Reality-TV in Dauerschleife - RTL perfektioniert den Tabubruch

Kaum ein Format ist im deutschen Fernsehen derzeit so erfolgreich wie die Reality-Soap: schnell, billig, massentauglich. Seit mehr als einem Jahrzehnt lang hämmern diese Shows in Extremform auf das Publikum ein – mit unappetitlichen Folgen. Jetzt hat RTL den Tabubruch erneut perfektioniert

Schäkern im Bettchen: Das Allerprivateste erspart uns RTL nicht
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Petra Sorge ist freie Journalistin und lebt derzeit in Indien. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Erinnern Sie sich noch? Es ist 13 Jahre her, da erregte Deutschland sich wegen eines Containers. Für „Big Brother“ hatte sich eine Gruppe Menschen in einer Wohneinheit über vier Monate lang filmen lassen – der Durchbruch des Reality-TV. Gutmenschen und Moralisten waren erzürnt, warnten vor einem „unverantwortlichen Menschenexperiment“, ja vor dem „Menschenzoo“.

Der allseits enthemmte Fernsehkonsument kann darüber heute nur noch milde lächeln. Die Kritik war nämlich nicht nur rasant verstummt, schon ein Jahr nach dem „Big Brother“-Start verkündeten Forscher schon das vorläufige Ende solcher Shows. Es stelle sich die Frage, „wie lange sich die ‚neuen‘ Formate auf dem Bildschirm halten werden“, orakelte der Koblenzer Kommunikationspsychologe Uli Gleich. Er berief sich dabei auf eine Forsa-Umfrage für TV Today, in der Reality Shows als „große Verlierer“ galten: 81 Prozent der Befragten sagten demnach aus, dass sie davon weniger sehen wollten.

Was bitte ist da passiert?

Nicht nur, dass sich der Container-Voyeurismus – mit Unterbrechungen – zehn Jahre lang hielt, die Reality-Show ist mittlerweile das Erfolgsformat des zeitgenössischen (Privat-)Fernsehens geworden. Das zeigt ein Blick zurück auf die RTL-Reihe „Bauer sucht Frau“. Die Serie landete im vergangenen Herbst wochentags fast regelmäßig auf den Plätzen 1 bis 3 der Quotenskala aller TV-Sender. Regelmäßiger Top-Runner bei der werberelevanten Gruppe der 14-49-Jährigen, bei der Gesamtgruppe der Zuschauer und beim Marktanteil.

[gallery:Die totale Öffentlichkeit von der Geburt bis zum Tode]

Der Vorteil für die Programmmacher liegt auf der Hand. Die Serien sind billig, schnell zu produzieren und ungeheuer erfolgreich. Schnittige Durchläufer. Werden wir also gerade Zeuge einer gewaltigen Selbstlüge des Publikums, das Marktforschern gegenüber seinen Ekel vor Reality-Shows bekundet, zu Hause aber seinem heimlichen Hang zum Voyeurismus nachgeht?

Der Systemwandel des TV wäre eigentlich ein spannendes Betätigungsfeld für die Medienforschung. Stattdessen: Intellektuelle Leere. Ein Aufschrei der Apologeten? Weit gefehlt.

Vielmehr werden wir Zeugen einer schleichenden Habitualisierung der Rezipienten. Oder, anders gesagt: einer gewaltigen Abstumpfung der Stubenproleten. Gleich begründete seine Prognose eines Reality-Sinkflugs im Jahr 2001 wie folgt: „Möglicherweise war die Inszenierung den Zuschauern nicht dramatisch genug, wie dies etwa in fiktiven Soap Operas der Fall ist.“ Viele der Zuschauer – meist jung, männlich und mit niedriger Schulbildung – nutzten die TV-Angebote eskapistisch: Sie versuchten, dem Alltag zu fliehen und ihre Ängste abzubauen. Genügte das Gesehene als Bewältigungsmasse nicht aus, musste das TV noch einen draufsetzen.

Und es setzte einen drauf. Immer wieder: Model-Pimp, Frauentausch, Wohndesign-Rüpel, Hartz-IV-Peepshow. Alle Facetten des Menschseins wurden ausgeleuchtet, jeder Eiterpickel vor der Kamera ausgedrückt, Clearasil-Werbepause inklusive. Der inszenierte Wahnsinn, der Tabubruch als Konstante. Es ist das Charlotte-Roche-Prinzip. Und das hat Auswirkungen auf das echte Leben: Studien zufolge nehmen einige Zuschauer, je häufiger sie Unterhaltungsserien sehen, die Wirklichkeit verzerrt wahr, und zwar eher so, wie sie im Fernsehen dargestellt wird. Das steigert die Unzufriedenheit  – und gibt dem Drang nach weiterem Fernsehkonsum neue Nahrung.

Mittlerweile wurden auch diejenigen Lebensbereiche, die bislang noch aus gutem Grund verschleiert blieben, ins Scheinwerferlicht gezerrt. Der Tod: Ganz Großbritannien verfolgte das Dahinsiechen der Krebskranken Jade Goody. Der Ekel: Deutschland ergötzt sich an sich im Schlamm wälzenden und lebende Würmer vertilgenden C-Promis im „Dschungelcamp“. Das Schmuddel-Format mit Urwaldzoff und Silikonbrüsten ist sogar unter Akademikern schon salonfähig geworden. Proletentum mit Abitur? Offenbar.

Der Sex: Nein, die „Virgin Diaries“, in denen Viva Jungfrauen und Junggesellen bei ihrer Suche nach dem ersten Mal begleitet, waren noch nicht das peinlichste. Es kommt jetzt noch dicker: RTL hat nun die vierteilige Doku-Show „7 Tage Sex“ gestartet. Darin verpflichtet der Sender seine Protagonisten eine Woche lang zur Bettgymnastik.

Seite 2: Wo findet sich hier der Protest gegen den Voyeurismus?

In der ersten Folge, die am Mittwochabend ausgestrahlt wurde, – man möchte gerne wissen, warum sich tatsächlich immer Freiwillige für solche Shows finden – ging es denn auch gleich richtig zur Sache. Da bekam der Zuschauer faltige gepiercte Bauchnabel, haarige schwarzbesockte Männerbeine, bemalte Unterleiber und erregte Poklapser serviert.

Barkeeper Marcel verriet in einer Szene zum Beispiel, wie viel das Pärchen früher noch ausprobiert hatte: „Das ging von der einfachen Missionarsstellung über Reiter-, Löffelchen-, Hühnchen und was es nicht noch alles gab. Es gab nichts, was es nicht gab.“ Er schaute seine Nadin an, ein maliziöses Lächeln, Schnitt.

Wie schön, dass es RTL gibt, das dem vertrockneten Sexleben des Pärchens wieder etwas Spritzigkeit einhauchte. Einer Teilnehmerin war es zwar peinlich, es am See zu tun, wo gleich ein Passant um die Ecke kommen könnte, nicht aber, halb Deutschland an ihrer geschlechtlichen Erweckung teilhaben zu lassen. Und die Freunde: Da war der Typ mit Halbglatze und Dortmund-Trikot, der das Bierglas für „ein Stößchen auf deine Stößchen“ hob, oder der Kumpel, der dem Sex-Tester riet, nicht „2 Packen Eier, sondern viere, glob ich“, reinzuhauen. Den Test schafften sie natürlich alle – im Pool, in der Badewanne, im Campingwagen, in der Karo-Bettwäsche –, inklusive Pärchen-Happy-End.

Zugegeben, die Sendung war nicht pornografisch – sobald es ernst wurde, wurde abgeblendet. Trotzdem: Ist diese Wahrnehmung nicht schon Ausdruck der Gewöhnung ans Extreme? Wo findet sich hier der Protest gegen den Voyeurismus? Allenfalls in der „Bild“-Zeitung warnte eine Therapeutin, dass die Probleme der Paare nicht behoben würden.

Vielleicht kann eine Gesellschaft, in der der erste Schrei seiner Neugeborenen bereits live auf Facebook und Live-Blogs dokumentiert wird, an solchen Auswüchsen nichts mehr finden. Mehr noch: Auch dieser Bereich – und damit der bisher letzte noch verbliebene Privatraum – soll jetzt in die Flimmerkiste: die Geburt. Für die Dokusoap „Babyboom – Willkommen im Leben“ hat RTL Kameras im Berliner Krankenhaus Vivantes aufgestellt. Das Schreien im Kreißsaal, Hebammen bei der Arbeit, Wassergeburten, Kaiserschnitte: alles live. Wo Väter früher noch in Ohnmacht fielen, dürfen heute schon Zwölfjährige der Wahrheit ins (nackte) Gesicht schauen.

Während es bislang stets die Protagonisten selbst waren, die über ihren Auftritt in derartigen TV-Soaps entschieden, hat das Neugeborene hier übrigens nichts mitzureden. Das ist legal und nennt sich dann Elternprärogative – das Sorgerecht.

Zwei Wochen lang liefen die Aufnahmen, niemand beschwerte sich. Erst in letzter Minute verhängte der Senat ein Stopp. Bis zur nächsten Vivantes-Aufsichtsratssitzung soll das Filmprojekt erst einmal ausgesetzt werden. Und ethisch diskutiert werden. Ob es allerdings so einfach ist, aus dem Vertrag zwischen dem Sender und der Klinik wieder auszusteigen, ist offen. Am Ende könnte es für die Stadt vielleicht sehr teuer werden – und das Privatfernsehen siegen.

Wäre das das Ende der Kultur? Wahrscheinlich auch das nicht. Kultur kommt vom lateinischen Wort „cultura“, Ackerbau. Und die Reality-Show ist eben nur ein Feld – wie viele andere. Fragt sich nur, was da gesät worden ist in den vergangenen 13 Jahren.

 

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