Ichismus - Wie sich die Egomanie in den Journalismus frisst

Im Journalismus macht sich eine Unsitte aus den sozialen Netzwerken breit: das Ich-Narrativ. Statt Inhalte in den Vordergrund zu stellen, betreiben immer mehr Autoren schreiberische Selbstschau. Wo soll das hinführen?

Das Wort „Ich“ steht als Graffiti an einem Maschendrahtzaun. Auch dem Journalismus klebt es an
Miserlou Behind The Aperture/Flickr

Autoreninfo

Petra Sorge ist Verantwortliche Redakteurin Online bei Cicero. Ihre Themen sind Politik und Digitales, außerdem schreibt sie die Medienkolumne. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Jetzt ist es passiert – ich beginne den Artikel über den Ichismus im Journalismus mit einem „Ich“. Nun ja, streng genommen habe ich das schon häufiger getan, zum Beispiel hier oder hier. Aber ich schreibe ja auch eine Kolumne, also einen Meinungsbeitrag. Da gehört das so. Da ist die Nabelschau Auftrag.

Erstaunlich aber, dass das erste Personalpronomen seit längerem auch in den eher berichtenden Formen des politischen Journalismus fröhlich Urständ feiert. Angetrieben von den Erwartungen der auf MySpace in die Pubertät gekommenen und auf Facebook erwachsen gewordenen Konsumgeneration frisst sich der Exhibitionismus langsam, aber sicher in die traditionellen Medien hinein. Vom Selfie mit Politiker zum Self-Interview mit Politiker: Seht her, ich treffe jemand Wichtiges!

Ärgerliche Betroffenheitsbröckchen


Das Sprachorgan dieser Hedonisten, die Neon, machte es bei einem Dorothee-Bär-Porträt vor: Die Verkehrsstaatssekretärin – damals noch stellvertretende CSU-Generalsekretärin – wagte es doch tatsächlich, in der vereinbarten Kneipe eine Wurstplatte für die Ich-Reporterin vorzubestellen. „Diese Art gemütlicher Bevormundung nervt mich als in Bayern lebender Mensch an der Regierungspartei schon immer“, schreibt diese da pikiert. Die Autorin zitiert Kruzifixe in Klassenzimmern oder Nahrungsmittelrationen für Asylbewerber als Ausdruck dieses bajuwarischen Untertanenjochs. Am Ende solcher Porträts erfährt man oft mehr über die Verfasser als über die Politiker.

Im Stern las man kurz vor Gerhard Schröders 70. Geburtstag etwa, wie zwischen der Reporterin und dem Altkanzler alles anfing. Wie sie seine „mit dünnem Charme getarnte Frotzelei tausendmal gehört“, wie sie „unzählige Geschichten“ über ihn veröffentlicht habe. Aber: „Acht Jahre haben wir nicht miteinander geredet.“ Dann endlich die Begegnung. Der Ich-Journalistin begegnet Schröder ironisch: „Na, gnädige Frau“. Höhepunkt der politischen Investigation.

Vom Fürwort zum Führerwort


Wo Facebook-Nutzer ihre digitalen „Freunde“ mit belanglosen Status-Posts nerven – „Stehe gerade am Bahnhof. Zug hat mal wieder Verspätung“ –, ärgert der Ich-Reporter seine Leser mit Betroffenheitsbröckchen: „Mich trifft ein Regentropfen an der Stirn. Das passt jetzt gar nicht.“ Zugegeben, wahrscheinlich ist in diesem Moment nicht das Wetter die größere „Misere“ für den Tagesspiegel-Berichterstatter, sondern sein Termin: eine Spider-Man-Kostümprobe.

Schreiben als Therapie für den Schreiber – vielleicht ist das auch der tiefere Sinn. In der vergangenen Woche durfte der Leser dem öffentlichen Bußgang eines Nazi-Sohnes beiwohnen, wie er sich durch die Familienakten wühlt, wie ihn gelegentlich antisemitische Reflexe überfallen: „Mein Vater, der Mörder“.

Das persönliche Fürwort als persönliches Führerwort. Journal-ich-mus als neue Stilform, wenn Hitler auserzählt ist?

Früher war das erste Personalpronomen im Journalismus eher unüblich. Und es gab nur drei gute Gründe, von dieser Regel abzuweichen.

Erstens: die Undercover-Recherche. Günter Wallraff hat den Rollentausch in Deutschland zum Prinzip erhoben. Er schnüffelte als Türke unter Gastarbeitern, unterwanderte die Bild-Redaktion, schlich sich als Niedriglöhner in eine Lidl-Bäckerei ein. Zuletzt schickte er eine junge Reporterin in ein Zalando-Logistiklager. Ohne die Reporterperson geht es hier nicht.

Zweitens: Wenn der Autor durch seine Erlebnisse zur Person der Zeitgeschichte wird. Die italienische Kriegsreporterin Francesca Borri protokollierte ihre Qualen im syrischen Aleppo, zwischen Hunger, Angst und Medienkrise. Sie wurde Zeugin des Unfassbaren: Für 50 Euro pro Artikel riskierte sie ihr Leben. Als ihr Chef dachte, sie sei entführt worden, schrieb er eine E-Mail: „Falls Sie eine Verbindung bekommen, könnten Sie über Ihre Haft twittern?“

Die dritte Ausnahme ist, wenn die Ich-Reportage durch ihre Brillanz zum Dokument der Zeitgeschichte wird. Politisch, künstlerisch, ergreifend. Im Stile eines Egon Erwin Kisch: „Am Abend brannte das Reichstagsgebäude, am Morgen wurde ich verhaftet.“

Beherzter Ego-Stil ist möglich


Ist das noch Journalismus? Oder schon Literatur?

Oder die Zeilen von Wolfgang Herrndorf, der seinen Kampf gegen den Krebs öffentlich machte:

„Je schwärzer die Nacht, umso sehnlicher der Wunsch, die Situation selbst zu meistern, auch als Vergewisserung, die Eigenschaften, die ich einmal besaß, noch nicht komplett verloren zu haben, darunter die Fähigkeit, Ich zu sein und zu sagen. Und dieses Ich verdammt noch mal im Raum zu orientieren.“

Ist das nur Literatur? Oder auch Journalismus?

Ja, ein bisschen Subjekt darf sein. Und nein: Es geht nicht darum, eine geradezu sterile Objektivität einzufordern. Vor allem nicht in Features und Reportagen, in denen es um Geruch, Erfahrung, Augenscheinnahme geht. „Menschen sind nicht objektiv“, sagte jüngst auch Glenn Greenwald der Süddeutschen Zeitung. Der Guardian-Blogger, der den NSA-Whistleblower Edward Snowden traf, ist vielleicht der Phänotyp einer neuen, durchaus wünschenswerteren Journalismusform: Jenem, in dem das Beste aus allen Welten – dem Web, der Investigativ-Recherche und der zeitgeschichtlichen Erfahrung – zu einem beherzten Ego-Stil verschmilzt. 

Bis dieser sich durchsetzt, müssen wir uns aber noch durch viele Zeitungsspalten quälen, die Boulevard- oder Lokalreporter mit dem Bericht über ihren ersten Tandemsprung zupinseln. Leider.

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