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Kapital

Occupy FrankfurtWie die Weltrevolution im Zeltlager scheitert

Von Constantin Magnis27. November 2011
picture alliance
Occupy, Frankfurt, Ackermann, Freiluftküche
Freiluftküche im Camp der Occupy-Bewegung in Frankfurt
Schrift:

In einem Frankfurter Camp bemüht sich die Occupy-Bewegung eine schöne neue Welt zu erschaffen. Bisher vergeblich. CICERO-Reporter Constantin Magnis verbrachte vier Tage mit den Protestlern

Seite 1 von 3

Dieser Text ist eine Kostprobe aus der Dezember-Ausgabe des CICERO mit dem Schwerpunkt Familie. Jetzt am Kiosk - oder hier zum Bestellen im Shop.

Schlag Mitternacht, auf dem Hügel über dem Zeltdorf tanzt ein runzliger Mann im Mondlicht wie Rumpelstilzchen. Der Mann nennt sich Dr. Joe. Er stammt aus Jamaika, trägt eine Militäruniform und hat seit drei Tagen nicht geschlafen. Zu peitschenden Reggae-Beats springt er auf einer Holzpalette in rasender Geschwindigkeit von einem krummen Bein auf das andere und spielt Luftgitarre. Ein paar Meter weiter steckt ein Mann kopfüber in einem Müllcontainer, nur die Beine schauen heraus. Er sucht etwas, findet es nicht, krabbelt aus der Tonne, betrachtet den irr tanzenden Alten, schwankt dann auf ihn zu. „Yeah“, ruft er, „you’re so fucking full of yourself, aren’t you?!“ Er torkelt weiter, bricht hinter einem Busch zusammen, bleibt liegen. Willkommen im Frankfurter Occupy-Camp!

„Nicht zu viel erwarten“, hatte die Stimme am Infotelefon vorher gewarnt, das Camp sei nicht repräsentativ: Berufstätigen fehle die Zeit für wochenlange Proteste im Zeltlager, die spendenfinanzierten Mahlzeiten und Zelte zögen dagegen Obdachlose und Trinker an. Es war die Stimme von Frank Stegmeier, 42, Familienvater, von Beruf Promoter. Seines war das erste der jetzt über 100 Zelte am Fuß des Turms der Europäischen Zentralbank (EZB), nun ist er einer der freiwilligen Ordner im Camp.

Bislang eint die globale Protestbewegung Occupy kaum mehr als der Wunsch nach einer gerechteren Wirtschaftsordnung. Hinter diesem kleinsten, gemeinsamen Nenner sammeln sich auch in Frankfurt so viele Ziele wie Typen: Dr. Joe ist einer davon, Frank ein anderer. Mit ernster Miene und Warnweste schreitet er durch das Dorf aus Sperrmüll und Zeltplanen im Schatten der Bankentürme. „Leute, nicht mit den Fingern, bisschen Hygiene muss schon sein“, mahnt er einen Mann, der am Buffet der Feldküche mit schorfigen Händen die Wurstplatte durchpflügt.

Franks Thema ist die Bürgermitbestimmung. Dafür demonstriert er seit Monaten, betreibt einen You-Tube-Kanal, ließ sich für die Freien Wähler im Stadtparlament aufstellen. „Als Anfänger hast du da aber keine Chance, was zu verändern“, erzählt er. Als ihm das zu blöd wurde, ging er wieder, landete schließlich hier. Weil Occupy undogmatisch sei, 100 Prozent demokratisch, und hier alle Stimmen der Gesellschaft gleich viel zählten. Egal woher sie kämen.

„Das reicht, der Typ braucht einen Platzverweis!“ Ein Aktivist im Strickpullover zeigt auf einen der rumänischen Trinker auf der Parkbank. In dessen Arm lehnt eine halb bewusstlose, voluminöse Blonde, er versucht sie zu küssen, sie will nicht. „Der hat jetzt schon ein paar Mal gegen Zelte gepisst und vorhin auf die Wiese gekotzt“, erklärt Jürgen, ein Okkupant mit halblangem, grauem Haar. „Und letzte Nacht wurde schon wieder einem ins Zelt geschissen“, sagt er augenrollend, als der Trinker sich getrollt hat. „Bahnhofsviertel halt: Erst kamen die Obdachlosen, dann die Junkies, und irgendwann kamen Russen mit Schlagringen, die hier die Zelte ausgeräumt haben.“ Vier Laptops wurden gestohlen, Dutzende Handys und Geldbeutel, inzwischen ist das Problem halbwegs im Griff. „Wer hier Ärger macht, fliegt raus“, sagt Jürgen. „Ne Suppe kriegt er trotzdem, falls er wiederkommt.“

Lesen Sie weiter, wie Occupy aus dem Finanzhochhaus nebenan wahrgenommen wird.

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Das ist das wirklich

Das ist das wirklich beängstigende an unserer Zeit: Dass sich unter der Flagge der Toleranz und der Demokratie am Ende doch nur die Toleranzlosigkeit und die Diktatur der Masse verbirgt...Ich finde das ist auch dieser Reportage - auch wenn sie der Occupy Bewegung wohlwollend gegenüber stehen mag - deutlich anzuhören. Die, die sich ausgegrenzt fühlen, können darauf doch nicht anders antworten als mit Ausgrenzung...

  • Antworten
G L.28.11.2011 | 22:07 Uhr

Besonders der Anfang des

Besonders der Anfang des Artikels ist arrogant geschrieben, aber es sei dem Verfasser verziehen: Im kapitalismus verdient man sein Geld auf Kosten der Anderen sei es das man sich über sie lustig machen muss. Die Occupay Bewegung ist sehr ernst zu nehmen, denn sie zeigt uns wie sich eine Gesellschaft in der man nicht mehr liebevoll und respektvoll miteinander umgeht präsentiert, siehe Artikel und sämtliche andere Berichterstattungen die nicht mit dem Herzen geschrieben sind. Ich freue mich jedenfalls schon auf die Demonstration am Samstag.Und kann nur jedem empfehlen zu kommen und zu erleben was da passiert.

  • Antworten
Anja Baeckmann29.11.2011 | 11:18 Uhr

Besser hätte es T.C. Boyle auch nicht schreiben können...

Danke für diesen Bericht und bitte mehr davon.

Factual Fictions gibts dazu in Romanform: T.C. Boyle: Drop City

  • Antworten
Markus29.11.2011 | 13:07 Uhr

it's cool man

War letztes Wochenende dort, um mir mal die Hauptdarsteller anzusehen. Hatte vergessen, dass die Leute einen schon wegen der Klamotten in ihre entsprechenden Fächer sortieren. Jedenfalls ist 'ne B-52-Piloten Lederjacke mit Lammfell der totale Flopp.
"Ey, was isn das für einer?" zeigte eine Occupy-Tusse auf mich, "spionierste hier rum oder was?"
Ich: "Nö, nur mal gucken."
Ein Occupist: "Verpiss dich du Arschloch!"
Und dann dieses durchringende Odeur von Pisse und Kotze und Gras. Und alle mit diesem irren Leuchten in den Augen, als würde demnächst der Messias persönlich hier aufkreuzen oder die Weltrevolution ausbrechen. Und womöglich fängt die genauso an wie die letzte: das Fußvolk im Tran und in Erwartung auf irgendeinen Lenin, der sagt wo es langgeht. Egal, am Samstag werde ich mir die Sache noch mal geben. Aber vielleicht haben die dann bereits eine Art Tscheka, die mich schon am Eschersheimer Turm abfängt.

  • Antworten
Rainer Gebhardt01.12.2011 | 09:46 Uhr

das beste für das Camp wäre

das beste für das Camp wäre derzeit, dass es geräumt wird. Es wurden zuviele Fehler am Anfang gemacht, die sich jetzt komplett durch die letzten Wochen gezogen haben und nun dem Camp sehr schaden. Es bricht unter seiner eigenen Last zusammen.
- Aber wer hat gesagt, dass es in Frankfurt nur eine Occupy Bewegung geben muss?

  • Antworten
GEH02.12.2011 | 09:52 Uhr

Arrogant?

Nur mal ins Unreine gedacht: Was wäre, wenn der Autor es tatsächlich so erlebt hat?

Anja unterstellt Arroganz, Bezahljournalismus. Das ist eine Wahrnehmung, die mir im Umfeld von Occupy Frankfurt immer wieder unterkommt: Die anderen sind böse, wenn sie nicht positiv berichten, die Presse sowieso gesteuert.

Bedauerlicherweise ist kaum Selbstreflektion zu erkennen. Ein klassischer Kampf zwischen Gut und Böse lässt das wohl auch nicht zu.

Occupy Frankfurt hat sich mit dem Camp in eine selbstgewählte Einbahnstrasse begeben, die sich nun zusätzlich als Sackgasse herausstellt. Das Camp frisst die meiste Energie, nicht die Sache — und das Camp funktioniert trotzdem nicht zufriedenstellend. Ich habe nachgefragt: Die Schilderungen in Constantin Magnis' Artikel werden im Camp nicht bestritten.

Eine Beendigung des Camps wäre konsequent und könnte — mit der richtigen Argumentation — sogar gut verkauft werden. Allerdings würden die meisten Aktivisten das eher als Niederlage einstufen.

Es ist mir unbegreiflich: Da sitzen Menschen im Zentrum Frankfurts und wollen grundsätzlich in die richtige Richtung, doch eigentlich dreht sich alles nur um sie selber. Ein paar frierende Menschen in Zelten. Dass in den Türmen über ihnen munter weiter mit Nahrungsmitteln spekuliert wird, weswegen täglich Menschen verhungern, wird vermutlich als Kollateralschaden angesehen.

  • Antworten
Frank Jermann02.12.2011 | 10:11 Uhr

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