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Ruhrtriennale-Chef GoebbelsJohn Cage und Kinderjurys

Von Barbara Burckhardt17. August 2012
picture alliance
Heiner Goebbels,Chef der Ruhrtriennale,Theatermacher,Komponist, John Cage
Heiner Goebbels leitet für die kommenden drei Jahre das Kunstfest im Ruhrgebiet
Schrift:

Heiner Goebbels, der legendäre Experimentaltheater-Macher, leitet die Ruhrtriennale – und inszeniert John Cage

Diesen Monat wird er 60. Die weiße Haarpracht passt dazu, die Biografie nicht. Für sie hätten die meisten doppelt so viele Jahre gebraucht und wären jetzt einigermaßen erschöpft. Der Mann, der da gelassen in einem sachlich hellen Zimmer im Gelsenkirchener Wissenschaftspark sitzt, übt stattdessen mal wieder einen neuen Beruf aus. Heiner Goebbels, der Komponist, Theatermacher und Professor, ist für die nächsten drei Jahre Chef der Ruhrtriennale, jenes legendären Festivals, das die Industriedenkmäler des Ruhrgebiets in Plätze der Kunst verwandelt. Am 17. August geht es los: mit dem Festival und dem neuen Lebensjahrzehnt.

Das alte endete erfreulich: Im März erhielt Heiner Goebbels den mit 300 000 Euro dotierten norwegischen Ibsen-Preis, der vor ihm an die Theatermacher Peter Brook, Ariane Mnouchkine und Jon Fosse ging. Goebbels, mit weichem pfälzischen Tonfall und so freundlich, als wolle er die scharfe Intellektualität des Avantgarde-Künstlers kaschieren, fragt: „Hatten Sie von dem Preis vorher schon mal gehört?“ Ehrlich gesagt: nein. Der Maestro nickt.

In den siebziger Jahren studierte Goebbels in Frankfurt Musik, aber auch Soziologie, das Lieblingsfach der politisch bewegten Nachachtundsechziger. Er lebte im selben besetzten Häuserblock wie Joschka Fischer, und sein 1976 gegründetes „Sogenanntes Linksradikales Blasorchester“ gab der dortigen Spontiszene fünf Jahre lang den musikalischen Takt vor. Goebbels blies das Saxofon. Frankfurt ist bis heute einer der wenigen Fixpunkte im Leben des Mannes, der von sich sagt, dass er am liebsten alle sieben Jahre das Berufsfeld wechsele. Er langweile sich so schnell.

In den vergangenen 30 Jahren prägte er als Professor und Direktor die deutsche Performance-Schmiede, das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Er ging als Musiker mit dem Art-Rock-Trio „Cassiber“ auf Tour, komponierte Theater- und Filmmusik für Hans Neuenfels, Claus Peymann und Helke Sander, vertonte als Hörspielmacher vor allem Heiner-Müller-Material, komponierte Kammermusik für das weltberühmte Ensemble Modern und reiste mit seinen legendären eigenen Theaterarbeiten um die Welt.

Die Texte, mit denen Goebbels auf der Bühne arbeitet, stammen von Samuel Beckett, Ludwig Wittgenstein, Elias Canetti, Heiner Müller oder Franz Kafka. Vieldeutig sind sie, und ihr Rätsel sollen sie auch behalten, findet er. Er sampelt Klänge dazu, und am Ende ist es der Zuschauer, der sich aus dem Angebot an Tönen, Worten, Gesten, Bildern und Licht im eigenen Kopf sein Kunstwerk schafft. „Er muss nicht alles verstehen, ich arbeite nie symbolisch“, sagt Goebbels. Es gehe um das Material selbst, um die sinnliche Erfahrung, die Wahrnehmung des Moments.

Auch die nächsten drei Jahre Ruhrtriennale sollen Musik, Performance und Bildende Kunst gleichberechtigt zusammenbringen. Und die teilnehmenden Künstler können so arbeiten, wie Goebbels selbst es tut: ausgehend von Orten, von Menschen, vom Vorgefundenen, multiperspektiv, im offenen Probenprozess. Die Preise wird die unvoreingenommenste Publikumsjury vergeben, die man sich nur denken kann: 100 Kinder aus der Region. Sie werden bestimmen, wer die coolste Tänzerin ist, die gruseligste Frisur hat und welcher Moment nicht vergehen soll.

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Zur Eröffnung des Festivals inszeniert Goebbels selbst in der Jahrhunderthalle in Bochum John Cages fast vergessene „Europeras 1&2“ von 1987, eine experimentelle Versuchsanordnung ganz in seinem Sinne: Mit Versatzstücken und Figuren aus 64 Opern der europäischen Musikgeschichte montierte Cage nach dem Zufalls­prinzip des auch als „Weisheitsbuch“ bekannten chinesischen Orakels I Ging ein neues Ganzes, eine „Oper der Wandlungen“, die Goebbels’ Prinzip der Gleichberechtigung aller Mittel auf die Spitze treibt.

Goebbels und sein Bühnenbildner Klaus Grünberg zitieren dafür nicht weniger als 32 Bühnenräume aus über 100 Jahren Theatergeschichte herbei. Goebbels klappt den Laptop auf und zeigt ein paar Bilder von überwältigender Schönheit. Nicht länger als drei Minuten werden die Sets in den ersten 90 Minuten des Abends aufleuchten, und alle sind sie echt – gemalt, gebaut, geschichtet. Nicht zuletzt eine gewaltige logistische Leistung. Wird der Orakel-Zufall da vielleicht doch ab und zu pragmatisch korrigiert? Goebbels grinst: „Auch Cage hat hier und da geschummelt.“

Mit 60 könnte man eine erste Bilanz ziehen, nach einem Leben, das aus der Ferne selbst ein bisschen so wirkt, als sei es mithilfe des I Ging gesampelt worden: Auf wie vielen Hochzeiten hat man getanzt, wie viele Begabungen unter einen Hut gebracht, wie viel Welt gesehen? So etwas macht der Künstler aber höchstens für Journalisten, in aller Freundlichkeit auch bei den dümmsten Fragen: Wie schafft man das alles bloß? „Ich bin zwar kein Buddhist“, sagt er, „aber eine gewisse buddhistische Gelassenheit hilft.“ Lehnt sich zurück, trinkt einen Schluck Tee und knabbert am Keks. Man kann gar nicht anders: Heiner Goeb­bels muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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