Pariser Klimaabkommen - Ungedeckte Schecks

Donald Trumps Kündigung des Pariser Klimavertrags ist ein Problem. Jedoch lassen sich auch so erhebliche Mängel am abkommen feststellen. Langfristig wird die Welt so oder so effizientere und tragbarere Alternativen finden müssen

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Unsaubere Energiegewinnung ist problematisch. Viele der vorgeschlagenen Alternativen sind aber unrealistisch / picture alliance

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BJörn lomborg leitet das Copenhagen Consensus Center und ist Gastprofessor an der Copenhagen Business School.

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An der Ankündigung des amerikanischen Präsidenten, die Beteiligung der USA an der einzig wirklichen globalen Klimaschutzpolitik, dem Pariser Vertrag, zu widerrufen, gibt es viel zu kritisieren. Donald Trump erkennt nicht an, dass die globale Erwärmung real ist. Er lag falsch, als er behauptete, China und Indien seien „die größten Umweltverschmutzer weltweit“. (China und die USA sind die größten Kohlendioxidemittenten, die USA sind die größten Emittenten auf Pro-Kopf-Basis.) Der Vorschlag der USA, das Abkommen neu zu verhandeln, war schlichtweg unrealistisch. Nun hat das Weiße Haus keine Antwort auf den Klimawandel mehr, das ist sehr problematisch.

Aber das zu kritisieren, ist einfach. Schwieriger ist es, die dem Pariser Vertrag immanenten Probleme unvoreingenommen zu analysieren. Umweltschützer, die früher die Defizite der Vereinbarung ehrlich einräumten, verweisen mittlerweile auf die angeblichen Vorzüge. Doch das ist allein auf ihren Widerstand gegen Trump zurückzuführen. Dabei stellte der renommierte amerikanische Umweltschützer Bill McKibben bereits 2015 fest, der Vertrag sei so gestaltet, dass sich „sowohl Umweltschützer als auch die Öl- und Kohleindustrie nicht allzu viel beklagen“. Nun fürchtet McKibben, dass Trumps Rückzug „die Chancen unserer Zivilisation untergräbt, die globale Erwärmung zu überleben“.

Unrealistische Zielsetzung beim CO2 Abbau

Im Dezember 2015 machten die Regierungschefs aus aller Welt in Paris ziemlich schwache Versprechen für die Kohlendioxidverringerung und erklärten dazu vollmundig, dass ihre Zusagen den Temperaturanstieg „weit unter zwei Grad Celsius“ halten würden. Sie deuteten sogar an, dass die Erwärmung bei 1,5 Grad gehalten werden könnte.
Diese Behauptung ist übertrieben und genauso falsch wie so mancher Twitter-Tweet von Donald Trump. Um auf Basis der aktuellen CO2-Emissionen das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müsste die Welt in vier Jahren die Nutzung von fossilen Brennstoffen vollständig beenden. Das wird sicher nicht geschehen.

Selbst die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius ist unrealistisch. Die UNFCCC – die Organisation der Vereinten Nationen, die für das Pariser Abkommen zuständig ist – schätzt, dass die Kohlendioxidemissionen bis 2030 um 56 Gigatonnen pro Jahr zurückgehen würden, wenn jedes Land zwischen 2016 und 2030 jede einzelne vertraglich zugesicherte Maßnahme zur CO2-Verringerung in vollem Umfang umsetzt und nicht trickst. Es ist allerdings weithin anerkannt, dass wir den Kohlendioxidausstoß um 6000 Gigatonnen reduzieren müssten, um den Temperaturanstieg unter zwei Grad zu halten. Selbst in einem unrealistisch optimistischen Best-Case-Szenario blieben also 99 Prozent des Klimaproblems ungelöst.

Skepsis gegenüber langfristigen Versprechen

Legt man das von den UN genutzte Klimamodell zugrunde, macht der Unterschied zwischen einer Welt, die alle versprochenen CO2-Verringerungsmaßnahmen umgesetzt hat, und einer Welt ohne die Reduzierungen gerade einmal 0,05 Grad Celsius aus. Selbst wenn alle Länder einschließlich der USA ihre Zusagen für die Kohlendioxidverringerung das ganze Jahrhundert hindurch einhielten, würde die Temperatur um weniger als 0,2 Grad sinken.

Dennoch versichern viele Befürworter des Pariser Vertrags, dieser werde weit mehr erreichen. Doch die Behauptung, dieser führe zu einer bedeutenden Reduzierung der Temperatur, beruht auf der Annahme, dass fast alle Anstrengungen nach 2030 erfolgen werden. Die Geschichte liefert jedoch gute Gründe für eine gesunde Skepsis gegenüber derart langfristigen Versprechen. Nehmen wir einmal die Ankündigung von Präsident Bill Clinton im Jahr 1993, dass die USA die Emissionen bis zum Jahr 2000 verringern würden. Laut Washington Post wurde die Zusage nur sieben Jahre später – unter demselben Präsidenten – gekippt, weil „die Wirtschaft schneller als erwartet gewachsen war“. 1992 sagten alle Industrienationen zu, ihre Emissionen bis zum Jahr 2000 auf das Niveau von 1990 zu reduzieren. Acht Jahre später verfehlte fast jedes Land dieses Ziel.

Wenn der Planet eine Kohlendioxid-Diät bräuchte, dann wäre der Pariser Vertrag das Versprechen, einen einzigen Salat zu essen. Die Befürworter des Abkommens wollen uns sozusagen glauben machen, dass wir jetzt einen Salat essen und später ein unglaublich hartes Sport- und ein strenges Diätprogramm absolvieren. Wohlgemerkt, die Anstrengungen erfolgen weder heute noch morgen, sondern erst in sehr ferner Zukunft. Dennoch wird von uns erwartet, dass wir so feiern, als ob der Genuss eines einzigen Salats bei Fortsetzung unseres normalen Lebens einen enormen Schlankheitseffekt hätte.

Mängel der Erneuerbaren Energien

Genauso falsch ist die Behauptung, Sonnen- und Windenergie seien bereits in der Lage, die Welt zu versorgen. Tatsächlich werden derzeit nur 0,6 Prozent des weltweiten Energiebedarfs mit Sonne und Wind gedeckt. Auch wenn der Pariser Vertrag vollständig umgesetzt werden sollte, wird ihr Anteil laut der Internationalen Energieagentur in einem Vierteljahrhundert weniger als 3 Prozent erreichen. Der Beitrag der fossilen Brennstoffe zur Deckung unserer Energienachfrage wird zugleich von 81 auf 74 Prozent – also auf drei Viertel – im Jahr 2040 zurückgehen. In einem unwahrscheinlichen Best-Case-Szenario werden noch 58 Prozent unseres Energiebedarfs aus fossilen Quellen stammen. China wird – wenn der Pariser Vertrag in Kraft bleibt – im Jahr 2040 erst 4,2 Prozent seines Energiebedarfs mit Sonne und Wind und 83,5 Prozent mit nichterneuerbaren Energien decken. Und selbst dann wird Chinas grüner Energieanteil kleiner sein als zu jedem beliebigen Zeitpunkt des 20. Jahrhunderts.

Einer der weltweit führenden Energieexperten, Professor Vaclav Smil, drückt das so aus: „Die Forderungen nach einem schnellen Übergang zu einer Null-Kohlenstoff-Gesellschaft sind blanker Unsinn … Selbst bei einer stark beschleunigten Umstellung wären die Erneuerbaren nicht in der Lage, die fossilen Brennstoffe bald auf eine unbedeutende Rolle als Lieferanten der globalen Energieversorgung zu reduzieren, sicherlich nicht bis 2050.“

Deckt weniger als drei Prozent des Energiebedarfs

Wenn Solar- und Windkraft wirklich die billigste Option wären, wäre der Pariser Vertrag unnötig. Jeder würde auf teure, ineffiziente fossile Brennstoffe verzichten. Das Problem der globalen Erwärmung wäre behoben. Doch Energie aus Sonne und Wind muss subventioniert werden. Die Reduzierung der Zuschüsse würde bedeuten, dass wir weniger erneuerbare Energie produzieren.
Unter bestimmten Bedingungen sind die Erneuerbaren effizienter. Aber da alle Sonnenkollektoren oder Wind­energieanlagen an einem Ort gleichzeitig Energie erzeugen, sinkt der Strompreis drastisch und ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Weil die Sonne jedoch nicht immer scheint und oft auch kein Wind bläst, müssen teure Back-up-Lösungen mit fossilen Brennstoffen bereitstehen.

In diesem Jahr wird die Welt 125 Milliarden US-Dollar nur für die Subventionierung der Solar- und Windenergie ausgeben. In den nächsten 25 Jahren wird mit mehr als drei Billionen US-Dollar die großartige Leistung unterstützt, weniger als drei Prozent des Energiebedarfs des Planeten zu decken.

Jim Hansen, Al Gores Klimaberater und einer der weltweit bekanntesten Klimawandel-Experten, sagt: „Viele wohlmeinende Menschen geben sich der Illusion hin, dass die ,sanften‘ erneuerbaren Energien die fossilen Brennstoffe ersetzen könnten, wenn die Regierung das zielstrebiger verfolgen und mehr Subventionen bereitstellen würde … Aber die Annahme, dass wir durch die Erneuerbaren in den Vereinigten Staaten, China und Indien beziehungsweise in der ganzen Welt schnell aus fossilen Brennstoffen aussteigen könnten, ist quasi mit dem Glauben an den Osterhasen und die Zahnfee gleichzusetzen.“

Neue Jobs entstehen auf Kosten anderer Sektoren

Ein falsches Argument ist auch die Behauptung, grüne Energie schaffe Arbeitsplätze. In Wirklichkeit entstehen neue Jobs auf Kosten von Arbeitsplätzen in anderen Sektoren. Dies wurde unter anderem in einer Analyse in Dänemark bestätigt. Dass die Solarenergie mehr Arbeitsplätze pro Kilowattstunde benötigt als die fossilen Brennstoffe ist jedoch negativ zu sehen. Jede andere Betrachtungsweise würde in der Konsequenz dazu führen, dass wir keine Traktoren mehr nutzen sollten, wenn wir mehr Arbeitsplätze in der Landwirtschaft schaffen wollten. Und warum machen wir das nicht? Weil die Gesellschaft ärmer wird, wenn wir in ein weniger effizientes Verfahren investieren, um etwas zu erreichen, wozu wir bereits in der Lage sind.

Das ist ein wichtiger Punkt, den Befürworter des Klimavertrags oft übersehen: Dinge weniger effizient zu erledigen, hat seinen Preis. Wenn die nationalen Regierungen also versprechen, weniger effiziente, teurere Energie zu nutzen, bedeutet dies, dass die ganze Welt sich langsamer entwickelt.

Eine nachvollziehbare Antwort auf solche Bedenken ist, es sei besser, etwas zu tun, als nichts zu tun. Oder die Feststellung, der Pariser Vertrag helfe, einer der größten Gefährdungen für die Welt entgegenzutreten. Und sicherlich ist der Planet in Zukunft noch gefährdeter als heute, aber er würde ohne den Pariser Vertrag kaum weniger gefährdet sein. 

Trostreich aber Illusionär

Aber solche Beteuerungen dienen vor allem dazu, uns selbst zu versichern, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Sie beruhen hingegen auf einer fehlerhaften Logik und ignorieren die alternativen Möglichkeiten, die wir haben, das politische Kapital, das Engagement und Geld, das für den Pariser Vertrag bestimmt ist, einzusetzen.

Nur wenige Menschen sind sich der hohen Kosten des Pariser Vertrags bewusst. Sie werden sich bis 2030 – vor allem durch eine Verringerung des BIP-Wachstums – auf ein bis zwei Billionen US-Dollar jährlich summieren. Somit ist der Pariser Vertrag der teuerste in der Geschichte der Menschheit. Das sind 150 bis 300 US-Dollar für jeden Menschen auf der Welt, und zwar jedes Jahr. Dies wird zur Konsequenz haben, dass Steuerzahler in reichen Nationen die Frage stellen werden, ob man das Geld nicht besser für Schulen, Krankenhäuser oder für ältere Menschen ausgeben sollte. Und in der Tat sind die Kosten der Hauptgrund dafür, dass die osteuropäischen Visegrad-Staaten drohen, das EU-eigene System zur Kohlendioxidreduzierung zu untergraben. In den Entwicklungsländern gibt es definitiv bessere Möglichkeiten, das Geld zu investieren. 

Der Klimawandel bewegt vor allem Menschen in den reichen Industriestaaten, die überwiegende Mehrheit der Menschen auf dem Planeten hat dringendere Sorgen. Eine weltweite Umfrage der Vereinten Nationen unter fast zehn Millionen Menschen nach ihren Prioritäten ergab, dass der Klimawandel als letzter Punkt hinter Gesundheit, Bildung, Ernährung und anderen Themen genannt wurde.

Die verkehrten Prioritäten der Weltgemeinschaft 

Als Präsident Obama 2014 die Führer afrikanischer Staaten einlud, um über grüne Energie zu sprechen, sagten sie ihm, dass sie mehr Kohle bräuchten, um ihre Bevölkerung aus der Armut zu holen. Eine Analyse der Internationalen Energieagentur zeigt, dass diese Länder mit dem Einsatz von mehr Energie, vor allem von fossilen Brennstoffen, um 8,4 Billionen US-Dollar reicher sein könnten. Für 150 Millionen Menschen könnte eine Luftverschmutzung in Innenräumen vermieden und weitere 230 Millionen Menschen könnten mit Energie versorgt werden. 

Der von mir geleitete Thinktank Copenhagen Consensus hat in einer umfassenden Analyse der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen viele Möglichkeiten für herausragende Entwicklungsinvestitionen aufgezeigt, mit denen man mit einem Bruchteil des Budgets des Klimavertrags vielen gefährdeten Bevölkerungsgruppen heute deutlich besser helfen könnte als mit einer Kohlendioxidverringerung in 100 Jahren.

Das bedeutet nicht, die Klimaveränderung zu ignorieren. Nur könnten wir die Erwärmung zugleich wesentlich effektiver bekämpfen. Wir müssten dafür die grünen Energietechnologien drastisch verbessern. Laut Vaclav Smil, dem Philanthropen Bill Gates sowie den Klimaökonomen und drei Nobelpreisträgern, die an dem Klimaforschungsprojekt des Copenhagen Consensus mitgearbeitet haben, sind dabei Forschung und Entwicklung die Schlüsselfaktoren. 

Investitionen in Forschung wären effektiver

Wir konzentrieren uns viel zu stark auf die Subventionierung des Einsatzes einer Technologie, die ineffizient und unzuverlässig ist, anstatt in Innovationen zu investieren, mit denen der zukünftige Preis der grünen Energien unter den fossiler Brennstoffe sinkt. Sobald die Technologien wirklich wettbewerbsfähig sind, wird die ganze Welt von fossilen Brennstoffen zu grünen Energien wechseln wollen. Wie die Forschungsarbeit des Copenhagen Consensus zeigt, wären bedeutende Investitionen in Forschung und Entwicklung – im Volumen von rund 100 Milliarden US-Dollar jährlich – die effektivste politische Antwort auf die globale Erwärmung.
Das größte Unglück für die USA ist somit nicht, dass Präsident Trump die Beteiligung an dem Pariser Vertrag beendet hat. Vielmehr ist es die Tatsache, dass es keine Anzeichen dafür gibt, in die Erforschung und Entwicklung von regenerativen Energien investieren zu wollen. Die Tragödie für den Rest der Welt ist, dass wir so fest entschlossen sind, gegen Präsident Trump zu opponieren. Wir verteidigen einen Vertrag, der unter Einsatz von Hunderten Billionen US-Dollar keinen merklichen Unterschied beim Temperaturanstieg macht, statt für effektivere, alternative Ansätze offen zu sein.

Es ist einfach, Präsident Trumps Abkehr von der Klimapolitik zu kritisieren. Schwerer ist es, die Mängel der globalen Vereinbarung ehrlich zuzugeben. Und wir machen uns etwas vor, wenn wir behaupten, der Pariser Vertrag sei das, was der Planet zur Lösung des Klimaproblems braucht.

Aus dem Englischen von Elwine Happ-Frank

 

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