeder Hund in D hat besseren Schutz als ein Kind froemmelnder Eltern.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant13.07.2012 | 13:57 Uhr

Intoleranz?!

Gerade in dieser Diskussion fällt immer wieder Vorwurf, Deutschland wäre intolerant und würde die Religionsfreiheit beschneiden.

Das ist m.E. völlig unzutreffend. Gerade die Entscheidung des LG Köln fördert die Freiheit. Die Freiheit zu entscheiden, welcher Religion sich ein Mensch zuwenden muss.

Eine Beschneidung ist nicht nur eine Körperverletzung, sondern auch eine religöse Bevormundung. Wie übrigens auch die Taufe von Säuglingen.

  • Antworten
Sebastian (naanoo.com)13.07.2012 | 16:45 Uhr

Beschneidung

Ich gebe Ihnen recht, wenn Sie sagen, dass auch die Taufe eine religiöse Bevormundung ist. Ich würde noch weiter gehen und die Taufe als seelische Körperverletzung bezeichnen. Die Taufe die ich erhalten habe, kann ich genausowenig rückänging machen wie die Beschneidung im Judentum bzw. im Islam. Die Religionsfreiheit wäre wieder hergestellt, wenn auch die Taufe verboten wäre. Auf unsere Religionsfreiheit die wir in Deutschland normalerweise ausüben, können wir übrigens Stolz sein. Auch wenn die Religionsfreiheit von Minderheiten in Deutschland nicht akzeptiert wird.

  • Antworten
Peter Thöne14.07.2012 | 07:37 Uhr

Es ist doch Unsinn Taufe und

Es ist doch Unsinn Taufe und Beschneidung gleichzustellen.

Bei der Beschnidung wird unwiderbringlich ein Teil des Körpers entfernt.

Und wer sich mal die Mühe macht, sich über bioligiche Fakten zu informieren, der wird auch feststellen, daß die Vorhaut mitnichten ein nutz- und gefühlloses Stückchen Haut ist.

  • Antworten
Martin 15.07.2012 | 19:46 Uhr

Man kann nur noch den Kopf schütteln...

Wenn die Beschneidung von unmündigen Knaben in Deutschland vom deutschen Bundestag per "Sondergesetz" erlaubt wird, muss folgerichtig und zwingend auch die bei Muslimen übliche und bis heute praktizierte (unmenschliche) Klitorisentfernung bei Mädchen, die Steinigung von Ehebrecherinnen und auch das Abschlagen von Fingern bei ertappten Dieben de jure erlaubt sein und straffrei gestellt werden! Man kann und darf einen religiös oder kulturell begründeten Ritus nicht vom anderen trennen, nur weil einmal Knaben, ein andermal Mädchen und wieder ein andermal Frauen oder Diebe betroffen sind, denn im deutschen Grundgesetz heißt es ausdrücklich in Artikel 3 (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Alle Abgeordneten des deutschen Bundestages, die einem „Beschneidungs-Bewilligungsgesetz“ zustimmen, machen sich mit Ihrer Zustimmung unmittelbar zum Verräter am Grundgesetz, das all seinen Teilen (auch hinsichtlich der Religionsfreiheit) den Artikel 1, (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt, voran gesetzt hat.

Selbstverständlich gilt auch der Art 4 (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet. Denn in der Tat wird mit dem juristisch begründeten Verbot, Knaben im Säuglings- oder Minderjährigenalter am Penis zu beschneiden – dem Kind also eine irreversible Verletzung zu erbringen – die Ausübung der Religion in keiner Weise beeinträchtigt. Jeder Jude, Moslem, Christ oder sonst was darf und kann, wenn er das möchte, zu seinem Gott beten. Und sein Gott wird den betenden Knaben (wenn er daran glaubt) erhören und annehmen, egal ob er eine unverletzte Vorhaut hat oder nicht.

Verboten wird gottlob und endlich in Deutschland lediglich eine zwar historisch überkommene unmenschliche Handlungsweise, die aber einer säkularen, zutiefst humanen, die Würde und Unverletzlichkeit des Menschen achtenden Selbstbestimmung des Menschen nicht gerecht wird. – Außerdem ist ja doch generell zu fragen, weshalb der Schöpfer den Penis der Knaben mit einer schützenden Vorhaut versehen hat, wenn der Knabe – nach absolut irriger Meinung der Reliogionsfanatiker – erst von ihm, seinem Gott, angenommen wird, wenn ihm die vom Schöpfer gewollte, die empfindliche Eichel des Penis schützende Vorhaut entfernt wurde.

Wer fordert so etwas? Doch nicht etwa Gott oder Allah... Nein, es handelt sich um eine längst vom Fortschritt der Menschen überholte Hygienemaßnahme, die zu früheren Zeiten in heißen Wüstenländern bei permanentem Wassermangel durchaus einmal ihre Berechtigung gehabt haben mag. Aber heute, in einem Land, in dem es Wasser und Seife im Überfluss gibt, hat eine solche Hygienevorschrift längst keinen Boden mehr. Wer also an der Beschneidung fanatisch festhält, ist ein in Dummheit verfangener Religionsdogmatiker, ein Ignorant des modernen Lebens und hat mit diesem menschunwürdigen Ritus in unserem modernen, aufgeklärten Land nichts zu suchen.

Die vom Volk beauftragten Abgeordneten des Bundestages, die anderslautende Gesetze „erfinden“ und diesen zustimmen, machen sich zum Verräter am Grundgesetz und verwirken damit ihren Auftrag, dem Wohle unsers Volkes zu dienen. Sie sollten – sofern sie noch ein Fünkchen der einst beeidigten Verantwortung ihren Wählern gegenüber verspüren - schleunigst demissionieren!

„Religionsbedingte Beschneidungen bei Jungen dürfen in Deutschland nicht strafbar sein“, erklärte SPD-Chef Sigmar Gabriel. – Naja: Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten! – Das ist heute so wie früher und wie immer!

  • Antworten
Rocor14.07.2012 | 01:48 Uhr

Psychophysiologische Konsequenzen

Bei allem hin und her, pro und contra, religiös oder klinisch, mythisch oder medizinisch wird die konkrete Auswirkung auf das System des Neugeborenem anscheinend völlig übersehen!!!
Wie kann es sein, dass tatsächlich im Jahre 2012 aufgeklärte, gebildete, vernünftige Menschen nicht ein Fünkchen Aufmerksamkeit auf den eklatanten Schock, den ein derartig massiver Eingriff auf das gesamte menschliche Nervensystem nachweislich und nachhaltig ausübt, lenken können?
Dazu muss mensch doch nicht einmal intellektuell denken können!
Die Beschneidung lässt sich nichteinmal Schmerzfrei durchführen.
Die traumatische Dimension dieser Praktik, aus welchen Gründen auch immer durchgeführt, muss viel stärker in den Vordergrund gestellt werden.
Nicht nur Freud war dieser Problematik mit seiner Kastrationsangst auf der Fährte.

  • Antworten
Trauma09.12.2012 | 15:38 Uhr

Laßt es uns wegwerfen...

Laßt es uns weg werfen, das Grundgesetz. Es nutzt nicht einmal mehr dazu, Kinder vor schwachsinnigen, auch "religiösen" genannt, Eltern zu schützen.

  • Antworten
W. Lorenzen-Pranger28.12.2012 | 17:17 Uhr

mit diesem Gesetz hat sich die deutsche Regierung

Aus der Gemeinschaft fortschrittlicher,moderner Länder verabschiedet .

  • Antworten
Karin Stutz29.12.2012 | 23:25 Uhr

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