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Salon

TowniesSturm im Wasserglas

Von Daniel Schreiber13. April 2012
© Jack Hazan
Olga Grjasnowas,  Dries-van-Noten-Kleid
David Hockney, filmstill from "A Bigger Splash"
Schrift:

Runter vom Sofa, ab ins Museum, rät Daniel Schreiber in seiner Samstagskolumne. Auch dort kann man über seine Probleme reden

In den vergangen Kolumnen ging es vor allem um Bücher. Ich frage mich, ob ich mir vielleicht nicht zu viel vorgenommen habe für diese kleinen Samstagstexte, die ja auch ein paar Empfehlungen für das Berliner Alltagsleben geben sollen. Dass ich in den vergangenen Wochen viel auf meinem Sofa lag und las, ist dafür sicherlich ein wenig kontraproduktiv. Mir war einfach nur nach Lesen. Ich habe nicht einmal die ganzen amerikanischen Fernsehserien geschaut, die ich sonst im Netz verfolge. Ganze drei Episoden der Tina-Fey-Sitcom „30 Rock“ warten noch auf mich, ganz zu schweigen von den beiden letzten Folgen des Anwaltsdramas „The Good Wife“, die ich noch aufholen muss – beides wirklich großartige Shows, die sich um meinen Büroalltag zu drehen scheinen, irgendwo zwischen Irrenhaus und Kanzlei. Stattdessen: Romane.

Bildergalerie: Die Bilder zur Kolumne

Ich glaube, nach Trennungen ist das oft so. Wochenlang kann man nichts essen und unterhält sich mit all seinen Freunden darüber, warum man die E-Mail, die man am Tag zuvor bekommen hat,  besser nicht mit „Go fuck yourself“ oder „Burn in hell“ beantworten sollte, auch wenn man es wirklich, wirklich will. Romane können in einer solchen Situation für eine innere Ruhe sorgen, mit der aufmerksamkeitsgeile Bewegtbilder nicht dienen. Bücher sind offener, man kann beim Lesen viel besser fröhlich vor sich hinprojizieren. An der ganzen psychoanalytischen Literaturtheorie, die den geisteswissenschaftlichen Studenten seit Jahren eingetrichtert wird, ist, denke ich, wirklich etwas dran. Mein Bearbeitungsbuch der vergangenen Woche war übrigens Olga Grjasnowas „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, und ich kann es nur weiterempfehlen. Eine junge, hoch traumatisierte Dolmetscherstudentin aus dem ehemaligen Aserbaidschan geistert darin durch Frankfurt und Tel Aviv und versucht, irgendwie mit dem Tod ihres Freundes zurande zu kommen. Es ist ein wunderschönes Buch ohne große Hoffnung, mit einer Menge Wut und gut dosiertem Drama. Man versinkt darin wie in einem klaren, warmen Sommerwasserstrudel.

Ein Zustand aber ist das natürlich nicht. Irgendwann muss man raus aus Wohnung und Büro. Über seine Probleme kann man sich schließlich auch im Museum oder bei einer Galerieeröffnung unterhalten. An dieser Stelle könnte ich eine Reihe von Ausstellungen empfehlen, die man sich unbedingt anschauen sollte. Nicht nur, weil es die letzten Reste des bildungsbürgerlichen Gewissens gebieten (die Westküstenkunstausstellung „Pacific Standard Time“ im Martin-Gropius-Bau etwa), sondern auch, weil man sonst einfach Bewegendes verpasst (Boris Mikhailovs Ode ans dysfunktionale Scheißleben in der Berlinischen Galerie zum Beispiel) oder richtig Großes (wie Gerhard Richters „Betty“ in der Nationalgalerie, ein Bild, das man schon tausendmal reproduziert gesehen hat und dessen heimliche Trauer einen doch wochenlang umtreibt, wenn man es sich live anschaut). Aber viele der Bilder, die in Erinnerung bleiben, findet man auch in kleineren Ausstellungen, von denen es in Berlin glücklicherweise viele gibt.

Eine dieser Ausstellungen ist „Upon Paper“, ein von außen recht unscheinbarer, kürzlich gegründeter Projektraum in der Max-Beer-Straße in Mitte, der vom Boutique-Papierhersteller Hahnemühle Fine Art ins Leben gerufen wurde. Die dortigen Schauen – zurzeit heißt das Thema „Planet L.A.“ – werden jeweils durch ein großformatiges Magazin in Kunstbuchqualität ergänzt. Eigentlich ist es nicht mehr besonders originell, über den leeren Mythos Los Angeles zu sprechen, in der Kunst zumindest ist die Stadt schon lange zu einem Allerweltstopos allererster Güte geworden. Aber viele der Arbeiten, die gezeigt werden, sind dann doch ziemlich umwerfend. Terrence Kohs ironischer „White Cock“ leuchtet an der Wand und spielt mit Finesse mit unseren schmutzigen Gedanken und unseren Ideen von Sex und Ethnie. Ein traumhaft schönes Dries-van-Noten-Kleid steht versetzt vor zwei von James Reeves‘ „Lightscape“-Fotos, deren nächtliche Lichterlandschaften sich melancholisch in den Mustern der dunkelblauen Couture spiegeln. Und ganz hinten in den Ausstellungsräumen hängt ein unglaublich graues, unglaublich berührendes Bild von Jack Pierson, einem meiner liebsten Künstler, der mit traurigen Fotos von schönen Jungs berühmt wurde und mit Installationen aus ausrangierten Leuchtbuchstaben mit glimmenden Ein-Wort-Botschaften wie „LOVE“.  Das großformatige Bild zeigt eine leere Straße, die ins Nirgendwo zu führen scheint. Es wirkt, als sei es ausgebleicht, von einer großen Stille durchtränkt. Doch dann stellt man fest, dass es darauf stürmt, orkanartig und unfassbar laut stürmt und dass nur niemand da ist, um es zu bemerken.

Olga Grjasnowa „Der Russe is einer, der Birken liebt“, Hanser-Verlag, 288 Seiten, 18,90 Euro

Planet L.A., Upon Paper, Max-Beer Straße 25, 10119 Berlin, Dienstag bis Samstag, 12:00 bis 18:00 Uhr

 

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