Drohender Handelskrieg - Der Protektionismus killt den Bullenmarkt

US-Präsident Donald Trump geht auf Konfrontationskurs mit seinen Handelspartnern. Der Cicero-Finanzexperte Daniel Stelter warnt vor der Rezessionsgefahr, die ein Handelskrieg auslösen würde. Der größte Verlierer wäre Deutschland

Erschienen in Ausgabe
„Wer sich an die Spitze der Bewegung stellt und „our country first“ ruft, hat die besten Chancen auf den Sieg" / picture alliance

Autoreninfo

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Heute berät Stelter internationale Unternehmen bei der Vorbereitung auf die Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Im September 2014 erschien seine Piketty-Kritik Die Schulden im 21. Jahrhundert. Sein neues Buch „Das Märchen vom reichen Land – Wie die Politik uns ruiniert“ erscheint im September.

So erreichen Sie Daniel Stelter:

Nun haben wir es offiziell: Die US-Regierung knöpft sich Deutschland als Handelsgegner vor. Wundern kann es nur den naivsten Beobachter – also vor allem die deutsche Bundesregierung. Seit Jahren nehmen die Spannungen wegen unserer enormen Handelsüberschüsse zu. Während wir diese feiern, entziehen wir vor allem einer Welt, die kollektiv unter Nachfrageschwäche leidet, Kaufkraft.

Nichts können andere Länder und Regionen weniger gebrauchen. Jeder kämpft für sich alleine gegen die Folgen hoher Schulden, schwacher Produktivitätsfortschritte und Überalterung der Bevölkerung. Jeder versucht, einen relativ höheren Anteil des weniger großen Kuchens zu ergattern. Der Handlungsdruck auf die Politiker wächst. Wer sich an die Spitze der Bewegung stellt und „our country first“ ruft, hat die besten Chancen auf den Sieg. Dahinter liegt die ernüchternde Tatsache, dass die Welt sich nicht wirklich von den Folgen der letzten Krise erholt hat, trotz Negativzins und einer Bilanzaufblähung der Notenbanken um mehr als 15 Billionen US-Dollar.

Mehr im Inland invenstieren und von der „schwarzen Null“ abkehren

Damit rückt der Zeitpunkt näher, an dem wir merken werden, dass wir in einer Wohlstandsillusion leben und in Wirklichkeit unsere Exporte und damit die gute Konjunktur mit eigenem Geld bezahlt haben. Denn mit dem Handelsüberschuss geht ein entsprechender Kapitalexport einher. Wir geben dem Rest der Welt großzügig Kredit, obwohl der sich immer mehr einem Zustand der Überschuldung nähert. Da ist es keine gute Idee, Gläubiger zu sein. Verluste sind unvermeidlich. Wir hätten unsere Autos auch verschenken können. Zurzeit erinnert das deutsche Sparverhalten an das Eichhörnchen, welches zwar fleißig vorsorgt, aber vergisst, wo es die Ersparnisse versteckt hat.

Um auch langfristig unseren Wohlstand zu steigern, müssten wir mehr im Inland investieren, von der „schwarzen Null“ abkehren (dafür aber die großen versteckten Verbindlichkeiten in Form von Versprechen für künftige Renten reduzieren) und Unternehmen anders besteuern. So könnte man Kritiker im Ausland – auch den amerikanischen Präsidenten – widerlegen. Beharren wir weiter darauf, das Problem zu leugnen, könnte es in der Tat zum gefürchteten Handelskrieg kommen. Niemand würde diesen gewinnen, es gäbe nur eine Rangliste der größten Verlierer. Und diese führen per Definition jene an, die am stärksten vom Export abhängen. Also Deutschland.

Die Rezessionsgefahr wächst

Für die Aktienmärkte wäre eine Eskalation des Protektionismus wohl der Todeskuss. Schon bevor die US-Regierung Strafzölle auf Stahl und Aluminium ankündigte, waren die Weltbörsen angeschlagen. Rekordbewertungen, Rekordoptimismus, Rekordspekulation auf Kredit, Rekordaktienrückkäufe der Unternehmen, mit Schulden finanziert, und eine tiefe Volatilität ließen wenig Raum für Enttäuschungen.

Dann stiegen die Inflationserwartungen und die Zinsen in den USA. Je höher die Zinsen stiegen, desto skeptischer wurden die Börsianer, ist doch das billige Geld der Treibstoff für die Märkte. Nur mit guter Konjunktur und damit weiter steigenden Unternehmensgewinnen konnten die anhaltend hohen Bewertungen weiter begründet werden. Genau hier wird ein Handelskrieg gravierende Spuren hinterlassen. Die Rezessionsgefahr wächst, und die Gewinne der Unternehmen dürften deutlich unter Druck kommen. Dann heißt es „game over“ an den Märkten.

Dieser Text stammt aus der April-Ausgabe des Cicero, die Sie am Kiosk oder in unserem Online-Shop erhalten.













 

Jetzt weiterlesen auf Cicero+