Ökumenische Sozialinitiative - Kirche als Binsenproduzent und Schwafelladen

Kisslers Konter: Alexander Kissler langweilen die politischen Plattitüden der Kirche. Die Kirche will des Staates treuer Vasall sein und Thelogie findet nur am Rande statt

Wie politisch darf Kirche sein?
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Sage keiner, die Kirchen seien weltfremd. Oh nein, sie wissen, dass der Deutsche entweder arm ist oder knausert. Und sie wissen, dass er oft unter Schlafmangel leidet. Darum spendieren die beiden großen Kirchen ihm das derzeit günstigste Einschlafmittel, das der Markt zu bieten hat. Es heißt „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“, will eine „Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung“ sein und kostet gerade einmal 35 Cent. Online ist das Sedativum gratis.

In dieser nach gewiss anstrengenden Abstimmungs- und Formulierungsarbeiten entstandenen 60-Seiten-Schrift ist viel Welt und noch mehr Trallala enthalten: „Für die Bewältigung der Herausforderungen, vor denen wir stehen, bedarf es eines möglichst hohen Maßes an Sachkompetenz.“ Ein Einstieg wie ein Donnerhall, ein Fanal, eine Posaune. Wie man es von Heilsagenturen gewohnt ist. Die beste Binse kommt gleich danach: „Im Diskurs um Sachfragen müssen die besten Lösungen gefunden werden.“ Lasset uns also bewältigen und diskursivieren und suchen und irgendwann auch mal finden. Die Kirchen wollen schließlich durch ihre „Sozialinitiative“ mitbauen an einem „von Solidarität und Gerechtigkeit getragenen Gemeinwesen“. Keine Baustelle ist derzeit bevölkerter. Wer wollte sich zu einer unsolidarischen, ungerechten Gesellschaft bekennen? Wer wollte nicht selbst im Dämmerschlaf noch nicken bei der onkelhaften Warnung vor „Gewinnmaximierung um jeden Preis“?

Kirchen schwafeln Allgemeingültiges
 

Die Wege, die die Kirchen einschlagen wollen, sind die allerbreitesten. Der Staat soll es richten, Kapitalismus ist Gier. Mancher SPD-Ortsverband dürfte sich verstanden wissen, wenn er liest: „Nach wie vor besteht Handlungsbedarf etwa in der Ausgestaltung der Finanzmarktordnung.“ Die berühmten falschen Anreize gelte es zu minimieren. Bei den Bündnisgrünen dürften die Freudenglocken läuten angesichts des Appells, die drohenden „Kippprozesse im Klimasystem“ verlangten eine „Fortentwicklung der sozialen Marktwirtschaft zur ökologisch-sozialen Marktwirtschaft“. Etatisten jedweder Couleur jubilieren auch, soll der Staat doch den „Kampf gegen die Bildungsarmut“ intensivieren, dem „Missbrauch der Freiheit wirksam Grenzen setzen“, das Renteneintrittsalter flexibilisieren – also wohl die Rente ab 63 einführen –, eine „Sozialpolitik unter der Leitperspektive von Inklusion und Partizipation“ betreiben und natürlich die „ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen“ verringern.

Originalität und Sprachkraft und diagnostische Schärfe sucht man vergebens. Theologie findet nur am Rande statt. Die Kirchen wollen des Staates treuer Vasall sein. Sie trommeln wie seit Jahren schon für die Steuerpflicht als „moralische Bürgerpflicht“, weil der Staat in dieser Perspektive immer ein Hungerleider ist, mag er auch noch so sehr im Futter stehen. Und der schönste Witz folgt ganz am Ende: Das katholische und evangelische Referatspersonal gibt zu Protokoll, es habe mit diesem müden Abklatsch allseits abgehangener Argumentationsware „die Initiative ergriffen, um die Diskussion über eine Erneuerung unserer Wirtschafts- und Sozialordnung anzustoßen.“

So kann es gehen, wenn eine Institution jenen Schlummer, den sie anderen schenkt, an sich selbst schon ausgekostet hat. Hoch und breit und klaftertief.

 

 

 

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