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 > Wie aus Namen Menschen werden

Salon

Chantal, Kevin, HannahWie aus Namen Menschen werden

Von Marie Amrhein13. April 2012
picture alliance
Geburt, Kindernamen, Marie Amrhein
Entscheidungen trifft die Generation Maybe ungern - erst recht nicht für ein ganzes Leben
Schrift:

Unsere hochschwangere Kolumnistin Marie Amrhein zerbricht sich den Kopf kurz vor der Geburt ihrer Tochter. Ein Name muss her. Eine undankbar schöne Aufgabe, die doch ein ganzes Leben mitentscheiden kann

Seite 1 von 2

Jetzt wird es langsam eng. Mir fehlt die Zeit für klare Gedanken, eine Kolumne soll her. In meinem Kopf aber schwirren nur Namen herum. Lotte, Liese oder Leah? Hannah oder Hedwig? Ida, Isa, Isi? Das Thema Namensgebung ist brisant, entscheidet sich hier doch so vieles. Der errechnete Entbindungstermin ist verstrichen und mit jedem Tag, den er näher rückte, wurde ich unsicherer mit der bereits getroffenen Entscheidung für den Namen unserer zweiten Tochter.

Ist er zu aristokratisch, wie meine Tante gerade anmerkte? Was sage ich dem Onkel, der bereits im Vorfeld verlautbaren ließ, dass er diesen Namen niemals würde aussprechen können und der sich bereits einen Alternativ-Namen für das Kind ausgesucht hat? Ganz zu schweigen von den vielsagenden und dabei wortlosen Blicken jener, die im Vorfeld eingeweiht wurden?

Meine Altersgruppe ist auch ohne Kinder schon gebeutelt durch die Maßlosigkeit der Entscheidungsmöglichkeiten. Wir werden als Generation Maybe gescholten, die Vielleicht-Sager.

  Das liegt unter anderem daran, dass alle gängigen Ideologien hoffnungslos verbraucht sind, den Problemen der Welt – Klima, Finanzmärkten, kriegerischen Konflikten – haben selbst die mächtigen Staatenlenker und ihre weisen Experten keine Lösungsansätze entgegenzusetzen. Wir seien „mit Freiheit beschenkt und von Freiheit getrieben“, schreibt Felix Kartte in der taz, dabei zeichne uns dieses Zweifeln, dieses Nicht-Entscheiden-Wollen auch gerade aus.

Ist es da ein Wunder, dass sich diese Generation schwer tut in Sachen Namensgebung ihrer Kinder? Gerade haben wir uns nach jahrelanger Suche eingerichtet in unserem Leben, haben uns – fürs Erste zumindest – entschieden für ein Land, eine Stadt, einen Bezirk, einen Partner, einen Job, da stellt uns der Nachwuchs vor den erneuten Entscheidungszwang. Uns, die wir doch so gerne das Leben im Provisorium vollführen, es täglich predigen, auch weil der Arbeitsmarkt keine anderen Chancen zulässt. Wir sollen uns plötzlich entscheiden. Für ein ganzes Leben. Und noch nicht einmal für uns selbst!

Kein Wunder, dass Folke Mitzlaff, ein junger Informatiker aus Kassel, nichts Besseres zu tun hatte, als eine Online-Plattform wie Nameling.net zu gründen, als er Gefahr lief, sich auf der Suche nach einem Namen für seine Tochter zu verrennen. Die neue Plattform soll werdenden Eltern helfen, mit wissenschaftlichen Mitteln den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext eines Namens zu erfassen und so weitere passende Vorschläge zu ermitteln, die den Suchenden helfen können. Nach dem Prinzip, „Wem Erwin gefällt, der mag auch Fritz und Oskar“, schlägt Nameling immer weitere Namen vor.

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Liebe Marie

Eine tolle Kolumne mal wieder.
Aber das aus dem Welt-Online-Artikel "Eine Umfrage hat vor Kurzem ergeben, dass jeder Fünfte unter 30 Auschwitz nicht kennt," glaube ich einfach mal nicht. Die haben sich da vertan. Ganz sicher. Schau: Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich misstraue mit fester Überzeugung einer Studie – gegen die Autorität der Wissenschaft.
Im taz-Artikel sehe ich eine fruchtbare Fortsetzung der Debatte.
Klar. Unser größtes Problem ist die Komplexität, die Vielfalt. Unser immenses Wissen, desillusioniert uns. Wir wissen, dass unser Wohlstand auf Kosten der Dritten Welt geht, stehen aber unter Sachzwängen, so meinen wir, sodass wir trotz unseres schlechten Gewissens nicht mehr tun, als etwas ein paar Euro zu spenden oder an Petitionen teil zu nehmen. Immerhin.
So jetzt meine These, vielleicht für meine nächste Kolumne: Wir haben uns in unserem Freiheitsdrang jeglicher Werkzeuge entledigt, die Komplexität reduzieren: Früher Religionen, später Ideologien. Wir sind eine völlig verkopfte Generation und hadern mit dem Wissen, dass wir nicht alles wissen können, nicht alles lesen, tun, erreichen können. Da hilft nur Bauchgefühl. Öfter auf Intuition hören. Nicht jede Option abwägen. Denn mumm haben unvernünftig zu handeln, gegen den Verstand, allein dem Gefühl trauend. Die Welt ist ohnehin zu Komplex für Planungssicherheit. Befreit euch von der Idee, ihr könntet alles planen – vor allem das Glück eurer Kinder. Wer weiß schon ob mein Sprössling der nächste Kanzler oder ein etwa ein Drogenabhängiger wird. Als Eltern liebt man sein Kind ohnehin so wie es ist. Und nicht dafür, welchen Beruf es mal hat, welche Noten es mir nachhause bringt. Als Eltern kann man nur leiten, indem man vorlebt, Vorbild ist. Mehr nicht. Wer da kommt wird einmal ein eigenständiger Mensch, wie Du und Ich. Und wir wissen selbst gut, dass jeder von uns seinen Weg am Ende des Tages mit sich selbst ausmachen muss. Und auch beim Kinder großziehen mann man rein rational so viel falsch machen. Und so ist auch hier das beste Rezept, so denke ich, Bauchgefühl und Intuition. Und davon hast Du liebe Marie eine ganze Menge denke ich.

Und so wünsche ich Dir, dass Du vielleicht morgen aufwachst und es fällt Dir wie Schuppen von den Augen: Meine Tochter soll Lisa heißen. Warum auch nicht? Ich komme mit Peter auch zurecht, auch wenn ich mir selbst nie den Namen gegeben hätte. Marie finde ich übrigens sehr schön. Deine Eltern hatten vielleicht das richtige Bauchgefühl.
Ganz liebe Grüße und viel Glück!

  • Antworten
Peter16.04.2012 | 13:24 Uhr

Nomen: Wenn "Namen Leben

Nomen: Wenn "Namen Leben retten" sollen - kommt meine Meinung zu spät:

Antonius Stephan R...

  • Antworten
Antonius REyntjes16.04.2012 | 16:05 Uhr

Felix Kartte

Hallo lieber Cicero,

ich freue mich über die Verlinkung, werde aber mit zwei T, statt zwei R geschrieben. Könnt ihr das ändern? Danke :)

  • Antworten
Felix Kartte09.05.2012 | 23:07 Uhr

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