Google und Konsorten verkörpern die tollste Geschäftsidee aller Zeiten: Jeder Nutzer wird – ob er will oder nicht – zum Datenpaket der Konsumwirtschaft. Ein Essay zum elektronischen Kulturbruch
Die Aussichten klingen beeindruckend. Marissa Mayer, Vizepräsidentin bei Google, hat gerade dem Menschen des 21. Jahrhunderts mitgeteilt, demnächst von der Maschine gedacht zu werden. Aufgrund seines bisherigen Verhaltens werde sein zukünftiges von Computern vorhergesagt.
Vor kurzem noch kam sich die Hirnforschung besonders schlau durch den Nachweis vor, dass im Gehirn schon abläuft, was erst Sekunden später dem Bewusstsein erscheint. Damit, hieß es, sei die Vorstellung widerlegt, dass der Mensch einen freien Willen habe. Darüber dürfte Marissa Mayer nur lächeln, denn Google hat seinerseits vor, die Hirne zu belehren, was sie wollen. Welche Personen kennenzulernen für jemanden sinnvoll sein könnte. Wo in fremden Städten die Restaurants liegen, die einem Google-Nutzer gefallen müssten. Was ihre Bedürfnisse sind, was in ihrem Kühlschrank fehlt und dass ein Laden dafür gerade in der Nähe liegt. Man kann gar nicht so schnell denken, wie einem etwas vorgeschlagen wird.
Er denke nicht, ließ im selben Sinne schon vor zwei Jahren der damalige Google-Vorstand Eric Schmidt verlauten, dass die Leute von der Suchmaschine Antworten auf Fragen bekommen wollten, sondern vielmehr, dass ihnen Google sagt, was sie als Nächstes tun sollen. Das wird seit einiger Zeit auch auf das Suchen selber angewendet. Die Funktion „Google Instant“ vervollständigt eingetippte Suchworte und zeigt den Wikipedia-Artikel zu Proust schon bei „Prou“ an, bevor der Benutzer noch klargemacht hat, dass er auf der Suche nach dem Kloster Proussos ist. Einerseits führt das zu Zeitersparnis, andererseits handelt es sich um die Vorwegnahme von Entscheidungen, die dadurch wahrscheinlicher werden.
Demselben Prinzip folgen die Beliebtheitslisten und „Gefällt mir“-Zahlen, die dem Leser einer Internetseite sofort mitteilen, welche Texte, Videos oder Lieder auf ihr am häufigsten angetippt wurden oder von Teilsegmenten der 850-Millionen-Nutzergemeinde bei Facebook empfohlen werden. Hier ist man auf Zustimmungen spezialisiert. Die Absatzwirtschaft, der die entsprechenden Datenmengen verkauft werden, spricht von „Sentimentanalyse“, wenn sie aus ihnen herauszufiltern sucht, wem was wie sehr gefallen könnte.
Sie wollen also, kurz gesagt, den Zufall abschaffen. Es soll keinen Konsum und eigentlich keinen Gedanken geben, der nicht entweder eigens auf das Individuum zugeschnitten wurde, das ihn vollzieht. Oder der nicht dem folgt, was zunächst „Weisheit der vielen“ hieß, sich inzwischen aber unter dem Titel „Schwarmintelligenz“ dem annähert, was früher unter „Mode“ bekannt war. „Das Ziel“, schreibt der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Mark Andrejevic, „ist die Erschaffung einer interaktiven Medienlandschaft mit dreifacher Funktion – Unterhaltung, Werbung und Sonde“.
Seite 2: Wie unser Kaufverhalten manipuliert wird…












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