Totale Offenheit und der totale Verlust der Privatsphäre. Post-Privacy wird von Teilen der Netzaktivisten als Chance für eine bessere Zukunft begrüßt und könnte sich zu einem Kampfbegriff der Piratenpartei entwickeln. Autor Christian Heller hat ein Buch zum Thema geschrieben
Privatsphäre ist ein Auslaufmodell und das ist auch gut so. Ziehen sich alle aus, hat keiner mehr Angst vor Nacktheit. Das ist der Kern von Post-Privacy, die Idee treibt gerade einen Keil in die deutsche Netzgemeinde. Als Ort, in dem sexuelle Unterdrückung und reaktionäre Strukturen gedeihen, gehöre die bürgerliche Erfindung des Privaten endlich abgeschafft, lautet die Forderung. In einer Welt, in der alle alles miteinander teilen, werde gleichsam die Gesprächstherapie abgearbeitet wie die Furcht vor dem Fremden. Ungerechtigkeiten treten zu Tage und werden gelöst. Visionär klingt das allemal, aber sonst? Der Begriff Post-Privacy wurde von dem Netzaktivisten Christian Heller geprägt, nun hat er ein Buch darüber geschrieben (Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre, Beck 2011).
Heller trug seine Thesen erstmals 2008 auf der Jahrestagung des Chaos Computer Club vor. Die Hackergemeinde amüsierte sich damals über ihn, bis heute gilt für viele der Leitspruch von Wau Holland, dem 2001 verstorbenen Urgestein des Clubs. Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.
2009 war der Lebensraum Internet unter Beschuss. Netzsperren gegen Kinderpornos drohten als Präzedenzfall staatlichen Einmischungen Tür und Tor zu öffnen. Erfolgreich machte die Netzgemeinde gegen Schäuble und von der Leyen mobil – eine klare Absage an staatliche Regulierung. Inzwischen ist das Gesetz Geschichte. Gleichzeitig sorgte der Blogger Michael Seemann für Furore, als er den Kontrollverlust über die eigenen Daten, das Ende der informationellen Selbstbestimmung ausrief. Ohne Absicht hinterließe der durchschnittliche Nutzer Spuren im Netz aus denen künftig immer dichtere Identitätsprofile konstruiert werden könnten, schrieb Seemann. Forscher des MIT etwa entwickelten einen Algorithmus, der anhand von Verbindungen auf Facebook mit großer Treffsicherheit feststellen kann, ob ein Nutzer homosexuell ist - auch wenn dieser es verbergen möchte. Mittlerweile wird Heller gehört und verstanden. Der sowieso immer Top-Down verhandelte Datenschutz rutschte auf der Agenda einiger Netzkritiker ab. Ist es also schlauer, die Flucht nach vorne ins Zeitalter der Post-Privacy anzutreten?
Innerhalb der Szene wird das Modell kontrovers diskutiert. Post Privacy habe die Chance, das soziale Prinzip der Selbstdarstellung abzuschaffen, sagen die einen. Weil dann keiner mehr so tun kann als ob. Der Verzicht auf Datenschutz sei naiv und gefährlich, sagen die anderen. Die Konfliktlinie verläuft auch im Netz zwischen Traditionalisten und jungen Aufrührern.
Wer hat nun recht? Zu Beginn der sozialen Netzwerke dominierte die Scheinwelt der fiktiven Persona, die Ära Myspace. Das Internet bot den Spielraum für die nach Lust und Laune zusammengebastelte Netzidentität, für eine maximale Selbstdarstellung mit gepimpten Profilfotos und fiktiven Usernamen. Inzwischen jedoch geben die meisten sozialen Netzwerker die Kontrolle ab, lassen sich bereitwillig entlarven als das was sie wirklich sind. Die Anhänger von Post Privacy fordern den offensiven Umgang mit Klarnamen und Transparenz. Und tatsächlich scheint der Punkt ohne Wiederkehr überschritten zu sein, seit immer mehr Nutzer die offizielle, professionelle und private Existenz im Netz verknüpfen. Aus der nunmehr erreichten kritischen Masse an Nutzerdaten lassen sich viele Zusammenhänge herstellen, die vor allem eins ermöglichen: Auf den Nutzer zugeschnittene Werbung. Post-Privacy ist also auch ein Milliardengeschäft. Nur über die Profiteure der aufgesogenen Privatsphäre, darüber wie Facebook und Google ihre Profite am Gemeinwohl vorbeibugsieren, liest man bei Heller nichts. Nutzerdaten sind die Währung der Zukunft und die Unternehmen werden sie sich einiges kosten lassen.
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