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Demut vs. DrecksauDie EM der Schweigsamen

Von Timo Stein18. Juni 2012
picture alliance
Özil ist einer dieser leisen Kreativen. Ein beiläufiges Genie
Schrift:

Die Zeit der halbstarken Fußballprofis scheint vorbei. Das neue Motto der Elite heißt Demut statt Drecksau. Demut, die auch den Kommentatoren eines Fußballspiels gut zu Gesicht stünde

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Die eine Hälfte seines Vermögens habe er für Frauen und Alkohol ausgegeben, die andere sinnlos verprasst. So formulierte es George Best, der nordirische Flügelstürmer von Manchester United und wohl erste Rockstar des Fußballs. Der spätere Nachtlokalbesitzer war der wohl beste, gleichwohl der exaltierteste Spieler der 1960er Jahre.

Bildergalerie: Die Tierorakel der EM 2012

Derlei Extravaganzen sucht man bei den heutigen Fußballstars vergeblich. Die Kreativspiel-Generation um Özil, Messi, Iniesta und Xavi gibt sich bescheiden. Im Vergleich zu Best, Platini, Maradonna, Cruyff oder Netzer nimmt ihr Auftreten fernab des Platzes fast schon autistische Züge an. Zurück auf dem Rasen richtet sich ihre Konzentration sodann alleine auf den Ball, auf die Kunst des Spiels; hier werden sie zu Exzentrikern, zu gedankenschnellen Protagonisten des Sports, die aus einem normalen Spiel ein außergewöhnliches machen. Sie verkörpern Demut und Bescheidenheit, spielen schlau und leichtfüßig. Selbst ein aus dieser Rolle fallender Christiano Ronaldo bleibt in sportlicher Hinsicht ein Musterprofi, würde er doch mit nächtlichen Exzessen seinen Marktwert gefährden.

Die saufende und raufende Generation, sie stirbt, hat in Wayne Rooney und in Ansätzen vielleicht noch im italienischen Stürmer Mario Balotelli – der fußballerische Genialität bisher allerdings schuldig geblieben ist – wohl ihre letzten Ausläufer. Einige mögen das bedauern. Bemängeln stetig lauthals das Fehlen von Typen. Werden nicht müde, die „Drecksau“, den Häuptling zu fordern, einen, „der auch mal dazwischen grätscht“. Doch ist nicht die Abwesenheit von Spielertypen wie Effenberg und die neue Bescheidenheit heutiger Fußballgenies eher Segen denn Fluch?

Zinédine Yazid Zidane, der wohl vollkommenste Spieler aller Zeiten, hat diesen melancholisch, fast schwermütigen Typus geprägt. Diese schüchterne Eleganz. Ein kreativer Anführer, der mit leicht gesenktem Haupt über den Platz streift und dabei kaum Kommandos gibt. Der spielt und schweigt.

Leise Kreative. Beiläufiges Genies. Bei dieser EM prägen sie das Bild, bestimmen das Tempo. Der bisher auffälligste ist, neben Andres Iniesta, ein schon in die Jahre gekommener Italiener: Andrea Pirlo. Der Mann mit den wie in Stein gemeißelten, grob-kantigen Gesichtszügen überzeugt mit klugem Spiel und dem bisher einzigen direkt verwandelten Freistoßtor.

Etwas mehr Ruhe und Demut wünschte man sich da auch auf der Kommentatorentribüne. Wie das geht, zeigte sich im Spiel Irland gegen Spanien. Als die irischen Fans trotz eines Null-zu-Vier-Rückstandes in der Schlussphase minutenlang ihre Hymne „The fields of athenry“ sangen. Der Kommentator (Tom Bartels) schwieg und ließ singen. Bravo. Anders im Spiel Frankreich gegen die Ukraine. Dort wurde der Zuschauer – Achtung! Wortspiel auf ZDF-Kommentatoren-Niveau – minutenlang im Regen stehen gelassen.

Nach nur vier Spielminuten wurde das Spiel wegen des schlechten Wetters unterbrochen. Was folgte waren unzählige Minuten. Minuten der Einsamkeit. Allein mit Regenbildern und Béla Réthy. Der geübte ZDF-Kommentator begann sein anekdotenschweres Kommentatorensolo vermeintlich harmlos, stellte zunächst nüchtern fest, dass auch Superstars das Recht hätten, nicht vom Blitz getroffen zu werden. Ein Recht, das Réthy nicht aber für seine Person geltend machen wollte. Er blieb und gab alles. In solchen Momenten werden Kultkommentatoren geboren, wird Réthy sich gedacht haben.

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Ich lebe seit Jahren im Ausland, kann zwar deutsche Fernsehsender empfangen, sehe aber die EM auf den lokalen Programmen mit griechischem Kommentar. Kann die Sprache einigermaßen verstehen und vermisse die deutschen Kommentatoren samt ihrer Sportexperten-Cokommentatoren überhaupt nicht. Die Ausrutscher der deutschen Experten kann ich dann am nächsten Tag online in den Zeitungen nachlesen, falls es mir danach ist.
Meine Meinung: auch für den Sportkommentator gilt: less is more.
Manche schnelle Vorverurteilung von Spielern muß sonst am nächsten Tag wieder mit vielen peinlichen Wendungen und verbalen Verrenkungen zurückgenommen werden.

  • Antworten
zmyrni18.06.2012 | 18:05 Uhr

Komplexes Wechselspiel von Situationen

Schon in der Antike suchte man eine verwirklichte Einheit von Kunst und Sport, um ein entsprechendes Lebensgefühl zu veranschaulichen. Heute werden Idole für die Bierwerbung gesucht und in allen Formen vermarktet. Ja, lieber Timo Stein, der ZDF-Kommentator Béla Réthy scheint Maradona, Effenberg usw. zu vermissen, dann hätte man als Sportkommentator endlich wieder einmal was zu quatschen. Typen braucht das Spiel, den „blutgräschenden Simpel“, da kommt dann Stimmung auf. Weil es die in dieser Form nicht mehr gibt, kultiviert er seine Sprachbilder: „Die Kroaten stehen so engmaschig, wie ihre Trikots aussehen. Oder: „Alles auseinandergezogen, wie eine Ziehharmonika.“ Zum spanischen Spiel: „Mit klein klein zum Erfolg.“ Ein Fussballsport-Kommentator, sollte aufgrund von Spiel-Situationen gedankliche Schlussfolgerungen ziehen können, erklären und einordnen, Perspektive wahrnehmen und dreidimensionale Rotationen dem Zuschauer vermittel können. Medial hart geschnittene Nah- und Totalaufnahmen für den Fernsehzuschauer gedanklich zu verbinden ist schwer, schnelle Bewegungen, schnelle Wechsel von Szenen zu erklären und einzuordnen. Der Sportkommentator hat jedoch auf der Presse-Tribüne immer die Totale im Blick, wir als Fernsehzuschauer sehen immer nur Ausschnitte und schnelle Schnitte als visuelles Angebot. Der Vorgang der Wahrnehmung, die Koppelung von Sprache und Bildern ist die große Kunst. Die Bilder des Fussballspiels sollten mit den Worten und Sätzen interagieren, das führt zum besseren Verständis des Spiels. Béla Réthy scheint nur die Aufmerksamkeit zu suchen. „Wir geben nach Mainz zur Werbung ab.“

  • Antworten
bernhard jasper19.06.2012 | 12:00 Uhr

Si tacuisses Philosophus mansisses ?

Dass wir keine Patrick Vieras mehr im Fußball finden ist ein Problem.
Pöbeleien und Härte gaben dem Spiel nicht nur Würze, sondern auch Glaubwürdigkeit.
Natürlich gab es früher auch Götter im Fußball und die gibt es auch heute, allerdings waren diese Götter nicht von millionenschweren Werbeverträgen kastriert, sondern ließen durchblicken, dass Fußballgötter eben auch Menschen sind.
Wenn man mir heute einen Phillip Lahm vorsetzt, der quasi seine Antworten in Interviews vorgedruckt bekommt, dann könnte einem schon einmal der Trikotkragen platzen, denn soviel Charakterlosigkeit gehört bestraft. Da freue ich mich sogar mehr auf die Interviews mit unserem sympathisch-dümmlichen Poldi, der eben auch mal vergisst was ihm gesagt wurde und daraufhin wunderbare solo Gedankengänge präsentiert, die zwar schwer verständlich, aber immerhin seine eigene Meinung sind.
Sie plädieren allerdings in ihrem Artikel für einen leisen Sport, für einen Sport, der sich selbst vom Kontaktsport zum Eistockschießen diskriminiert. Für Spieler gilt : Klappe halten und schauen, dass die Sponsoren nicht sauer werden.
Damit würden wir unsere Emotionen aus sinnfreier Prüderie abschalten und Fußball nichtmehr als das sehen, was es ist : Unterhaltung und Religion.
Des weiteren hinkt ihr Vergleich mit den Irischen Fans und der Abgebrochenen Partie dermaßen, dass ich mich überhaupt fragen muss, wie Sie auf so etwas gekommen sind.
Wenn Irische Fans kurz vor dem Abpfiff einer Niederlage die Hymne "Fields of Athenry" anstimmen dann ensteht eine Gänsehaut-Atmosphäre, die ein jeder Kommentator mit seinem Geschwätz, am Ende einer Partie in der sowieso schon alles gesagt wurde, zerstören würde.
Wenn allerdings erst wenige Minuten gespielt wurde und das Spiel wegen eines Schauers vorerst unterbrochen wurde, dann steht der Kommentator in der Schwebe. Findet sich in einer Situation wieder in der innerhalb der nächsten dreiviertelstd. alles passieren kann, vom Wiederanpfiff bis hin zum "ZDF-Fußballstrand". Also bitte verzeihen Sie einem sonst immer wunderbar eloquenten und vor Humor strotzendem Béla Réthy (Über Ronaldo : "Der kann ja vor Cojones kaum noch laufen !"), der es versteht über Fußball in einer Art und Weise zu berichten, die ihrer vor faschistoidem Pseudointellektualismus starrender, stocksteifen Art derartig aufstößt, dass Sie sich anscheinend genötigt fühlen, selbstgefällige Artikel wie diesen zu schreiben.
Dies war der nächste, meiner Meinung nach, desaströse Artikel in einem Online-Angebot, das die Cicero sich hätte sparen können. Über Fußball kann nicht berichtet werden, wie über Weltpolitik. Fußball ist etwas ganz eigenes, emotionales und so möchte ich es auch weiterhin genießen dürfen, als etwas banales, was trotzdem so wunderschön ist, dass man sich nicht dafür schämen muss seinem Hirn eine Auszeit zu geben und - ein wenig vulgär - Schiedsrichtern eine Sehbehinderung zu unterstellen ,oder einem Spieler mit nicht zufriedenstellender Leistung den Wert einer leeren Flasche zu attestieren.

" Ich habe fertig !"

  • Antworten
Luìs25.06.2012 | 14:03 Uhr

Oha... Kommentatoren sind nicht mehr nur im TV zu finden..

sondern auch inzwischen täglich, leider meistens regelmäßig unter jedem Artikel der großen Tageszeitungen, Magazine usw., die ihr journalistisches Angebot KOSTENLOS Lesern zur Verfügung stellen, die sich anscheinend nur noch über das Gelesene aufregen wollen. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Altherrenwitze des Herrn Réthy weder etwas mit "einem sonst immer wunderbar eloquenten und vor Humor strotzendem" Moderator zu tun haben noch irgendwelche wirklich interessanten Informationen beinhalten. Aber das ist Ansichtssache. Was ich viel unterhaltsamer finde ist die von Lesern anscheinend selbst heraufbeschworene und angenommene Herausforderung, mit ihren Kommentaren noch mehr Zeichen und somit noch mehr Wind zu machen als die Autoren der Artikel selbst. Vielleicht sollte ich in Zukunft meinem Klempner auch noch ein paar Rohre zum Verlegen zusteuern, wenn er sich gerade an meinem Abfluss zu schaffen macht - um Béla Réthys "vor Humor strotzenden" Beschreibungen eines Sachverhaltes alle Ehre zu machen habe ich das besonders gewissenhaft formuliert. Denn was der Klempner in jahrelanger Ausbildung gelernt hat, kann ich schon längst. Schließlich habe ich alle Folgen von "Hört mal wer da hämmert" gesehen. In diesem Sinne: schöne Rest-EM!

  • Antworten
Claudia P.26.06.2012 | 20:05 Uhr

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