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 > Schriftsteller und Casino-Kapitalisten

Salon

Gefühlswelt der 68erSchriftsteller und Casino-Kapitalisten

Von Ingo Arend12. Juli 2012
picture alliance / Suhrkamp
Bernd Cailloux: "Gutgeschriebene Verluste"
Bernd Cailloux: "Gutgeschriebene Verluste"
Schrift:

Ohne Rücksicht auf Verluste zieht Bernd Cailloux in seinem neuen Roman „Gutgeschriebene Verluste“ die Lebensbilanz von jemandem, der von Bilanzen nie viel wissen wollte. Eine perfekte Kombination aus Soziologie und Ironie

«Fakt war, dass ich kurz vor den mir höchst vertrauten Elbbrücken stand und in meinem parkenden Auto die letzten Minuten als Bewohner dieser Stadt verbachte. War ich hier einfach bloß gescheitert? Oder handelte es sich um die Fortsetzung einer Wanderschaft, die ihre innere Logik hatte?»

Den alternativen Light-Show-Unternehmer, der Ende der siebziger Jahre Hamburg den Rücken kehrt, weil die «antikapitalistische Idee» im Geld ertrank, kennen Freunde der Prosa von Bernd Cailloux. Dieser Kreativwirtschaftler avant la lettre hatte am Ende von Cailloux’ 2005 erschienenem Debütroman «Das Geschäftsjahr 1968/69» Düsseldorf verlassen und sich nach Hamburg aufgemacht. Im neuen Werk sitzt er nun im Mekka der Gegenkultur, in Berlin, im Café «Fler». 60 Jahre alt ist der «Märtyrer des Müßiggangs», wie er sich selbst spöttisch nennt, inzwischen geworden.

Bildergalerie: Literaturen: Die beste Belletristik der Buchmesse Leipzig 2012

Natürlich kann man das siebte Buch des 1945 geborenen Schriftstellers als Fortsetzung des gefeierten Erstlings lesen. Vor allem aber fungiert «Gutgeschriebene Verluste» als emotionales Gegenstück zum «Geschäftsjahr». Dort hatte Cailloux die Bruchstelle zwischen Subkultur und Kommerz vermessen. Nun lotet er diejenige zwischen Gemüt und Geschichte aus. Zwar ist das Buch auch ein Berlin-Roman der achtziger Jahre: eine Erinnerung an die pansexuelle Schöneberger Bohème rund um den Winterfeldtplatz; selbst der kürzlich verstorbene Pop-Artist James Rizzi kommt darin vor. Doch die authentische Kulisse dient Cailloux als Folie, um eine Seelenlandschaft zu entfalten.

Der Stein kommt ins Rollen, als der Ich-Erzähler eines Abends die attraktive Mittvierzigerin Ella kennenlernt. Im Spiegel der turbulenten Beziehung zu ihr entsteht das Bild eines abgeklärten Aussteigers, der sich als freier Kritiker über Wasser hält. Und nur knapp eine Hepatitis C überlebt hat. Zugleich ist der bindungsschwache Erotomane ein paradigmatischer Vertreter der Spezies, die er selbst «hedonistische Mitläufer» der 68er nennt. Schon erstaunlich, wie gut der verstaubte roman mémoire des 18. Jahrhunderts für die zeitgenössische Identitätsarbeit taugt – und das, ohne dass Cailloux auf sein Erfolgsgeheimnis verzichten muss: die Mischung aus präziser Soziologie und lässiger Ironie.

Wirklich ausgezahlt hat sich der «Königsweg der Unangepassten» für seinen sympathischen Anti-Helden nicht. Am Ende steht ein «Geringverdiener mit undeutlich bleibendem Potential». Dessen Beziehung mit Ella zerbricht, und selbst Postmaterialisten dürften Mühe haben, die Defizite dieser Lebens-Bilanz in «gutgeschriebene Verluste» umzudeklarieren. Aber vielleicht will Cailloux mit dem paradoxen Titel ja daran erinnern, dass Schriftsteller und Casino-Kapitalisten einander gar nicht so unähnlich sind. Beiden gelingt es immer wieder, reale Verluste in Buchgewinne zu verwandeln.

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Das Selbstbetrugssystem der Spät-Moderne, um nicht zu sagen Postmoderne, ist der nahezu unumschränkte Glaube an den Fortschritt, da alle denken die Dinge der Welt wären in der linken Westentasche der Sozial-
Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler.
Aber die Dinge werden ob ihrer zeitlich übereinstürzenden Fülle versacken und ihr eigenes, unvorhersehbares
Schwergewicht entwickeln, welches möglicherweise explosive Wirkungen zeitigt.
Um dem einigermaßen vorzubeugen bedarf es drastischer Mittel:
Die Schieritz´sche polit - ökonomische „Theologie“ des bekannten Zeit-Autors, ist erst der Anfang einer Art Euro – Theologie, die nun
langsam aber sicher seitens FDP – Lambsdorffs, Grün – Tittins, SPD – Gabriels und CDU – Schäubles un-
weigerlich zu erwarten ist.
Die marxistische Konvergenz – Taube Habermas, ist der Glaubensverwalter der Politischen Theologie des
geläuterten, guten Anti – Deutschen von Links - Hegels Gnaden.
Diese hat das intellektuelle Millieu Deutschlands in Politik und Journalismus, in Richtung einer heute typisch
gestelzten „allumfassenden“ , alles kommunizierbaren Halb – Bildung eingenebelt.
In diesem Nebel stochert die gesamte Euro – Rettung eines heillos apologetischen Machbarkeitswahns, die sich dann auch einer Habermas`schen Diskursethik bedient, welche die besseren Argumente der Gegenseite (darunter A. Kluge, H. M. Enzensberger, Botho Strauss.)
im Großen und Ganzen außen vorhält, da die Habermasche Metaethik des „sozialistischen“ Euro, das Gute
per se verkörpert.
Zu dieser Art das Gute Verfechtende, ist weder Bernd Cailloux noch ich – Zeitgenosse und guter Bekannter - zu
zählen; denn seit „Intime Paraden“ ist sie auch in ihren intellektuellen Verbiegungen (Simulation) bei ihm ein
durchaus suspektes, in vielerlei Ironie gebrochenes Spielmaterial; gelegentlich verwundet wie ein Schrapnell,
schießt manchmal die Pointe in das Lachgeaffere der Scenemenschen in Schöneberg und sonstwo.
„ Alle Gewässer haben die Farbe des Ertrinkens.“ ; „Wir lieben immer noch – dennoch; und dieses >dennoch<
verhüllt ein Unendliches“. E. M. Cioran. peter kloss berlin.

  • Antworten
petervonkloss13.07.2012 | 01:03 Uhr

Reizvoll

Reizvoll

  • Antworten
Horst H Hoos18.07.2012 | 21:49 Uhr

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