Automobilkrise - Alarmstufe Rot

Der Abgas-Skandal und der Kartellvorwurf sind die Symptome einer existenziellen Krise der deutschen Automobilindustrie. Sie bedroht den Wohlstand der gesamten Nation. Helfen kann nur ein radikaler Wandel

Die Zukunft der Automobilbranche liegt im Elektroauto / picture alliance

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Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Heute berät Stelter internationale Unternehmen bei der Vorbereitung auf die Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Im September 2014 erschien seine Piketty-Kritik Die Schulden im 21. Jahrhundert. Sein neues Buch „Das Märchen vom reichen Land – Wie die Politik uns ruiniert“ erscheint im September.

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Seit Monaten kommt die Autoindustrie nicht aus den negativen Schlagzeilen. Erst der Dieselskandal, nun die vermeintlichen Kartellverstöße der Hersteller durch Absprachen in den Bereichen von Technik bis Strategie. Doch während sich die Medien an diesen Themen abarbeiten, muss man ganz nüchtern feststellen: Dieselskandal und Kartellabsprachen sind nur Symptome für eine viel tiefer gehende Krise. Eine Existenzkrise für Deutschlands Vorzeigebranche, an der nicht nur direkt und indirekt Millionen von Arbeitsplätzen hängen, sondern der Wohlstand der ganzen Nation. Nicht alleine die Automobilhersteller sowie deren Manager und Mitarbeiter haben ein Problem, sondern wir alle. Und: Wir alle haben unseren direkten und indirekten Anteil daran, dass es soweit gekommen ist. Nur wenn wir es als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ansehen, die Vorzeige- und Schlüsselindustrie Deutschlands zu retten, kann es gelingen, den Wohlstand in unserem Lande zu sichern. Damit ist aber nicht gemeint, dass wir die Industrie mit Steuermitteln „retten“ sollen. Im Gegenteil, wir müssen den Wandel der gesamten Automobilindustrie fördern. 

Industrie aus dem Kaiserreich

Die Automobilindustrie ist nichts besonderes, sie ist nur besonders groß. Wie die anderen Industrien, die unsere Wirtschaft noch heute dominieren, hat sie ihre Ursprünge zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland noch ein Kaiser regierte. Das hat sie gemein mit dem Maschinenbau und der chemischen Industrie. Andere Branchen, in denen Deutschland einmal führend war, werden heute von anderen Ländern dominiert. Erinnert sei an die Fotoindustrie (Japan), die Unterhaltungselektronik (Japan und Korea) und die Pharmaindustrie (USA, Großbritannien, Japan und Schweiz). Lange ist es her, dass wir in diesen Industrien noch in der ersten Reihe mitspielten. Immer wieder haben unsere Unternehmen den Wandel der Zeit nicht erkannt und an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Zu oft wurde am bewährten festgehalten, statt konsequent auf die Zukunft zu setzen.

Nur wer am bewährten festhalten will, kommt auf die Idee, Abgaswerte zu manipulieren und Absprachen zu treffen. Das ist ein Zeichen der Schwäche, nicht der Stärke. Dumm ist im Falle der Automobilindustrie nur, dass es die Industrie ist, die für den Standort Deutschland die entscheidende Bedeutung hat. Sie dominiert die Innovationen, sie stellt die meisten Arbeitsplätze. Konnten wir den Verlust von Fotografie und Unterhaltungselektronik noch verkraften, so können wir es bei der Automobilindustrie nicht. Diesmal geht es an das Fundament unseres Wohlstands.

Der Umbruch ist radikal

Die Stärke der deutschen Autoindustrie liegt in der Perfektionierung von Technologien, die ebenfalls aus dem Kaiserreich stammen. Die Motoren wurden immer leistungsfähiger, die Umweltbelastung wurde reduziert. Das Fahrerlebnis, der Komfort und die Sicherheit für Insassen und andere Verkehrsteilnehmer wurde verbessert. Unstrittig bauen wir die besten Autos der Welt. Das Problem ist nur, dass bei aller Perfektionierung des Bekannten, das Neue so radikal besser ist, dass die bisherigen Stärken der Autoindustrie obsolet werden.

Wer einen Elektromotor herstellt, braucht keine aufwändige Abgasreinigung, nicht einmal einen Auspuff. Elektrofahrzeuge haben nur ein hundertstel der beweglichen Teile eines konventionellen Autos und erreichen Fahrleistungen von Supersportwagen für ein Zehntel des Preises. Schon 2018 dürfte es billiger sein, ein Elektroauto herzustellen als ein konventionelles Auto und zwar in der Golfklasse. In den kommenden Jahren wird die Schere noch weiter auseinander gehen. Während Elektrofahrzeuge aufgrund von Skaleneffekten und technologischem Fortschritt immer billiger werden, steigen die Kosten für traditionelle Fahrzeuge aufgrund der immer aufwändigeren Abgasreinigung rasant weiter an. Seriöse Ökonomen gehen davon aus, dass schon in weniger als zehn Jahren weltweit die Elektrofahrzeuge dominieren. Ganz radikale glauben sogar, dass schon 2025 nur noch elektrisch betriebene PKW, LKW und Motorräder verkauft werden. 

Das ist dann nicht die Folge von politischen Eingriffen, sondern schlichtweg einer technologischen Revolution. Eine deutlich überlegende Technologie verdrängt eine alte. So wie das Iphone den Startschuss für das Ende der traditionellen Mobiltelefone gegeben hat. Erinnern Sie sich noch an Nokia?

Dabei wird die deutsche Autoindustrie nicht nur von einer neuen Antriebstechnologie bedroht. Zeitgleich startet Silicon Valley eine Attacke aus einer anderen Richtung. In Zukunft nicht mehr wir fahren, sondern die Autos voll automatisch selbst. Damit sind Kompetenzen gefragt, die heute nicht im oder nur am Rande des Fokus der deutschen Automobilindustrie liegen. Die Batterie, welche die Reichweite definiert und damit kaufentscheidend ist, kommt aus Japan oder Korea. Die Softwarekompetenz liegt in den USA. Alles, was über zukünftige Wettbewerbsvorteile entscheidet, ist damit nicht in der Hand der deutschen Hersteller. Bliebe noch das in den vergangenen hundert Jahren aufgebaute Image, das die Industrie jedoch durch ihr Verhalten gerade selbst ruiniert.

Industrie wollte auf Zeit spielen

Alles deutet darauf hin, dass die deutsche Automobilindustrie auf Zeit spielen wollte und alles daran gesetzt hat, eine alte Technologie solange wie möglich zu melken. Dabei unterschätzt sie jedoch die Geschwindigkeit des Wandels. Wie rasch es gehen kann, zeigt der Übergang von Pferde-gezogenen Kutschen zum Automobil. Noch 1903 waren auf der Fifth Avenue in New York nur Kutschen zu sehen. Nur zehn Jahre später, nur noch Automobile.

Die Autoindustrie verhält sich dabei wie alle Industrien, die angegriffen werden. Denn sie steht vor einem enormen Problem: Milliarden von Investitionen sind in Technologien und Produktionskapazitäten geflossen, die über Nacht nutz- und wertlos werden. Ganze Geschäftsmodelle hängen davon ab. Nun müssen die Hersteller die vergangenen Investitionen abschreiben und zugleich in Zukunftstechnologien investieren. Der Versuch, das Alte solange wie möglich zu retten, führt dabei nicht nur zu Betrug, sondern auch zum Bremsen des Neuen. Diese Strategie wird von den neuen Wettbewerbern brutal ausgenutzt. Ohne die Altlasten können sie sich voll darauf konzentrieren, das neue Angebot noch attraktiver zu machen. Das wohl prominenteste Beispiel für die Folgen einer solchen Strategie ist Kodak. Obwohl Kodak die digitale Fotografie erfunden hatte, schaffte es das bis dahin hochprofitable und erfolgreiche Unternehmen nicht, mit der neuen Technologie erfolgreich zu werden. Zu groß waren die Widerstände in der alten Organisation, die noch möglichst lange mit traditionellen Filmen das große Geld machen wollte. Am Ende stand der Konkurs.

Natürlich gibt es die berühmte Ausnahme von der Regel. Nicht alle Kutschenhersteller gingen in Folge der automobilen Revolution unter. Einer schaffte es gar, sich zu einem Automobilhersteller zu wandeln: Studebaker. Doch das sollte uns als Warnung dienen. Denn selbst wenn es einer unserer Top-Adressen gelingt, den Wandel zu bewältigen, wäre es insgesamt doch um den Standort Deutschland geschehen.

Handelsüberschuss bald Geschichte

Noch wirkt es so, als könnten wir vor Kraft nicht laufen. Deutschland ist Exportweltmeister, stärkste Wirtschaftsnation Europas, Zuchtmeister des Euro. Wir unterliegen dabei einer massiven Illusion. Nur Dank immer mehr Krediten, die wir an das Ausland geben, haben wir diese Erfolge. Kredite, mit denen wir angesichts der Überschuldung in der Welt erhebliche Verluste erleiden werden. Es wäre allemal besser, dass Geld im Inland auszugeben.

Doch damit nicht genug. Mit unseren Handelsüberschüssen entziehen wir dem Ausland auch Kaufkraft, was angesichts der schwachen Erholung der Wirtschaft von der Finanz- und Eurokrise auf wenig Gegenliebe stößt. Donald Trump ist mit seiner Kritik an Deutschland keineswegs alleine. Überall wird nach Wegen gesucht, die Dominanz der deutschen Wirtschaft zu brechen. Nichts liegt da näher, als mit einer Förderung der ohnehin überlegenen Technologie, die Vorzeigebranche Deutschlands zu schwächen. Strengere Umweltauflagen haben dabei zudem den Charme, nicht wie Protektionismus auszusehen. Zu den hausgemachten Problemen kommt also noch die zunehmend protektionistische Haltung des Auslands, auch wenn sie sich hier mit dem Umweltmantel bedeckt. Auch bei der chinesischen Initiative zur Förderung der Elektromobilität dürfte es im wesentlichen darum gehen, der deutschen Automobilindustrie den Wettbewerbsvorteil zu nehmen.

Verhängnisvolle Rolle der Politik

Politiker aller Couleur haben in Deutschland dazu beigetragen, dass wir vor einer existentiellen Krise stehen. Regierungen haben mit der Autoindustrie geklüngelt (Stichwort Abgaswerte und – tests) um kurzfristige Vorteile zu erzielen, statt langfristig zu denken. Der Industrie ging es um den Absatz in den nächsten Jahren, den Politikern um die nächste Wahl. Dieses Verhalten kennen wir auch von anderen Politikfeldern (Energiewende, Eurokrise, Migrationskrise), doch dürfte es diesmal ans Eingemachte gehen.

Von anderer Seite – namentlich den Grünen – wird derweil zur Jagd auf die eigene Wirtschaft aufgerufen. Natürlich ist es inakzeptabel, mit illegalen Mitteln ein Spiel auf Zeit zu betreiben. Auf der anderen Seite können wir nicht nur aufgrund von Idealen die Grundlage unseres Wohlstands mutwillig vernichten. Ob es uns nun schmeckt oder nicht, wir alle sind davon abhängig, dass der Wandel doch noch gelingt. Verbote oder eine zusätzliche Verunsicherung der Käufer würden den Niedergang der etablierten Anbieter beschleunigen. Das ist nicht hilfreich, sondern wirkt wie Krisenverstärker. In anderen Ländern käme niemand auf die Idee, die eigene Schlüsselindustrie so zusätzlich zu schädigen.

Die jetzige und wohl auch künftige Kanzlerin setzt derweil auf die gleiche Strategie wie schon bei Euro- und Migrationskrise: aussitzen. Nur so kann man Merkels Äußerung verstehen, sie wolle sich darauf konzentrieren, „die Umstrukturierung unserer Autoindustrie in den kommenden Jahren zu begleiten und zu kompensieren“. Sie möchte also den Niedergang begleiten, nicht verhindern. Vielen Dank.

Existenzkrise ersten Ranges

An der Stärke der deutschen Wirtschaft hängt alles. Unser Wohlstand; unsere Fähigkeit, die (bisher ungedeckten) Kosten einer alternden Gesellschaft zu tragen; unsere Fähigkeit, eine Million überwiegend unqualifizierte Zuwanderer zu versorgen und unsere Finanzkraft, den Euro und damit die Europäische Union zu erhalten. Jede einzelne dieser Aufgaben ist schon eine Herausforderung. Alle zusammen sind fast schon zu viel. Ohne eine weltweit erfolgreiche Automobilindustrie sind sie unmöglich zu bewältigen

Würde ein Scheitern der deutschen Automobilindustrie, auch zu einem Scheitern des Euro führen? Vermutlich ja. Es erginge uns wie den Finnen seit dem Niedergang von Nokia, nur dass wir eben auch die Zahlmeister der EU sind.

Noch können wir handeln. Nicht, indem wir Steuergelder für die Subventionierung einer sterbenden Industrie ausgeben, wie von der CSU für den Diesel schon gefordert. Nicht, indem wir lauthals nach Strafen rufen und unsere Industrie damit zusätzlich schwächen.

Sondern, indem wir unsere Industrie selbst zerstören und voll auf das Neue setzen. Das heißt: staatlich finanzierter Aufbau einer Ladeinfrastruktur, steuerlich geförderter Umstieg auf landesweite Elektromobilität und Hilfe bei der Abwicklung der obsolet gewordenen Alt-Kapazitäten. Möglich ist es. Es setzt allerdings politischen Mut voraus und die Bereitschaft, über den nächsten Wahlsonntag hinaus zu denken.