Emotionsgeladene Flüchtlingsdebatte

Nietzsche hatte recht

Kolumne: Grauzone. Die Flüchtlingsdebatte ist ein Gefühlschaos. Empathie wird mit Mitgefühl verwechselt, Politik angeblich mit dem Herzen gemacht und Mitleid gilt als gestandene Ersatzreligion. Doch hinter all dem Lärm steckt oft die reine Selbstgefälligkeit

In der modernen Selbstoptimierungsgesellschaft wird die Unzufriedenheit zum Dauerzustand
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Unser Autor

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Es wird viel über Empathie geredet in diesen Tagen: über fehlende Empathie, über mangelnde Empathie oder auch über unzureichende Empathie. So richtig in Schwung kam der Empathie-Hype als Mitte Juli der bekannte Charakterdarsteller Til Schweiger die Verfasser dumpfer Kommentare auf seiner Facebook-Seite als „empathieloses Pack“ beschimpfte.

Damit gab der Großmime des öffentlich-rechtlichen Rundfunks den Ton vor. Plötzlich galten nicht nur ein paar ordinäre Dummköpfe als „empathielos“, sondern jeder, der der offiziell propagierten „Willkommenskultur“ skeptisch gegenübersteht und dafür plädiert, Politik nicht mit dem Herzen zu machen (oder was man dafür hält), sondern mit dem Verstand.

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Doch in so emotional aufgeheizten Zeiten fehlt es nicht nur an Vernunft, auch mit dem begrifflichen Unterscheidungsvermögen geht es rasch bergab.

Gauner brauchen Empathie
 

Denn unter Empathie versteht man zunächst die Fähigkeit, sich in eine andere Person hineinzuversetzen. Für ein soziales Wesen ist das eine Schlüsselkompetenz. Sie befähigt uns, unsere Mitmenschen zu lesen, ihre Handlungen und ihre Motive zu verstehen. Klingt banal, ist es aber nicht.

Empathie hat mit Moral also erst einmal wenig zu tun. Sie kann sogar für unmoralische Handlungen verwendet werden. Schlimmer noch: Sie ist sogar deren Bedingung. Ohne Empathie keine Manipulation. Jeder Trickbetrüger braucht ein starkes empathisches Vermögen.

Empathie ist nicht mit „Mitgefühl“ oder gar mit „Mitleid“ zu verwechseln. Jemand kann empathisch und vollkommen mitleidslos sein.

Simulierte Nähe in den Medien
 

Das hat auch damit zu tun, dass Empathie eine stark rationale Komponente hat. Sie setzt kulturelle und soziale Kenntnisse voraus, anders als das Mitgefühl oder das Mitleid. Hierbei handelt es sich um intensive Gefühle. Die jedoch beziehen sich immer auf konkrete Individuen. Die Reichweite ist also limitiert. Ehrliches Mitgefühl ist auf das engere soziale Umfeld jedes Einzelnen beschränkt.

Selbst der angeblich so sanftmütige Jean-Jacques Rousseau stellte daher trocken fest: „Es ist uns nicht gegeben, von den Unglücksfällen bei den Tataren oder in Japan ebenso berührt zu werden wie von dem, was einem europäischen Volk zustößt.“

War Rousseau Rassist? Mitnichten, er war Realist. Gefühle sind Nahbereichssensoren. Sie werden durch Reize der unmittelbaren Umgebung ausgelöst. Insbesondere Mitgefühl ist auf sinnliche Eindrücke angewiesen – und auf kulturelle, besser noch genealogische Nähe. Das mag hässlich klingen. Für ein Wesen, dessen Psyche eher für das Leben in Kleinsippen ausgelegt ist als in globalisierten Massengesellschaften, ist das allerdings nicht verwunderlich.

Elektronische Massenmedien simulieren Nähe. Sie schaffen eine paradoxe Situation: sinnliche Eindrücke von fernen Ereignissen. Darauf ist unser archaisches Emotionsmanagement nicht vorbereitet. Wir stehen vor zwei Möglichkeiten: Entweder wir folgen dem sinnlichen Eindruck und haben Mitleid mit jedem leidenden Wesen, auf das eine Kamera gehalten wird. Das überfordert uns emotional.

Oder wir blenden bedrückende Bilder konsequent aus. Das hält zwar den Kopf klar, bringt einem aber den Vorwurf der Hartherzigkeit ein.

Mitleid aus Selbstmitleid
 

Mitgefühl und Mitleid sind nicht nur biologische Programme, sie sind darüber hinaus hochgradig normativ besetzt – und zwar positiv. Verantwortlich hierfür ist das Christentum. Weshalb nach dessen Ableben ausgerechnet seine Mitleidsethik als Ersatzreligion firmiert, darüber kann man streiten.

Eine naheliegende Antwort hatte Friedrich Nietzsche parat: „Wo heute Mitleid gepredigt wird – und, recht gehört, wird jetzt keine andere Religion mehr gepredigt – möge der Psycholog seine Ohren aufmachen: durch alle Eitelkeit, durch allen Lärm hindurch ... wird er einen heisernen, stöhnenden, echten Laut von Selbstverachtung spüren“.

Nietzsches Argument: Der Mensch der Moderne ist selbstverliebt und eitel. Und weil er es ist, ist er permanent mit sich unzufrieden. In der modernen Selbstoptimierungsgesellschaft wird die Unzufriedenheit zum Dauerzustand. Also beginnt der Mensch zu leiden. In einer Gesellschaft aber, in der alle leiden – vor allem an sich selbst – wird die Fähigkeit zum Mitleiden fast zwangsläufig zur höchsten Norm: Mitleid geboren aus Selbstmitleid.

Natürlich wäre es schön, wenn Nietzsche irrte. Doch der penetrante Mitleids-Wettbewerb, der dieses Land in den letzten Wochen ergriffen hat, die streberhafte Selbstgefälligkeit, die darin zum Ausdruck kam, lässt befürchten: Er hatte recht.

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