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Berliner Republik

Die SPD und die K-FrageWer, wenn nicht Peer?

Von Stephan-Andreas Casdorff20. Mai 2011
Peer Steinbrück, SPD, Kanzlerkandidat
Führt er die SPD in den sicheren Regierungshafen?
Schrift:

Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück könnte die SPD wieder in die Regierung führen. Nur: Seine Partei weiß es noch nicht, meint Tagesspiegel-Chefredakteuer Stephan-Andreas Casdorff

Seite 1 von 4

Wie er da vor ein paar Wochen in der Hochschule Wildau südlich von Berlin mal eben so frei über Europa und die Welt spricht, über den Aufstieg und den Fall der Mächte, über die sich ankündigende „Suprematie“ Chinas, die Türkei als Global Player in acht, neun Jahren, über Währungen finanzieller und politischer Art, über Bretton Woods vor sechseinhalb Jahrzehnten und die Notwendigkeit internationaler Vorsorge auf den Finanzmärkten heute – da kann man schon den Eindruck bekommen, dass es ihm Spaß machen würde, selbst wieder in diesem Koordinatensystem verantwortlich zu handeln. Eine eigene Größe zu sein. Wenn die SPD ihn auswählen würde, wenn dann die Leute sie wählen würden, und wenn er Kanzler werden könnte: Er wüsste bestimmt wofür.“

Die Partei hat die Wahl.

Also, dass Peer Steinbrück nur wegen Helmut Schmidt in die SPD geraten sei, sich gewissermaßen dorthin verirrt hätte, das ist auch so eine dieser Geschichten, die ihn seit Jahren begleiten.

Dabei ist er doch auch ganz anders, hat nicht nur die eine Seite. Diese Journalisten. Wenn die nicht für die Demokratie nötig wären. Wenn nicht Helmut Schmidt inzwischen auch einer von ihnen wäre.

Natürlich Schmidt, aber besonders deshalb, weil er aus dem Stegreif Kant und Popper zitieren kann, weil er eine philosophische Grundierung hat, eine Tiefe, von der Steinbrück norddeutsch näselnd sagt, „dass sie man keiner unterschätzen soll“. Da klingt er im Ton ganz nach Schmidt. Einerseits. Andererseits ist es eben nicht nur Schmidt, sondern auch Willy Brandt, der ihn in die SPD geführt hat. Es war doch 1969. Es war die Ostpolitik, und es war die Vision, dass man „mehr Demokratie wagen“ könnte. Visionen, praktisch. Steinbrück ist kein 68er. Er ist ein 69er.

Natürlich mag er sich nicht in eine Schablone einpassen lassen, pressen lassen schon gar nicht, von niemandem, mag auch nicht ersatzweise auf einer Skala zwischen Praktiker und Visionär verortet werden. „Ach Quatsch“ – da wird er so grätig, wie man ihn auch kennt: den Unterkiefer vorgeschoben, dass man seine Zähne sieht wie einen Fang, und jedes Wort ist spitz. Der eine, Brandt, war nicht nur so, der andere, Schmidt, doch auch nicht. Visionen waren nur vermeintlich nichts für Schmidt, bloß weil der als Kanzler mal gesagt hatte, wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen. Wahrscheinlich, aber das nur am Rande, war es einer der seltenen Witze von Schmidt. Außerhalb Hamburgs versteht man solche Witze nicht. Und Brandt war doch auch praktisch, war pragmatisch, wollte auch gewinnen, und zwar Stimmen, nicht nur Herzen. So würde Steinbrück das nicht sagen, nicht so schwülstig, er sagt nur, das sei doch ganz offensichtlich gewesen. Für ihn jedenfalls. Darum ist er 1969 in die SPD eingetreten.

FDP – nee. CDU – ging gar nicht. Grüne – gab’s damals noch nicht. So redet der Hamburger. Adenauer? Nein, obwohl der Vater ihn ja wohl gut fand. Brandt war anders. Den mochte übrigens auch die Mutter, und das in Uhlenhorst. Hamburger kennen den Stadtteil, der liegt, sagen wir es hanseatisch, nicht so schlecht. Vielleicht doch die FDP, ein bisschen? Wenn die Partei so wäre, wie Karl-Hermann Flach, der legendäre Generalsekretär der siebziger Jahre, es als Handlungsanleitung für sie aufgeschrieben hat. Aber Papier ist geduldig. Steinbrück kennt das grüne Buch „Noch eine Chance für die Liberalen“, er kennt es sogar richtig gut, besser als die meisten, die sich heute Liberale nennen. Er muss lachen: über die Liberalen und über das Kompliment, dass er gut Bescheid weiß. Lachen hilft hinweg über die Fälle und die Fallen, zu denen man nichts sagen will. Oder es für überflüssig hält. Was Steinbrück tut.

Es ist nicht überflüssig zu sagen, dass er an seiner Partei festhält. Er hält nicht sich an ihr fest, nur kein Missverständnis, er hält an ihr fest. Niemand soll denken, dass man ihn vertreiben oder ihm seine Meinung austreiben könnte, das nicht. Mögen die Gewerkschaften, wie Gerhard Schröder es ihnen nachträgt, der rot-grünen Regierung das Genick gebrochen haben mit ihren Anti-Agenda-Demos und ihrer Sympathie mit der Linkspartei – Peer Steinbrück ist auch Gewerkschaftsmitglied, bei der IG Bergbau, Chemie, Energie, und die war eigentlich immer ganz vernünftig. Die anderen werden es, je länger diese Bundesregierung amtiert, das kann man sich ausrechnen. Obwohl Steinbrück Mathematik nicht immer mochte. Aber das war früher. Er ist Schachspieler. Und er ist Sozialdemokrat – nicht aus Zufall, sie ist seine Wahl. Ob er ihre Wahl ist, das ist die andere Frage.

Ein kleines bisschen aber schwingt bei alledem unausgesprochen immer auch etwas anderes mit. Stellvertretend für viele aus der Generation nach dem Krieg hat Karl Otto Pöhl, später Bundesbankpräsident, einmal auf die Frage gesagt, warum er Sozialdemokrat geworden sei: weil in der Partei weniger Altnazis gewesen seien. Er hat es feiner ausgedrückt. Aber das ist es. Und, nicht vergessen, es war 1969, als Steinbrück eintrat.

Nach der Wahlniederlage 2009, der krachenden, die auch ihn geschmerzt hat, gerade ihn, weil doch sie alle trotz aller Anstrengungen in der Regierung geschlagen worden waren, mussten Schuldige gefunden werden. Steinbrück eignet sich auch dafür gut. Er ist für alles gut, für oben, für unten, für die Heldensaga, für das Verliererepos. Und er hat ja auch schon alles durch. Ganz jung war er bei Helmut Schmidt im Kanzleramt, dann bei Hans Matthöfer, der zuerst Forschungs- und später Finanzminister war. Der holte ihn in sein Büro, weil Steinbrück ihm öffentlich widersprochen hatte. Jung war er bei Johannes Rau als Büroleiter, noch als ziemlich Junger war er Landesminister in zwei Bundesländern, dann Ministerpräsident in NRW und zum Schluss Bundesminister der Finanzen. Zum Schluss? Na ja: zum vorläufigen Schluss, dem nach der Wahlniederlage. Die hatte Frank-Walter Steinmeier getroffen, der ganz vorne stand, in der ersten Reihe, aber mittelbar dann auch ihn, den zweiten der zwei „Stones“, wie die Partei sie nennt. Steinmeier wurde danach Fraktionschef, nicht zuletzt deshalb, weil er sich schnell selbst dazu machen musste, sonst wäre er ganz tief gefallen, womöglich ganz aus der Politik rausgefallen. Steinbrück wurde – Bundestagsabgeordneter. Das erste Mal gewählt. Ein einfacher Abgeordneter. Ein schwieriger Abgeordneter. Unübersehbar von der Statur, körperlich wie politisch.

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