Woody Allen - Der Hass auf den Stadtneurotiker

Woody Allen ist ins Visier der Metoo-Bewegung geraten. Seine Adoptivtochter wirft dem Regisseur vor, sie missbraucht zu haben. Der Fall ist seit Jahren bekannt, Allen konnte nichts nachgewiesen werden. Dennoch ist eine Kampagne entstanden, nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen das jüdische New York

Woody Allen und seine Ehefrau Soon-Yi / picture alliance

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Eva C. Schweitzer arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen in New York und Berlin. Ihr neuestes Buch ist "Europa im Visier der USA"

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„Er betete New York an. Er vergötterte diese Stadt über alle Maßen. Nein, es muss heißen: Er idealisierte sie über alle Maßen. Welche Jahreszeit auch war, für ihn existierte diese Stadt in schwarzweiß und in ihr pulsierte das Leben im Rhythmus der unsterblichen Melodien von George Gershwin...“ So beginnt „Manhattan“, der Film, den Woody Allen seiner Stadt zu Füßen legte.

Hassobjekt im Mittleren Westen

Vor einigen Jahren unternahm ich eine Filmtour durch New York; es war eine dieser Busfahrten für Touristen, bei der einem erzählt wird, wo der Marshmallow Man aus „Ghostbusters“ entlanglief, wo „Crocodile Dundee“ in die U-Bahn kletterte und an welchem Hochhaus „Spiderman“ herumschwang. Filme, die bei der gesamten Busfahrt nicht vorkamen, waren die von Spike Lee, der bekannteste afro-amerikanische Filmemacher nicht nur von New York, sondern des ganzen Landes, und Woody Allen. „Ich verstehe Sie schon“, sagte die Tour-Leiterin. „Aber die meisten unserer Kunden sind Touristen aus dem Mittleren Westen, und die hassen Woody Allen.“

Im Moment liebt ihn auch New York nicht. Das ist erstaunlich, denn niemand hat die Stadt über viele Jahrzehnte so präzise und liebevoll abgebildet wie Allen. Nicht das imaginäre New York von „Crocodile Dundee“, sondern ein anderes New York, das der Standup Comedians wie Jackie Mason und Larry David, die zu Anfang ihrer Karriere schlüpfrige Witze in den Sommerhotels der Catskills rissen und sich bei „Carnegies Delicatessen“ zu Bagels mit Cream Cheese und Lox trafen, das der Upper-West-Side-Akademiker mit den schwierigen Beziehungen und den Psychotherapeuten, das der neurotischen Frauen und der Männer, die nur am Sonntag Auto fahren, kurz, das jüdische New York.

Seit #Metoo unter Beschuss

Mit der #Metoo-Bewegung, die Ronan Farrow mit losgetreten hat, der Sohn von Mia Farrow und Allen (oder vielleicht auch der von Frank Sinatra, von Farrow hört man da Widersprüchliches), der im New Yorker über Harvey Weinsteins Eskapaden schrieb, geriet auch Allen unter Beschuss. Allen, das ist bekannt, hat hinter dem Rücken seiner damaligen Freundin eine Affäre mit deren Adoptivtochter angefangen, Soon-Yi, die um Jahrzehnte jünger ist als er selbst. Die beiden sind nun seit langem verheiratet und haben zwei Kinder adoptiert. Viele haben dem Filmemacher das übel genommen, allen voran natürlich Mia Farrow, die Rache schwor, und tatsächlich war das alles ja auch ziemlich grenzwertig.

Allerdings nicht ungewöhnlich für Künstler. Pablo Picasso und Bertolt Brecht beuteten ihre Freundinnen aus. Charlie Chaplin heiratete ein Mädchen, das 36 Jahre jünger war als er. Heinrich Mann – auf den Marlene Dietrichs „Blauer Engel“ zurückgeht – traf seine zweite Frau, eine Bardame, während er noch mit der ersten verheiratet war. Kurt Tucholsky, ein erbitterter Streiter gegen das Schmutz- und Schundgesetz der Weimarer Republik, wurde von seiner Frau verlassen, die sich beklagte, sie müsse über seine Geliebten hinwegsteigen, um in ihr gemeinsames Bett zu kommen. Und Erich Kästner, dessen Bücher ebenfalls von den Nazis verbrannt wurden, hatte zwei Freundinnen in zwei Städten.

Kein Gerichtsverfahren, kein Urteil

Selbst die härtesten Feministinnen behaupten heute nicht mehr, dass Soon-Yi Allens Opfer sei. Heute geht es um Vorwürfe der jüngeren Adoptivtochter Dylan Farrow, er habe sie als Siebenjährige sexuell belästigt. Dies wurde bereits 2014 öffentlich, als Dylan und Mia Farrow mit Nicholas Kristof sprachen, einem New York Times-Reporter und (kleiner Interessenkonflikt) Freund der Familie. Nun spaltet der Fall New York in zwei verfeindete Lager: Die einen glauben Dylan Farrow, die anderen Woody Allen, der alles abstreitet. Beweise, Zeugen oder weitere Vorfälle gibt es nicht, eine ärztliche Untersuchung erbrachte kein Ergebnis, es gab kein Gerichtsverfahren, geschweige denn ein Urteil. Aber das nutzt Woody Allen nichts.

Mit den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein kam der ganze Fall wieder hoch. Nur mit diesem Unterschied. Niemand wirft Allen vor, dass er Schauspielerinnen belästigt oder Rollen versprochen habe, falls ein Starlet mit ihm ins Bett geht. Ohnehin zahlt Allen Schauspielern stets nur die gewerkschaftliche Mindestgage von 5.000 Dollar. Er hat einigen jungen Schauspielerinnen nachgestellt, wie Mariel Hemingway, die in „Manhattan“ mitspielt, aber das ist nicht ungewöhnlich, und er hat ihr „Nein“ akzeptiert.

Sind Allens Filme unmoralisch?

Weil man Allen in seinem Privatleben heute eigentlich nichts vorwerfen kann, was neu oder gar unbekannt wäre, geraten nun seine Filme ins Visier. Die Kritik an Allen manifestiert sich in der Äußerung, „mir haben seine Filme noch nie gefallen, deshalb muss an den Vorwürfen etwas dran sein“. Seine Kritiker – in die sich kürzlich sogar New York Times-Filmrezensent A.O. Scott einreihte – gucken nun noch einmal genau hin. Sind seine Filme nicht unmoralisch? Dekadent? Handeln sie nicht oft von alten Männern, die jungen Frauen hinterhersteigen oder zwischen zwei Frauen schwanken, von Ehebrechern, Verbrechern und Prostituierten und, schlimmer noch, Autoren, die Texte stehlen? Wirklich? Merken seine Kritiker das erst heute? Den Begriff „entartete Kunst“ hat bisher noch keiner gebraucht, aber warten wir‘s ab. Der Reichsfilmkammer hätte Allens Oeuvre jedenfalls bestimmt nicht gefallen. Und den Filmkontrolleuren, die im Hollywood der dreißiger und vierziger Jahre für einen sauberen Lichtbildschirm sorgten, auch nicht. Allen hat selber schon in „Stardust Memories“ Leute persifliert, die sich beklagen, seine frühen Filme seien doch viel lustiger gewesen. Jetzt aber wird es ernst.

Ja, Woody Allens Frauenfiguren kommen oft nicht gut weg. Stark sind sie oft, aber nicht so niedlich wie Mary Jane in „Spiderman“. Seine Männerfiguren sind auch keine richtigen Helden. Meistens, weil schriftstellernde New Yorker mit Psychotherapeut nicht die burschikose Fröhlichkeit von „Crocodile Dundee“ haben oder die Superkräfte von „Spiderman“. Die meisten, die Allens Filme nicht mögen, haben seit „Manhattan“ keinen mehr gesehen, aber das hält niemanden davon ab, eine Meinung zu haben. 

Gegen alles, wofür Allens New York steht

Und mehr als das. Schauspielerinnen, die Allen gute Rollen oder Oscar-Nominierungen zu verdanken haben, distanzieren sich nun von ihm. Andere wollen ihre Gage spenden – die gewerkschaftliche Mindestgage von 5.000 Dollar wohlgemerkt. Kein einziger dieser Schauspieler hat Allen persönlich etwas vorzuwerfen, alle reagieren auf den Zeitgeist. Man hat das Gefühl, ein Mob rottet sich gerade zusammen, der neues Fleisch sucht, neue Beute. Der aus Leuten besteht, die vor allem gerne ihren Namen gedruckt sehen wollen. Das alles, natürlich, im Gewande des Guten. Man muss Allens Filme nicht mögen, um es widerlich zu finden, wie diese Meute über einen gebrechlichen, genialen, jüdischen 82-jährigen Filmemacher herfällt.

Eigentlich richtet sich diese Kampagne nicht nur gegen Allen, sondern gegen ganz New York, diese unmoralische Großstadt, in der man anonym sein darf und eine Geliebte haben kann. Woody Allens New York, Larry Davids New York, Spike Lees New York. Gegen all diese jüdischen oder atheistischen Künstler, die Witzereißer in den Catskills, die Prostituierten auf dem Times Square, die Psychotherapeuten, alles, was nicht suburban ist. Dass die New York Times dabei mitmacht, ist eine Schande. Reicht es den Spießern aus dem Mittleren Westen denn nicht, Donald Trump im Weißen Haus zu haben? Müssen sie auch noch entscheiden, was ins Kino kommt?