Frau Fried fragt sich

... wann der Gute-Mutter-Mythos endlich ausstirbt

Sind Frauen, die trotz Kind Karriere machen wollen, Rabenmütter? Und dürfen sich Hausmütterchen, die ihren Kindern gute Schulnoten abverlangen, beschweren, wenn der Nachwuchs sie nicht ernst nimmt? Amelie Fried über den deutschen Gute-Mutter-Mythos

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Unser Autor

Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

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Ich bin eine Egoistische, kaltherzige Rabenmutter, denn ich bin nicht rund um die Uhr für meine Kinder da, sondern übe einen Beruf aus. Ich besitze außerdem die Unverfrorenheit, dies angesichts einer Scheidungsrate von 40 Prozent und des neuen Unterhaltsrechts für vernünftig zu halten und diese Meinung auch noch öffentlich kundzutun. Damit diffamiere ich all die selbstlosen, warmherzigen Mütter, die ihren Kindern zuliebe auf einen Beruf verzichten – in Deutschland immerhin fast 30 Prozent. Dieses Vergehens bezichtigte mich eine Frau während einer Lesung meines neuen Buches, in dem das Thema gestreift wird. Sie stand auf, holte Luft und richtete mich.

Der heftigste Kulturkampf in unserem Land tobt zwischen Vollzeit- und berufstätigen Müttern. Alle Waffen sind erlaubt, keine Gefangenen. Es treten an: trutschige Hausfrauen mit sandkastengroßem Horizont, die Fortpflanzung für die einzig wahre Bestimmung halten und parasitär vom Gehalt ihres Mannes leben, gegen ehrgeizige Karriereweiber, die ihre Kinder drei Stunden nach der Geburt in eine Krippe stecken und dort bis zur Volljährigkeit fremdbetreuen lassen, während sie sich rücksichtslos selbst verwirklichen.

Die Blauhelme in diesem Krieg sagen: Jede Frau sollte das für sich selbst entscheiden.

Ich sage: Rennt doch in euer Unglück, ihr tollen Supermütter. Aber beklagt euch später nicht, wenn die Kinder aus dem Haus sind, euer Mann mit einer Jüngeren durchgegangen ist und die nette Dame in der Arbeitsagentur vor Lachen Schluckauf bekommt, wenn ihr nach einem Job fragt. Wenn euer Rentenbescheid bei ungefähr 70 Euro liegt – so viel könnt ihr nach der Scheidung mit Minijobs nämlich noch erwirtschaften. Ach stimmt, ihr habt ja den Versorgungsausgleich. Vorausgesetzt, ihr wart verheiratet, hattet keinen Ehevertrag und keinen Mann, der vor der Trennung schnell seine Altersversorgung auflöst und eine Immobilie davon erwirbt. Alles schon da gewesen.

Vielleicht schießen eure Kinder ja ein bisschen Geld zu, schließlich habt ihr euch jahrelang für sie aufgeopfert. Vielleicht fragen die euch aber auch, warum ihr ihnen ständig gute Schulnoten abverlangt habt, damit sie Chancen im Beruf haben, während ihr als Hausmütterchen all eure beruflichen Chancen verspielt habt.

Stirbt dieser verdammte Gute-Mutter-Mythos in diesem Lande denn nie aus? Warum wollen so viele junge Frauen in der gleichen Abhängigkeit leben wie ihre Mütter und Großmütter? Und warum wird als egoistisch und kaltherzig beschimpft, wer sie vor dieser Idiotie bewahren will?

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