Sterben tut nicht weh und Palliativmediziner kriegen jeden Schmerz in den Griff? In Sachen Tod werden immer noch viele Unwahrheiten aufgetischt. Dabei könnten wir uns viel mehr zutrauen
Es war so beruhigend, was der Spiegel vor einigen Wochen in einer Titelgeschichte über das Sterben schrieb: Die Angst vor dem Sterbeprozess sei unnötig, hieß es da – und zum Beweis wurden Pflegedienste zitiert. Kathrin Dwornikiewicz etwa erklärte glaubhaft, auch Durchbruchsschmerzen eines Tumors „haben wir nach fünf bis zehn Minuten mit Medikamenten im Griff“. Dasselbe Argument nutzen aktuell die Gegner der Sterbehilfe: Kein Schmerz sei so schlimm, dass man ihn nicht behandeln könne. Aktive Sterbehilfe dürfe deswegen nicht erlaubt sein. Menschen, für die ein lebenswertes Weitermachen möglich wäre, hätten dann zu früh die Möglichkeit, sich davon zu machen.
Das alles klingt schön und man mag es nur allzu gerne glauben. Allein: Es ist nicht die Wahrheit. Wer einmal einen kranken Menschen am Sterbebett begleitet hat, der weiß, dass es Zeiten gibt, in denen die Medizin die Schmerzen nicht abschalten kann, in denen die Angst überwiegt, in denen die Sprachlosigkeit die Luft im Raum vergiftet, in denen die Hilflosigkeit alles überschattet.
Franz Müntefering trat vor fünf Jahren von allen seinen politischen Ämtern zurück, um die letzte Zeit mit seiner sterbenden Frau zu verbringen. Nun erhielt er den Ehrenpreis des deutschen Hospiz-und Palliativverbandes. Als er den Preis in den Händen hielt, sagte er: „Die Liebe zum Leben und die Lust auf Leben. Das muss bleiben. Bis zum Schluss.“ Müntefering hat seine Frau erlöschen sehen. Die Erfahrung hat ihn nicht zermürbt – im Gegenteil. Sie hat ihn stark gemacht.
Es sind viele Lügen im Spiel, wenn es ums Sterben geht. Lügen, die aus der Angst erwachsen. Dabei wird ein mutiger Umgang mit dem Tod in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger. Deswegen ist es an der Zeit, offen zu sprechen. Sterben kann sehr schmerzhaft sein. Eine hochentwickelte Gesellschaft wie die unsere stellt sich ungern den Momenten, in denen sie die Kontrolle verliert. Den Zuständen, bei denen Blut im Spiel ist, Körpersäfte, Fäkalien, Gerüche, Schreie oder Seufzer. Der Tod ist nicht sauber, nicht einfach.
Seite 2: Wolfgang Bosbach: Kontrolle bis zum Schluss











