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Salon

Roger Willemsen im Interview„Es gibt einen Eros der Ideen“

Interview mit Roger Willemsen12. September 2012
picture alliance
Roger Willemsen, Momentum, Charlotte Roche, Analverkehr,Interview
Roger Willemsen: „Vor der Lust ist man vielleicht am besten lange Zeit Kind.“
Schrift:

Roger Willemsen spricht über sein neuestes Buch „Momentum“, über die Liebe und warum es dem Bestsellerautor leichter fällt, über Sex als über Gott zu reden

Seite 1 von 3

Herr Willemsen, mit welchem Romanhelden würden Sie sich am ehesten vergleichen und warum?
Oh, so heikel der Vergleich mit einer Romanfigur ist, wäre es an aller erster Stelle wahrscheinlich eine Figur bei Jack London. Also jemand, der eher im Bereich der Abenteuerliteratur zu suchen ist, der von Hunger getrieben wird, der eine Bedürftigkeit hat, mehr Wirklichkeit zu komprimieren. Dann gibt es noch eine Figur namens Nagel, ein Mann aus dem Roman „Mysterien“ von Knut Hamson, der in einem gelben Anzug an einem Flusslauf in Norwegen erscheint, diesen kleinen Ort in vollkommene Turbulenz versetzt und sich am Ende umbringt. Und letztlich weiß man eigentlich nur, dass seine Trauer echt gewesen und dass sein sonstiges Verhältnis zur Welt entweder leidenschaftlich oder ironisch gewesen sein muss.

Ich frage auch deshalb, weil man beim Lesen Ihrer Texte den Eindruck nicht los wird, Sie würden immer auch ein bisschen als Romanfigur durchs Leben gehen und somit Ihr lyrisches Ich durch die Wirklichkeit tragen. Insofern sind Sie doch gar kein klassischer Romancier, brauchen nicht das Fiktive, um fiktiv zu sein.
Sehr einverstanden. Das Prinzip ist Genauigkeit. Ich habe das Gefühl, ich lebe in dem Augenblick konzentriert, wo ich genauer lebe. Das heißt, dass Wirklichkeit dann sehr schnell sprachförmig wird. Ich möchte das, was ich im Augenblick sehe, so präzise für mich selber formulieren können. Das ist mein Versuch der Vergegenwärtigung.

Sie nennen es „Prinzip der Genauigkeit“. Bei Ihrem vorletzten Roman „Die Enden der Welt“ sprachen Sie von einem „Rausch der Genauigkeit“. In „Momentum“ geht es aber doch weniger um den Rausch des Genauen, als Sie das Beiläufige in den Mittelpunkt stellen und das Nebensächliche zur Hauptsache machen.
Da das Leben zu einem sehr viel größerem Anteil aus dem Beiläufigen besteht, kommen wir gar nicht daran vorbei. Es geht darum, das Leben zu verdichten, es in den Momenten zu erkennen, die fast tonlos, fast unscheinbar sind und die manches Mal genauso gut auf großen Bühnen passieren könnten.

Ist das das Prinzip von „Momentum“? Augenblicke, Momente, Fragmente nebeneinander zu stellen, das Glück quasi dann im Beiläufigen zu finden oder auch zu suchen?
Stellen Sie sich vor, dass wir Leben allein aus kausalen Abläufen rekonstruieren würden. Wenn wir sagen würden, nachdem dies geschehen war, ist das geschehen. Erst war der Held jugendlich, dann war er etwas ermüdet, schließlich erloschen. Es geht darum, unsere Konzentration von diesem kausalen Nacheinander wegzubewegen und sich mehr auf die Erregungszustände zu konzentrieren. Und am Ende steht dann das Prinzip, ein Leben allein aus Augenblicken zusammenzusetzen.

Das Unfertige des Augenblicks als Metapher für das Leben…
Ganz genau. Es geht darum zu sagen, in diesem einen Moment schießt alles zusammen. Deshalb ist auch in dem Buch alles so typologisch. Es gibt eine Sinneswahrnehmung, es gibt erotische Bilder, es gibt natürlich Kunstwahrnehmungen, auch Musik, es gibt Situationen der Reibung, es gibt den Zusammenklang des Banalen mit dem Pathetischen. Und aus all diesen unterschiedlichen Elementen gewinnt man Produktivität. Es sind immer Momente, in denen etwas produktiv wird – anregt, animiert. Das englische Wort „Momentum“ heißt sogar Impuls. Am schönsten wäre es, diese Impulse würden sich auf die Leserschaft übertragen.

Würden Sie der Politik heute auch mehr solcher impulsiven Momente wünschen?
In der politischen Rhetorik auf jeden Fall, denn ich glaube keinen Erregungszustand des Politikers mehr. Wenn ein Politiker vor das Parlament tritt und geifert – Empörung darstellend – weil er angeblich so mitgerissen ist von seiner Emotion, gleicht das einem höfischen Zeremoniell. Und diese Empörung glaubt man nicht. Ich hätte gerne den lakonischen Politiker, der ans Mikrofon geht und ganz andere Sprechformen benutzt – beispielsweise die Ironie, das Infame, das Teuflische. Das fehlt dem Parlament. In dem Versuch populär zu sein, produziert Politik Gefühle und versucht sich über diese Welt, über das Affektive dem Wähler zu nähern. Sie ist aber nicht affektiv und wird auch nicht als solches empfunden. Nehmen Sie den Satz von Angela Merkel: „Ich bin froh, dass Bin Laden tot ist.“ Da öffnet sich plötzlich eine Spalte und man sagt, aha, all die codierte Emotionalität wird in dem Augenblick fadenscheinig, wo sich jemand am Tod eines Menschen erfreut.

Insofern doch ein durch und durch teuflischer Moment.
Ja, ein teuflischer Moment, der zumindest den Code bricht und der plötzlich etwas Darunterliegendes sichtbar macht. An solchen Sätzen zeigt sich, wie moros Moral ist. Und es wird offenbar, dass alle anderen moralischen Sätze immer auch an eben solchen echten Sätzen gespiegelt werden müssen.

Man sagt der Kanzlerin nach, Sie habe eigentlich einen guten, trockenen Humor und sei sehr wohl ironiefähig.
Ja, man sagt ihr das nach. Jetzt hat sie im SZ-Magazin auf die Fragen von 37 Prominenten antworten dürfen. Was für eine gähnende Langeweile und Uninspiriertheit…

… Auf Ihre Frage ist sie erst gar nicht eingegangen.
Nein, wie auf so vieles nicht. Ich hätte ihr das nicht zugetraut, weil ich unterschätzt habe, dass sie wie ein Staubsauger das allgemeine Meinen aufsaugt und dabei gleichzeitig bloß keine Kontur haben will. Ein guter Gedanke ist Kontur, eine Idee ist Kontur und Angela Merkel hat es zum Prinzip erhoben, diese Kontur nicht zu haben und dadurch Projektionsfläche für alles und nichts zu sein. „Was ist Ihr liebster Film?“ „Jenseits von Afrika“. Yawn, Yawn.

Insofern hat Sie die mediale Demokratie doch von allen am besten verstanden.
Man braucht ein wirklich glanzloses Individuum, um das zu können. Dass das Einzige, was vom Glanz Angela Merkels übrig bleibt, letztlich fleischfarbene Söckchen in Bayreuth sind, ist doch irgendwie ärmlich. Das Kränkende in und an dem Interview von Angela Merkel ist auch, dass ihre Antworten nicht mehr als ein allgemeines Rauschen sind, Antworten, die nichts schenken. Ein guter Gedanke ist ein Geschenk, ein starkes Gefühl kann ein Geschenk sein. Was Merkel macht, heißt einfach, einen Sinuston in die Welt setzen.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum man vor der Lust am besten Kind bleiben sollte

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Sehr geehrter Herr Stein,

Sehr geehrter Herr Stein,

verschonen Sie doch die von Ihrem Hause geschätzten Leser von dem selbstverliebten Gequatsche eines Herrn Roger Willemsen.
Ist er sich nicht - siehe Ihr Interview - selbst peinlich?

Und was macht Willemsen? Er kokettiert mit seiner eigenen Peinlichkeit und schwimmt wohlig auf der Woge von Reizbegriffen, wie beispielsweise Sexualpraktiken, Liebe und Gottesglaube.
Willemsen - ein Pseudo-Intellektueller.

Mit freundlichem Gruß

Bert Steffens
Freier Philosoph
Andernach

  • Antworten
Bert Steffens14.09.2012 | 10:58 Uhr

Ich finde Roger Willemsen

Ich finde Roger Willemsen sehr sympathisch und authentisch. Würde darauf tippen, dass Sie wohl ein Neider sind der selbst gerne in der Öffentlichkeit Gehör fände.

Mit freundlichem Gruß

Kunstschaffender Österreicher aus Leidenschaft

  • Antworten
Levi Athan18.10.2012 | 10:47 Uhr

Momentum

Es ist schon eine Weile her, da konnte ich von Neale Donald Walsch ein Werk lesen:"The Complete Conservations With God".Da schreibt einer unverholen, sowohl über "Eros" wie über "Gott".In Form eines Dialogs nicht "über" auch nicht "an".Vielmehr schreibt er "mit" Gott, im Wechsel,intuitiv, so aus einer mentalen Eingebung heraus.Verzweifelt, am Boden zerstört, ohne Job, kam ihm die Idee...
Für uns, vorallem aus deutscher Sicht, wohl kaum möglich, gleichsam
die " höchste Instanz " mal eben anzuschreiben.Er tut es so aus einem
"momentum", aus eigenem Anliegen,offen,frei bisweilen frech...Die Foge
eine Art Echolot,die sein eigenes Wissen,Empfinden wieder aktiviert.
Warum fragst Du, wenn Du es schon begriffen hast, worum es eigentlich
geht? Du hast es erfahren, konntest abwägen und jetzt willst Du von mir, Gott, Deine Lösung für Deine Probleme erreichen." Help yourself
and Gods helps you." Nicht neu, aber hier wieder durchgängiges Muster.
Wir wollen wissen, wie man es richtig macht.Im Leben,in der Liebe,im
Geschäft kurz im Alltag.Dabei wird verweigert,abgelehnt,gestritten,gemobt und auch hin und wieder negativ kommentiert...
Roger Willemsen vertritt dann doch wenigstens einen intellektuellen
Anspruch, seine Innenansicht zu äußern...hier das Wesentliche zum
Ausdruck zu bringen, ist dann schon schwer. Vor wechselndem Publikum,
wo jeder seinen eigenen inneren Bedürfnissen und Zweifeln nachhinkt.
Orientierungshilfe, vom Fachmann, ja,aber auch nur bedingt.Weil jeder
ist an sich mehr interessiert als am Gedankengut des Autors.Aber so ist das Leben. Ein offenes Spiel...Kreative Beteiligung wäre angesagt,wenn man es zuließe.Memento homine...

  • Antworten
Bernd von Frankenberg14.09.2012 | 17:07 Uhr

Wieviele

Lieben wurden durch Familien zerstört?

  • Antworten
Leo17.09.2012 | 14:49 Uhr

Der Geist, der auf den Hund gekommen ist,

sitzt im Fernseh und hört auf den Namen Roger Willemsen, plaudert mit Charlotte Roche, die durch dessen extensive Schilderung reich geworden ist, über Analverkehr und fühlt sich in den Verhältnissen, die sind, wie sie sind, pudelwohl. Alles sehr nett, alles sehr folgenlos.

  • Antworten
Thomas ex Gotha06.11.2012 | 19:35 Uhr

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