Roger Willemsen spricht über sein neuestes Buch „Momentum“, über die Liebe und warum es dem Bestsellerautor leichter fällt, über Sex als über Gott zu reden
Herr Willemsen, mit welchem Romanhelden würden Sie sich
am ehesten vergleichen und warum?
Oh, so heikel der Vergleich mit einer Romanfigur ist, wäre es an
aller erster Stelle wahrscheinlich eine Figur bei Jack London. Also
jemand, der eher im Bereich der Abenteuerliteratur zu suchen ist,
der von Hunger getrieben wird, der eine Bedürftigkeit hat, mehr
Wirklichkeit zu komprimieren. Dann gibt es noch eine Figur namens
Nagel, ein Mann aus dem Roman „Mysterien“ von Knut Hamson, der in
einem gelben Anzug an einem Flusslauf in Norwegen erscheint, diesen
kleinen Ort in vollkommene Turbulenz versetzt und sich am Ende
umbringt. Und letztlich weiß man eigentlich nur, dass seine Trauer
echt gewesen und dass sein sonstiges Verhältnis zur Welt entweder
leidenschaftlich oder ironisch gewesen sein muss.
Ich frage
auch deshalb, weil man beim Lesen Ihrer Texte den Eindruck nicht
los wird, Sie würden immer auch ein bisschen als Romanfigur durchs
Leben gehen und somit Ihr lyrisches Ich durch die Wirklichkeit
tragen. Insofern sind Sie doch gar kein klassischer Romancier,
brauchen nicht das Fiktive, um fiktiv zu sein.
Sehr einverstanden. Das Prinzip ist Genauigkeit. Ich habe das
Gefühl, ich lebe in dem Augenblick konzentriert, wo ich genauer
lebe. Das heißt, dass Wirklichkeit dann sehr schnell sprachförmig
wird. Ich möchte das, was ich im Augenblick sehe, so präzise für
mich selber formulieren können. Das ist mein Versuch der
Vergegenwärtigung.
Sie nennen es „Prinzip der Genauigkeit“. Bei Ihrem
vorletzten Roman „Die Enden der Welt“ sprachen Sie von einem
„Rausch der Genauigkeit“. In „Momentum“ geht es aber doch weniger
um den Rausch des Genauen, als Sie das Beiläufige in den
Mittelpunkt stellen und das Nebensächliche zur Hauptsache
machen.
Da das Leben zu einem sehr viel größerem Anteil aus dem Beiläufigen
besteht, kommen wir gar nicht daran vorbei. Es geht darum, das
Leben zu verdichten, es in den Momenten zu erkennen, die fast
tonlos, fast unscheinbar sind und die manches Mal genauso gut auf
großen Bühnen passieren könnten.
Ist das das Prinzip von „Momentum“? Augenblicke,
Momente, Fragmente nebeneinander zu stellen, das Glück quasi dann
im Beiläufigen zu finden oder auch zu suchen?
Stellen Sie sich vor, dass wir Leben allein aus kausalen Abläufen
rekonstruieren würden. Wenn wir sagen würden, nachdem dies
geschehen war, ist das geschehen. Erst war der Held jugendlich,
dann war er etwas ermüdet, schließlich erloschen. Es geht darum,
unsere Konzentration von diesem kausalen Nacheinander wegzubewegen
und sich mehr auf die Erregungszustände zu konzentrieren. Und am
Ende steht dann das Prinzip, ein Leben allein aus Augenblicken
zusammenzusetzen.
Das Unfertige des Augenblicks als Metapher für das
Leben…
Ganz genau. Es geht darum zu sagen, in diesem einen Moment schießt
alles zusammen. Deshalb ist auch in dem Buch alles so typologisch.
Es gibt eine Sinneswahrnehmung, es gibt erotische Bilder, es gibt
natürlich Kunstwahrnehmungen, auch Musik, es gibt Situationen der
Reibung, es gibt den Zusammenklang des Banalen mit dem
Pathetischen. Und aus all diesen unterschiedlichen Elementen
gewinnt man Produktivität. Es sind immer Momente, in denen etwas
produktiv wird – anregt, animiert. Das englische Wort „Momentum“
heißt sogar Impuls. Am schönsten wäre es, diese Impulse würden sich
auf die Leserschaft übertragen.
Würden Sie der Politik heute auch mehr solcher
impulsiven Momente wünschen?
In der politischen Rhetorik auf jeden Fall, denn ich glaube keinen
Erregungszustand des Politikers mehr. Wenn ein Politiker vor das
Parlament tritt und geifert – Empörung darstellend – weil er
angeblich so mitgerissen ist von seiner Emotion, gleicht das einem
höfischen Zeremoniell. Und diese Empörung glaubt man nicht. Ich
hätte gerne den lakonischen Politiker, der ans Mikrofon geht und
ganz andere Sprechformen benutzt – beispielsweise die Ironie, das
Infame, das Teuflische. Das fehlt dem Parlament. In dem Versuch
populär zu sein, produziert Politik Gefühle und versucht sich über
diese Welt, über das Affektive dem Wähler zu nähern. Sie ist aber
nicht affektiv und wird auch nicht als solches empfunden. Nehmen
Sie den Satz von Angela Merkel: „Ich bin froh, dass Bin Laden tot
ist.“ Da öffnet sich plötzlich eine Spalte und man sagt, aha, all
die codierte Emotionalität wird in dem Augenblick fadenscheinig, wo
sich jemand am Tod eines Menschen erfreut.
Insofern doch ein durch und durch teuflischer
Moment.
Ja, ein teuflischer Moment, der zumindest den Code bricht und der
plötzlich etwas Darunterliegendes sichtbar macht. An solchen Sätzen
zeigt sich, wie moros Moral ist. Und es wird offenbar, dass alle
anderen moralischen Sätze immer auch an eben solchen echten Sätzen
gespiegelt werden müssen.
Man sagt der Kanzlerin nach, Sie habe eigentlich einen
guten, trockenen Humor und sei sehr wohl ironiefähig.
Ja, man sagt ihr das nach. Jetzt hat sie im SZ-Magazin auf die
Fragen von 37 Prominenten antworten dürfen. Was für eine gähnende
Langeweile und Uninspiriertheit…
… Auf Ihre Frage ist sie erst gar nicht
eingegangen.
Nein, wie auf so vieles nicht. Ich hätte ihr das nicht zugetraut,
weil ich unterschätzt habe, dass sie wie ein Staubsauger das
allgemeine Meinen aufsaugt und dabei gleichzeitig bloß keine Kontur
haben will. Ein guter Gedanke ist Kontur, eine Idee ist Kontur und
Angela Merkel hat es zum Prinzip erhoben, diese Kontur nicht zu
haben und dadurch Projektionsfläche für alles und nichts zu sein.
„Was ist Ihr liebster Film?“ „Jenseits von Afrika“. Yawn, Yawn.
Insofern hat Sie die mediale Demokratie doch von allen
am besten verstanden.
Man braucht ein wirklich glanzloses Individuum, um das zu können.
Dass das Einzige, was vom Glanz Angela Merkels übrig bleibt,
letztlich fleischfarbene Söckchen in Bayreuth sind, ist doch
irgendwie ärmlich. Das Kränkende in und an dem Interview von Angela
Merkel ist auch, dass ihre Antworten nicht mehr als ein allgemeines
Rauschen sind, Antworten, die nichts schenken. Ein guter Gedanke
ist ein Geschenk, ein starkes Gefühl kann ein Geschenk sein. Was
Merkel macht, heißt einfach, einen Sinuston in die Welt setzen.
Lesen Sie im zweiten Teil, warum man vor der Lust am besten Kind bleiben sollte












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