Homöopathie

Industriell hergestellte Ganzheitlichkeit

Die alternative Medizin boomt. Immer mehr Menschen nehmen homöopathische Globuli. Die Anbieter produzieren industriell, um die Nachfrage nach den Arzneimitteln mit der ganzheitlichen Aura zu stillen. Wie geht das zusammen?

Homöopathie: Die Pflanzen werden mit Gold gedüngt...
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Unser Autor

Stefan Tillmann ist Textchef beim Berlin-Magazin zitty und freier Autor für Wirtschaftsthemen. Zuvor absolvierte er die Deutsche Journalistenschule und war Parlamentsredakteur bei Capital und Financial Times Deutschland.

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Spätestens an diesem Morgen in der Produktionshalle in Schwäbisch Gmünd verliert die Baldrianwurzel ihre Unschuld. Ein Brei ist sie schon, aber nun rollt ein elektrischer Hebewagen über den Fliesenboden und kippt die Masse in einen Riesenkessel aus Edelstahl. 800 Liter fasst der Behälter, darin wird der Brei erhitzt und eine halbe Stunde am Siedepunkt gehalten. Dann lässt Thomas Armbruster die Flüssigkeit abkühlen und zwölf bis 36 Stunden ziehen, bevor sie zur Weiterverarbeitung an einen anderen Produktionsstandort in Frankreich gefahren wird und jene Kügelchen herauskommen, die Globuli heißen, in diesem Fall: Calmedoron.

Hier, in der Halle von Thomas Armbruster, sind zwei Welten zu besichtigen: Der Biotechnologe arbeitet für Weleda, ein Unternehmen, das sich in der Tradition der Anthroposophie sieht. Rudolf Steiner, der Vater der Waldorfschulen, ergänzte einst Schulmedizin und Homöopathie um Spiritualität, um die Erforschung des menschlichen Geistes und der Gestirne. Aussaat und Ernte werden nach dieser Denkschule sogar auf die Mondphase abgestimmt. Weil aber die Nachfrage nach anthroposophischen Mitteln steigt und steigt, stößt die anthroposophische Medizin gerade auf die Gesetze der Arzneimittelindustrie, in der es um Masse, Effizienz und Zuverlässigkeit geht und weniger darum, wann wie der Mond scheint. In dieser Welt werden nicht nur gute Zuhörer und behutsame Gärtner gebraucht.

Und deshalb ist Thomas Armbruster hier, 44, kurz geschorene Haare, Leiter Tinkturherstellung bei der Weleda AG, Weltmarktführer für anthroposophische Arzneimittel und Naturkosmetika. Armbruster muss die zwei Welten zusammenbringen, es ist die Quadratur der Kügelchen. Steinkrüge für den Baldrianbrei? Geht nun mal nicht bei den Mengen, also Edelstahlkessel, das verlangen auch die Industriestandards. Erhitzen des Breis ohne elektromagnetische Strahlen? Okay, man kann auch Dampf einsetzen. Armbruster sieht das alles ziemlich pragmatisch. Seine Lieblingspflanze ist die Ringelblume, weil Weleda die in großen Mengen erntet. „Und weil Menge mehr Umsatz und mehr Gewinn bedeutet.“ So ein Satz hört sich nicht besonders ganzheitlich an, vielleicht hat das damit zu tun, dass Armbruster früher bei den „Bösen“ gearbeitet hat, wie er sagt: einem Start-up für Genforschung.

Aber es gibt hier ja noch Menschen wie Stefan von Löwensprung. Von Löwensprung, 46, eher schmächtig, ist so etwas wie der Idealtypus eines Anthroposophen und der Gegenentwurf zu Armbruster. Er ging auf die Waldorfschule, zum 14. Geburtstag wünschte er sich einen Besuch im Weleda-Erlebniszentrum. Schon vor seinem Medizinstudium wusste er, dass er danach eine anthroposophische Weiterbildung machen würde. Später arbeitete er in anthroposophischen Kliniken und Praxen, versuchte, mit Mistelpräparaten die Leben von Krebspatienten im Endstadium zu verlängern. Er sagt, einige wären früher gestorben, wären sie früher operiert worden.

Seite 2: Pflanzen werden mit Gold gedüngt

Heute ist von Löwensprung Mitautor des Handbuchs für Naturheilpraxis und eine Art Berater des Weleda-Konzerns. Er gehört der anthroposophischen Christengemeinschaft an, er kann minutenlang Rudolf Steiner zitieren, im Bücherschrank zu Hause hat er die Gesamtausgabe. Armbruster dagegen findet, dass man die 100 Jahre alten Steiner-Texte im Original kaum lesen kann. Aber im Kollegenkreis redeten sie manchmal über die Theorien, sagt er. Während im Hintergrund der Kessel vollläuft, spricht von Löwensprung leise, Armbruster laut.

Weleda braucht beide. Es ist ein schma­ler Grat zwischen dem individuellen Ansatz und der industriellen Produktion, zwischen Überzeugungen und einem Geschäft, das Kompromisse verlangt. Die Gesundheitsbranche boomt im alternden Deutschland fast von selbst. Und es wundert nicht, dass im allgemeinen Biotrend die alternative Medizin besonders profitiert.

Es ist ein unübersichtlicher Markt von Anbietern entstanden, die vielfach weiter Probleme haben, die Wirksamkeit ihrer Produkte zu beweisen. Gekauft werden die Mittel so oder so: Homöopathische und anthroposophische Mittel machten im September 2012 zwar erst gut 1 Prozent vom Zwei-Milliarden-Umsatz der Apotheken aus. Die Umsätze wachsen aber zweistellig, während der Apothekenmarkt insgesamt stagniert. Um die Nachfrage zu stillen, müssen die Firmen industriell produzieren, auch wenn die Heilpflanzen noch so schonend angebaut werden.

Die Luft über dem Acker ist kalt an diesem Morgen, den Himmel verhängt eine graue Wolkendecke. Das Gelände bei Schwäbisch Gmünd gehört zu Weledas größter Anbaufläche. Auf 22 Hektar wachsen 450 verschiedene Pflanzenarten, viele auf 50 Quadratmeter großen Beeten. Manche Beete werden mit Gestrüpp abgedunkelt, um Prozesse im menschlichen Darm nachzustellen. Pflanzen wie Johanniskraut werden mit Gold gedüngt, weil das das natürliche Sonnenmetall sei. Stefan von Löwensprung etwa ist ein regelrechter Fan des Goldes. Er rechnet vor, dass in einen 20-Liter-Malereimer 400 Kilogramm Gold passen, und dass sich ein Gramm Gold zu einem Faden von einem Kilometer strecken lässt. Was für eine Dichte! Welche Elastizität! Das Gold passe einfach perfekt zum Herzen.

An diesem Morgen werden die Baldrianwurzeln geerntet. Eine Maschine pflügt über den Acker, sie lockert den Boden, dann klauben Saisonkräfte die Wurzeln heraus. Wurzelbestandteile wirken nach der anthroposophischen Lehre in Richtung des zentralen Nervensystems und Baldrian wirkt beruhigend. Wenn sich im Herbst die Kräfte in die Wurzel ziehen, ist aus Sicht der Steiner-Schüler die beste Zeit zur Ernte. Solange nicht Vollmond ist, denn dann ernten Anthroposophen nicht.

Seite 3: Kaffee gegen Schlaflosigkeit

Der deutsche Arzt Christian Hahnemann hatte im 19. Jahrhundert die Homöopathie mit zwei Prinzipien begründet. Ähnliches soll mit Ähnlichem geheilt und die Mittelchen stark verdünnt werden. Die Homöopathen gehen davon aus, dass Substanzen, die bei einem gesunden Menschen bestimmte Symptome auslösen, dieselben bei Kranken lindern. So soll Kaffee ein Heilmittel gegen Schlaflosigkeit sein. Hahnemanns Konzept griff Rudolf Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts auf.

Aus der Idee ist ein Geschäft geworden. Weleda macht heute über 300 Millionen Euro Umsatz. Das klingt im Vergleich zu Pharmaunternehmen wie Bayer HealthCare Pharmaceuticals und Boehringer Ingelheim mit jeweils über zehn Milliarden Euro Umsatz fast bescheiden. Weleda führt aber mit 1400 Arzneimitteln wesentlich mehr Produkte als die Konkurrenz, die gern auf wenige Kassenschlager setzt.

Weleda produziert bis heute auch für den Einzelfall. Doch oft wird Massenware hergestellt, wie bei den Baldrianwurzeln, die zu Calmedoron werden. Die Kügelchen sollen gegen Schlafstörungen helfen.

Globuli sind die Klassiker unter den Mitteln, diese weißen Streukügelchen, die sich Kranke unter die Zunge schieben sollen. Viele Eltern verabreichen die Mittel ihren Kindern. Die Naturprodukte werden schon keinen Schaden anrichten – und wer weiß: Vielleicht helfen sie sogar. Es ist eine andere Denke, die nicht auf Beweise der Wirkung setzt, keine evidenzbasierte Medizin mit ihren klinischen Teststudien. In dieser Welt geht es um Individuen und die Ganzheit von Körper und Seele.

Ein Tag nach der Ernte. Die Wurzeln landen drüben in der Tinkturenherstellung, in Thomas Armbrusters Halle. Abgeschliffener grauer Boden, keine runden, geschwungenen Formen, dafür leistungsstarke Deckenleuchten. Ganzheitlich? „Was habe ich davon, wenn ich stattdessen mit offener Flamme arbeite und mir alle zwei Tage die Bude abbrennt“, sagt Armbruster.

Männer mit Haube und Mundschutz waschen und trocknen die 450 Kilogramm Wurzeln, die verlieren dabei 80 Prozent an Wasser. Sie zerkleinern und kippen sie in ein Fass. Blieben die Pflanzen zu lange an der Luft, würden sie braun werden wie aufgeschnittene Äpfel. Deswegen wird ein Extraktionsmittel darübergegeben: Ethanol, Bioethanol natürlich.

Seite 4: An die Schaukel darf nur, wer sich spirituell dazu in der Lage sieht

Nachdem der Baldrianbrei zur Tinktur geworden ist, beginnt in der Industriehalle das, was Zweifler Hokuspokus nennen würden. Die Tinktur wird verdünnt, Homöopathen und Anthroposophen sagen: potenziert. Niedrige Verdünnung wirke auf den Stoffwechsel, glauben die Anthroposophen, hohe auf das Nervensystem.

Abgefüllt in ein Flakonglas, legt ein Mitarbeiter die Tinktur in eine Schaukel aus Edelstahl. Je nach Vorgabe mischt er die Tinktur unterschiedlich oft hintereinander und schaukelt sie. Weleda schwingt die Schaukel in Form einer liegenden Acht, der homöopathische Marktführer, die Deutsche Homöopathie-Union, führt die Tinktur hoch und runter – zum Erdmittelpunkt. An die Schaukel dürfen nur Menschen, die sich spirituell dazu in der Lage sehen. Thomas Armbruster sagt, wenn ein Mitarbeiter einen schlechten Tag habe, solle er sich nicht an die Schaukel stellen. Er selbst macht das ohnehin nicht. „Ich könnte mich da nicht drauf einlassen und würde an meine Kinder denken oder an meine nächste Aufgabe.“

Die Substanzen werden verdünnt, so stark, dass die Wirkstoffe kaum nachweisbar sind. Es gibt viele Menschen, die das alles für ziemlichen Unsinn halten. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, nannte bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2010 die Homöopathie ein „spekulatives, widerlegtes Konzept“. Im Herbst ist ein Buch erschienen, „Die Homöopathie-Lüge“ heißt es, darin beklagen die Medizinjournalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann, die Erfolge seien nicht standardisiert nachgewiesen worden. Bestenfalls seien es Placebo-Effekte. Sie sagen, wenn Krankenkassen Homöopathie anerkennen, müssten sie ebenso eine Pilgerfahrt nach Lourdes bezahlen. Viele Schulmediziner machten nur mit, weil es sich gut abrechnen lasse. Die Ziffer 30 der Gebührenordnung gestattet den Ärzten eine homöopathische Erstberatung über eine Stunde mit 52,46 Euro.

Stefan von Löwensprung kennt die Kritik, er widmet sich bei Weleda seit Jahren der Schulung von Ärzten. Er sieht sich nicht im Gegensatz zur Schulmedizin. Anthroposophische Ärzte hätten schließlich Medizin studiert, sagt er. Er will die Schulmedizin ergänzen. Dennoch kritisiert er sie. Normale Arzneimittel seien Antipräparate, die Pathologien nur unterdrückten.

Homöopathische und anthroposophische Mittel dagegen würden dem Organismus die Möglichkeit bieten, dass er reagieren kann, und Selbstheilungskräfte fördern. Gold fürs Herz, Mistel gegen Tumore. Der Beweis fehlt gleichwohl: trotz Homöopathischem Arzneibuch, nach dem sie arbeiten, und der Zulassungsgenehmigung, der auch die Natur­arzneimittel unterliegen. Die Wirkung der Arzneimittel soll vom einzelnen Patienten abhängen – von seiner Laune und dem sozialen Umfeld.

Bei den Calmedoron-Kügelchen ist das ein bisschen anders. Die beruhigende Wirkung von Baldrian ist allseits bekannt. Und die Kügelchen werden am Fließband produziert. „Calmedoron ist nicht individuell“, sagt Stefan von Löwensprung. Für ihn kommt es auf die „innere Einstellung des Arztes an, wie er das verordnet“. So würde aus einem Massenprodukt am Ende doch ein „Kulturarzneimittel“.

Seite 5: Zehn Gramm für fünf Euro

Auch wenn nach der anthroposophischen Lehre keine Materie ohne Geist besteht: Die Maschinen, die im Gewerbegebiet im französischen Huningue aus den Tinkturen aus Schwäbisch Gmünd ein Medizinprodukt machen, wissen von alldem vermutlich wenig. Huningue ist ein Ort im Dreiländereck neben Basel, auf der anderen Rheinseite liegt das deutsche Weil am Rhein.

Am Tag, an dem der Baldrian zur Ware wird, scheint draußen die Sonne. Die Baldriantinktur befindet sich jetzt in einem braunen Glasflakon. Als Gemisch mit anderen Tinkturen, die im Laufe des Jahres hergestellt werden: Hafer, Kaffee, Hopfen, Passionsblume, so weit alles klar, alles bio. Dann drückt die Produktionsleiterin Sandra Chiffaut einen Knopf, und die Tinktur wird über Schläuche in eine Maschine gepumpt, die aussieht wie eine Industriewaschmaschine. Oben füllt Chiffaut die weißen Zuckerkügelchen hinein, die aus vier Plastiksäcken à sieben Kilogramm kommen. Die Frau drückt „Vorgang 1“, die Maschine fährt hoch auf 58 Grad, die Trommel in der Maschine rollt an, innen spritzt die Pistole die Tinktur auf die Kügelchen. Spritzen, Trocknen, Spritzen, Trocknen, fünf Stunden und 20 Minuten lang – bis am Ende unten die Globuli hinauskullern, etwas bräunlicher als zuvor. Auf der Verpackung wird später „Calmedoron“ stehen, zehn Gramm für rund fünf Euro. Die Leiterin sagt: „Bei kleinen Mengen kann man das manuell machen, aber bei den großen Mengen für den deutschen Markt geht das nur noch vollautomatisch.“

Im Erdgeschoss arbeitet ein Apparat, ein Produktionsroboter, automatisch, akkurat. Er kippt die bespritzten Kügelchen in einen Trichter, sie rieseln in Fläschchen. Der Roboter verschließt sie, Deckel, Fläschchen, Deckel, Fläschchen, 20 in der Minute, 600 000 im Jahr. Am Ende drückt der Roboter die Auftragsnummer aufs Etikett: Charge 2101, Deutschland, 12 000 Stück, alles passt.

Jetzt könnte selbst der Vollmond nichts mehr kaputt machen. 

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